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Marburg Keime in Wurst: Zwei Menschen sterben
Marburg Keime in Wurst: Zwei Menschen sterben
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22:01 02.10.2019
Belastete Pizzasalami: Unter anderem wurden Listerien auf geschnittener Salami gefunden. Quelle: Elmar Schulten
Berndorf

„Wiederholt“ sei man in der Vergangenheit mit der Situation konfrontiert worden, dass Verunreinigungen in Wilke-Produkten gefunden wurden, sagte Dr. Reinhard Kubat, Landrat des Landkreises Waldeck-Frankenberg. Seit etwa Jahresanfang begleite man den Betrieb bereits, sagte Veterinär Dr. Martin Rintelen. Die beiden Listerien-Befunde aus Hamburg und Baden-Württemberg waren der Auslöser. Unter anderem habe es daraufhin eine Grundreinigung des gesamten Betriebs gegeben.

Keime im Hochrisiko-Bereich

Dennoch sei es bisher nicht gelungen, die Quelle der Verunreinigung zu finden. Möglicherweise seien die fünf großen Schneide-Maschinen der Auslöser. Dort – in einem sogenannten Hochrisiko-Bereich – seien Listerien gefunden worden. Das sei auch ausschlaggebend gewesen für die Schließung, so Rintelen.

In geschnittenen Produkten wie Pizzasalami und Brühwurstaufschnitt wurden Listerien nachgewiesen. Diese Form von Keimen dürften durchaus in Lebensmitteln vorkommen, allerdings nur bis zu einem gewissen Grenzwert. Und: In einem sensiblen Bereich wie im Umfeld von Schneide-Maschinen dürften überhaupt keine Listerien nachgewiesen werden, betonte Rintelen. Möglich sei auch, dass die Keime durch Wasser in die Produkte gelangt seien. Der Brunnen, aus dem Wilke sein Wasser für die Produktion bezieht, sei nicht verunreinigt, sagte der Veterinär.

Behörden suchen nach Quelle der Listerien

Wasser sei bei Listerien generell ein Problem. Bei Wilke tropfe es beispielsweise aus Rohrleitungen von der Decke, auf dem Boden hätten sich Pfützen gebildet. Es sei schwer, einen solchen Betrieb komplett trocken zu bekommen, so Rintelen. Es gebe zahlreiche bauliche Mängel im Betrieb, zudem habe es immer wieder „Reinigungsmängel“ gegeben. Deshalb habe Wilke Anfang diesen Jahres eine neue Fremdfirma beauftragt.

Da auch Menschen Träger von Listerien sein können, seien auch alle Mitarbeiter untersucht worden. Festgestellt wurde dabei aber nichts, betonte der Amtsleiter. Die „Taskforce“ des Regierungspräsidiums in Kassel war am Mittwoch noch einmal im Betrieb in Berndorf, ebenso Rintelen und Fritz Schäfer, beim Landkreis Dezernent für Verbraucherschutz. Beide haben auch der Geschäftsführung von Wilke die Verfügung überreicht, nach der der Betrieb sofort geschlossen werden muss. „Das war mein schwerster Gang als Kommunalpolitiker“, sagte Schäfer mit Blick auf die rund 200 Mitarbeiter. Die Agentur für Arbeit sei informiert worden, sagte Landrat Dr. Reinhard Kubat. Wie es für die Mitarbeiter weitergeht, ist noch völlig unklar. Dennoch habe es keine andere Option gegeben, so Kubat. „Wir haben eine Verpflichtung gegenüber den Mitbürgern.“

Weltweite Rückrufaktion für Produkte von Wilke

Gestartet wurde deshalb auch umgehend eine Rückrufaktion für alle Produkte, ausgenommen Vollkonserven. In die ganze Welt liefert Wilke Produkte, vor allem in Gastronomie und Großküchen, unter anderem auch in Krankenhäuser und Altenheime. Ob der Betrieb weiterbestehen könne, „kann ich nicht beurteilen“, so Martin Rintelen.

Insgesamt seien Listerien schwer greifbar, sagte der Veterinär. Dennoch konnte das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin herausfinden, woher die Keime von Proben stammten. Seit 2014 habe es immer wieder Listerien-Fälle in Deutschland gegeben, erklärte Rintelen. „Seit 2018 sind verstärkt Fälle aufgetreten, die Wilke zugeschrieben werden.“ Das Institut habe Proben und Daten gesammelt und „durch Patientenbefragungen den Kreis enger ziehen können“, welche Produkte von Erkrankten gegessen wurden.

Genom-Untersuchung: 
Spur führt nach Berndorf

Eine Untersuchung der Genomzusammensetzung führte schließlich zu dem Ergebnis, dass die beiden Todesfälle zu 99,6 Prozent auf Produkte aus der Wurstfabrik in Berndorf zurückzuführen sind. Das RKI selbst gibt auf Nachfrage unserer Zeitung keine Auskunft zu einzelnen Untersuchungen.

Wie der Landkreis berichtete, wurden die Informationen zum Fall Wilke an die Kasseler Staatsanwaltschaft weitergegeben. „Mangels bislang vorliegender näherer Informationen können derzeit keine Auskünfte gegeben werden“, heißt es dort auf Nachfrage. Derzeit wird damit gerechnet, dass es am Freitag oder Anfang kommender Woche Infos gibt, ob ein Verfahren gegen Wilke Wurstwaren eingeleitet wird.

Gefahr durch Listerien

Listerien sind nahezu überall zu finden, sagt Dr. Martin Rintelen, Veterinär des Landkreises Waldeck-Frankenberg. „Träger kann auch der Mensch sein“. Gefunden werden sie laut Informationsseite des Robert-Koch-Instituts nicht nur auf tierischen Lebensmitteln wie Geflügel und Fleisch sowie in Milch und Milchprodukten. Auch auf pflanzlichen Lebensmitteln wie vorgeschnittenen Salaten wurden sie bereits festgestellt. Listerien kommen in der Natur häufig vor. Nur sehr wenige Menschen, die Listerien aufnehmen, erkranken an der so genannten Listeriose. Bei gesunden Erwachsenen verläuft die Infektionskrankheit meist unauffällig oder nimmt einen harmlosen Verlauf mit grippeähnlichen Symptomen. Gefährlich ist die Infektion für abwehrgeschwächte Personen: Neugeborene, alte Menschen, Patienten mit chronischen Erkrankungen, Transplantierte und Schwangere. Bei ihnen und bei Ungeborenen kann Listeriose zum Tod führen.

Von Julia Renner