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Marburg Riesen-Windrad hinterm Schloss?
Marburg Riesen-Windrad hinterm Schloss?
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00:15 03.07.2019
Zwischen Michelbach und Wehrda stehen bereits Windkraftanlagen. Kommen nun doch welche am Görzhäuser Hof dazu? Investor UKA aus Sachsen prüft derzeit. Quelle: Thorsten Richter
Michelbach

Gerade erst wurde der Vorstand der Bürgerinitiative Windkraft Görzhausen (BI) neu gewählt, schon gibt es neue Entwicklungen, die die BI mit Argus-Augen verfolgt. Laut Information vom Vorsitzenden Thomas Riedel wird derzeit ein bisher nicht näher untersuchtes Gebiet für die Beantragung einer Baugenehmigung seitens der BI planungstechnisch überwacht. „Die Firma UKA Meißen evaluiert momentan, dort unter Umständen ein Windrad zu errichten“, erklärt der Wiedergewählte im OP-Gespräch. Das Gebiet befindet sich am Rande­ des bekannten bestehenden 
Windenergie-Vorranggebietes.

Auf OP-Anfrage bestätigte das Planungsunternehmen aus Meißen Folgendes: „Die UKA-Gruppe betrachtet das im Regionalplan ausgewiesene Windeignungsgebiet ‚Görzhäuser Hof‘ und prüft dessen Potenzial. Wir befinden uns dabei noch in einem frühen Projektstadium. UKA prüft derzeit die ­naturschutzfachlichen Rahmenbedingungen. Es wurde noch keine finale Entscheidung über eine mögliche Anzahl zu errichtender Windenergieanlagen oder den Hersteller dieser getroffen.“

Prüfung lief schon im letzten Jahr

Noch Anfang 2018 hatte sich das Unternehmen aus Sachsen zusammen mit dem heimischen Investor Krug Energie gegen den Bau von Windkraftanlagen in genau diesem Vorranggebiet entschieden. UKA hatte damals erklärt, sie verfolge ihre Pläne derzeit nicht aktiv weiter, auf gepachteten Flächen eine Windkraftanlage zu errichten. Nun also doch? Das jedenfalls lässt die derzeitige Evaluierung vermuten.

„Wir werden versuchen, das zu verhindern“, sagt Thomas Riedel sehr bestimmt im OP-Gespräch und berichtete, dass das Regierungspräsidium (RP) auf BI-Rückfrage bestätigte, dass momentan keinerlei Aktivitäten im Bereich Görzhausen bekannt seien. Dennoch hatte sich das RP an die BI gewandt und hatte nach der Aufstellung der Vogelhorste gefragt. Im Jahr 2017 hatten sich der Marburger Vogelschutzbeauftragte Professor Martin Kraft und Michelbacher auf die Suche begeben. Im Umkreis der zu bauenden Windanlagen waren Horste von Bussarden und vom Rotmilan gefunden. Damals wurden 32 Horste gezählt, zudem 35 bis 40 Brutpaare von Graureihern, die auch Wehrshausen überfliegen, ebenso wie 1 000 rastende Kraniche auf dem Weg ins Winterquartier.

Die BI ließ sich einige Horste von einem Notar bestätigen und händigten es dem RP aus, aber ohne die exakten GPS-Daten. „Das ­Regierungspräsidium konnte­ uns nicht zusichern, dass die Daten immer erst nach Rücksprache mit uns an Dritte weitergeleitet werden“, erklärte­ Thomas 
Riedel die Entscheidung.

BI warnt vor Infraschall

Die Firma UKA wies in ihrer­ Stellungnahme noch einmal darauf hin, dass „stets Anlagen der neuesten technischen Generation zum Einsatz“ kommen. „Diese sind zwar höher, aber auch deutlich wirtschaftlicher als ­
ältere Anlagen. Moderne Windenergieanlagen sind außerdem wesentlich leiser, da diese schallgedämmt sind und schalltechnisch optimierte Rotorblattformen besitzen.

„Dann hätten wir ja vielleicht bald ein Riesenrad hinterm Schloss“, sagte Thomas Riedel fast ironisch, als ihn die OP mit dieser Information konfrontiert. „Es ist bekannt, dass die sogenannte ‚Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm‘ überholt ist und es längst neue Werte gibt. Sich nur auf alte Werte zu beziehen ist nicht mehr opportun.“

UKA vergleicht den ­Geräuschpegel eines Windrades neuester Generation „mit dem Surren eines Kühlschranks“. Thomas Riedel hingegen warnt davor, den Infraschall zu unterschätzen: „Infraschall spielt eine große Rolle. Es geht nicht nur um den Schall den man hört, sondern auch den, den man nicht hört. Der kann nämlich genauso gesundheitsschädigend sein wie der hörbare.“ Das sächsische Unternehmen betonte auch noch einmal: „Falls sich die Fläche als geeignet herausstellt und es ein ­Genehmigungsverfahren geben wird, wird dieses öffentlich sein. Jeder Bürger kann dann im Rahmen der öffentlichen Auslegung eine Stellungnahme abgeben.

Rückblick

Seit 2009 beschäftigt das Thema „Windkraftanlage am Görzhäuser Hof“ den Ortsbeirat und die Anwohner. Ende 2015 informierte Investor „Krug Energie“, dass er vier Windräder auf der Vorrangfläche errichten wolle. 2017 äußerte die Firma UKA aus Meißen ebenfalls Interesse. Im gleichen Jahr gründete sich die Bürgerinitiative. 2018 zogen sich beide Investoren aus den Planungen zurück.

von Katja Peters