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Marburg „Wir brauchen viele Impfstoff-Ansätze“
Marburg „Wir brauchen viele Impfstoff-Ansätze“
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19:55 20.05.2020
Professor Stephan Becker forscht an einem Impfstoff gegen Corona. Quelle: Arne Dedert/dpa
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Marburg

Noch in diesem Jahr soll unter Beteiligung Marburger Forscher ein potenzieller Impfstoff gegen Sars-CoV-2 in ersten klinischen Versuchen am Menschen getestet werden, wie die Pressestelle der Uni Marburg mitteilte.

„Der Bauplan für den Impfstoff ist fertig. Jetzt muss der Impfstoff für die klinischen Tests noch produziert werden“, erklärt Professor Stephan Becker.

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Der Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Marburg und Koordinator des Bereichs „Neu auftretende Infektionskrankheiten“ im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) ergänzt: „Wir haben jetzt finanziell und logistisch alles zusammen, um bald eine klinische Prüfung der Phase I zu starten.“

In dieser Phase stehen die Tests auf Verträglichkeit und Anregung von Immunantworten an. In Marburg findet das Immun-Monitoring statt – also die Charakterisierung der Antikörper-Antwort auf den Impfstoff.

Ebola bremste MERS-Forscher aus

„In den letzten Jahren habe ich länger an MERS gearbeitet“, sagt Professor Stephan Becker im Gespräch mit der OP. Zusammen mit seinem Kollegen aus München, Professor Gerd Sutter, und Professorin Marylin Addo (Hamburg) entwickelte er einen Impfstoff-Kandidaten. Dieser baute auf einer sogenannten Vakzine-Plattform auf. Basis war ein verändertes Pockenvirus, das mit einem Oberflächenprotein des MERS-Coronavirus kombiniert wurde.

Nach dem Beginn im Jahr 2014 wurde die Wirksamkeit des Impfstoffkandidaten bereits in einer Studie mit Mäusen vor einigen Jahren gezeigt. Vor der weiteren Entwicklung kam dann die Ebola-Krise dazwischen, sodass die Entwicklung des MERS-Impfstoffes zurückgestellt wurde. Jetzt konnte der Impfstoff erstmals am Menschen getestet werden.

Weltweit mehr als 80 Projekte

Die Erfahrungen zeigten den Forschern, dass die Impfstoff-Plattform sicher ist, erläutert Becker im Gespräch mit der OP. Nach dem selben Prinzip soll nun auch ein Impfstoff gegen das neue Coronavirus entwickelt werden, wobei die Plattform jetzt mit dem Oberflächenprotein des Sars-CoV-2 kombiniert wird.

In Sachen Covid-19 entwickeln die Wissenschaftler aus München, Hamburg und Marburg derzeit auf Hochtouren einen Impfstoffkandidaten, der auch bereits hergestellt ist. Die Forscher arbeiten zusammen mit dem deutschen Impfstoffhersteller „IDT“. Weltweit gibt es derzeit mehr als 80 Corona-Impfstoff-Entwicklungsprojekte. Drei dieser Projekte weltweit und eines in Deutschland haben schon mit der ersten klinischen Studie begonnen.

Mehrere Impfstoffe wünschenswert

Stephan Becker und seine Kollegen hoffen, für ihren Impfstoff „MVA-Sars-CoV-2“ im September mit den klinischen Studien zu beginnen. Aufgrund der weltweit drängenden Zeitproblematik muss es insgesamt schneller gehen als sonst üblich. So gibt es parallel auch schon Planungen für die weiteren klinischen Studien.

Im weltweiten Wettlauf ist es nach Ansicht von Becker wichtig, dass nicht nur ein Impfstoff erfolgreich ist. „Wir brauchen viele Impfstoffe, die erfolgreich sind. Wir benötigen deshalb verschiedene Ansätze“, sagt der Virologe. Benötigt würden weltweit 14 Milliarden Impfstoff-Dosen, das heißt hochgerechnet prinzipiell für jeden Menschen auf der Welt zwei Dosen.

Menge überfordert einzelne Unternehmen

Das liegt daran, dass bei den meisten Impfungen das Immungedächtnis vier Wochen nach einer ersten Impfung noch einmal durch eine zweite Dosis stimuliert werden muss. Gewisse Erfahrungswerte dafür gibt es in Deutschland aufgrund der Grippe-Pandemie 2009. Becker hofft aber, dass das damalige Chaos mit dem Impfstoff in der aktuellen Situation möglichst vermieden werden könne.

Es gebe kein Pharma-Unternehmen auf der Welt, das eine derart große Anzahl alleine produzieren können. Deswegen müssten sich die Unternehmen zusammenschließen. Obwohl es so schnell gehen muss, werden die üblichen Vorschriften für klinische Studien in der globalen Gesundheitskrise nicht außer Kraft gesetzt. Die Sicherheit geht hier vor.

Bis zu 200.000 Probanten nötig

„Es soll schnell gehen, aber es muss sicher gehen“, betont Becker. Die Regularien der Genehmigungsbehörden bleiben nach wie vor bestehen. So soll für den „MVA“-Impfstoff in den klinischen Studien der Phase I und II die Sicherheit und die nötigen Dosierung getestet werden. „In der Phase III kann man bis zu 200.000 Menschen immunisieren, um den Wirksamkeits-Nachweis zu erbringen“, erläutert Becker.

Damit könne man dann eine Zulassung erreichen. Für den aktuellen Impfstoff-Kandidaten könne die Phase-III-Studie im Frühjahr 2021 starten. Bei solch einer Phase-III-Studie könne schon im Verlauf der Impfungen die Wirksamkeit des Impfstoffes überprüft werden und aufgrund der vergleichsweise großen Datenbasis könne man auch schon seltene Nebenwirkungen nachweisen.

Entscheider sind die Politiker

Schon seit Anfang Januar dieses Jahres laufen die Vorbereitungen auch der Wissenschaftler vom Institut für Virologie auf Hochtouren. „Wir bereiten uns auch prinzipiell auf solch eine Pandemie seit Jahren vor“, macht Becker deutlich. Die jetzt zutage tretenden Auswirkungen auf jeden Lebensbereich kommen trotzdem für den Marburger Forscher sehr überraschend.

Dass die Wissenschaft in der Corona-Krise eine so große Bedeutung erlangt habe, findet er eigentlich sehr gut. Allerdings betont Becker, dass politische Entscheidungen nach wie vor von den Politikern und nicht von den Wissenschaftler getroffen werden müssen.

Von Manfred Hitzeroth

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