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Marburg Wilhelmsbau des Marburger Schlosses wird aus Brandschutzgründen geschlossen
Marburg Wilhelmsbau des Marburger Schlosses wird aus Brandschutzgründen geschlossen
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12:00 17.12.2021
Das Uni-Museum für Kulturgeschichte schließt bis auf Weiteres.
Das Uni-Museum für Kulturgeschichte schließt bis auf Weiteres. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

„Mit Bedauern“ machte die Marburger Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause am Mittwoch eine Mitteilung im Uni-Senat: Das Uni-Museum für Kulturgeschichte im fünfstöckigen Wilhelmsbau des Marburger Landgrafenschlosses soll aus Brandschutzgründen ab dem kommenden Montag auf unabsehbare Zeit geschlossen werden. Der Grund: Es gibt im Wilhelmsbau nur ein einziges Treppenhaus mit einer Wendeltreppe. Für den Fall eines Brandes steht also kein zweiter Rettungsweg zur Verfügung. Seit drei Jahren war der Betrieb trotzdem interimsmäßig rechtlich möglich, weil die Universität an den Planungen für die Umsetzung eines Brandschutzkonzeptes arbeitete. Und im Ernstfall könnte die Rettung durch Fenster über Feuerwehrleitern erfolgen. Glücklicherweise für die Universität seien die Besucherzahlen im Uni-Museum für Kulturgeschichte zuletzt nicht so hoch gewesen, betonte Krause. „Aber wenn etwas passiert, dann sind die Personen im Präsidium dran“, betonte sie.

Uni-Senatorin: Ein trauriges „Marburg 800“-Jahr

Bereits im Jahr 2018 liegt ein von der Marburger Universität bei einem Thüringer Ingenieur-Büro in Auftrag gegebenes Brandschutzgutachten für das gesamte Schloss vor. Für den Hauptbau des Schlosses, der zwei Treppenhäuser und somit zwei Fluchtwege besitze, sei ein tragfähiger Kompromiss gefunden worden: Die Reduzierung der Zahl der Personen, die sich gleichzeitig im Schloss aufhalten können. In der Nach-Corona-Zeit sind dann allerdings im repräsentativen Fürstensaal nur noch Veranstaltungen mit insgesamt bis zu 190 Personen erlaubt.

Anders sieht die Lage für den Wilhelmsbau aus – den 1493 errichteten kleineren Anbau an das Hauptgebäude des Landgrafenschlosses. Um dort einen zweiten Rettungsweg einzubauen, seien in enger Absprache mit dem Denkmalschutz drei bauliche Varianten von der Bauabteilung der Universität geprüft worden, mit denen teilweise auch ein barrierefreier Zugang ermöglicht werden könnte:

eine Entrauchungsanlage für das Treppenhaus, mit der zumindest ein „Sicherheits-Treppenhaus light“ entstehen könnte;

ein neu angebauter Treppenturm mit Aufzug an der Vorderseite oder

der Abbruch eines schmalen Anbaus an den Wilhelmsbau zur Rückseite (Nordseite) und der Einbau eines Aufzugs im Inneren.

Alle drei Lösungen wären aber mit Eingriffen in die historische Bausubstanz und/oder Beeinträchtigungen des äußeren Erscheinungsbildes verbunden, macht Krause deutlich.

Uni-Senatorin Professorin Ilka Agricola reagierte entsetzt auf die Botschaft der Präsidentin, damit gehe die Stadt Marburg wohl in ein trauriges „Marburg 800“-Jahr, kommentierte Agricola. Zusätzlich zu der Tatsache, dass die Elisabethkirche wegen der Innensanierung nur eingeschränkt besichtigt werden könne, gebe es jetzt auch weniger im Schloss zu besichtigen, meinte sie bedauernd.

„Das ist ein großer Verlust für Marburg 800 und überhaupt“, machte auch Krause im Senat deutlich. Sie betonte allerdings auch, dass es sowieso eine herausfordernde Aufgabe darstelle, die hohe Qualität der aus dem Mittelalter stammenden Kunstwerke zu vermitteln. Dazu zählen beispielsweise Kruzifixe des 12. und 13. Jahrhunderts, Skulpturen des 15. bis 17. Jahrhunderts, mittelalterliche Reiterschilde, Waffen und Rüstungen, Herrscherbildnisse und Orden sowie Kunsthandwerk aus fürstlichen Manufakturen.

Im Gespräch mit der OP wies die Präsidentin aber auch darauf hin, dass die geplante Ausstellung zur Stadtgeschichte im „Marburg 800“-Jahr 2022 auf jeden Fall im Hauptgebäude des Schlosses stattfinden solle.

Hoffen auf den Landtag

Trotz der Schließung des Wilhelmsbaus hofft Krause, dass der Hessische Landtag im Rahmen der Beschlüsse zum Doppelhaushalt 2023/2024 „den Startschuss für die lang erwartete Dachsanierung des ganzen Schlosses gibt“. In diesem Rahmen werde sich dann auch eine Lösung für eine „sichere und barrierefreie Nutzung des Wilhelmsbaus finden lassen müssen“, ergänzt sie.

Perspektivisch könne sie sich einen Wechsel in der Betreiberverantwortung für das Schloss vorstellen. „Irgendwann muss sich das Land zum Marburger Landgrafenschloss bekennen“, meinte die Präsidentin. „Das Schloss muss raus aus der Universität und rein in die Organisation des Landes, das sich dann professionell darum kümmert“, skizzierte die scheidende Präsidentin im Senat ihre Idee.

„Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass die Universität die Schlossanlage seit Jahrzehnten betreut und verwaltet, denn es handelt sich nicht um ein vorrangig für universitäre Zwecke nutzbares Gebäude“, sagte Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) auf OP-Anfrage. Und der Unterhalt sei mit hohem Aufwand verbunden.

„Deshalb arbeiten wir auch daran, der Universität Marburg im Rahmen des anstehenden Doppelhaushalts 2023/24 für die anstehenden Schieferdachsanierungen als erste prioritäre Sanierungsmaßnahme Mittel bereitzustellen“, so Dorn.

„Das Ministerium bedauert, dass sich die Universität Marburg in der Ausübung ihrer Betreiberverantwortung dazu gezwungen sah, den Wilhelmsbau des Marburger Schlosses zu schließen“, betont Dorn. Die Sicherheit der Nutzer und Besucher habe allerdings Vorrang, sodass diese Entscheidung akzeptiert werden müsse. Das Wissenschaftsministerium werde die Universität weiterhin bei der Suche nach Lösungsansätzen unterstützen. Diese seien allerdings im Spannungsverhältnis zwischen den Anforderungen an Sicherheit und Brandschutz einerseits sowie dem Denkmalschutz andererseits leider sehr schwer zu finden.

Der Wilhelmsbau steht am Sonntag (19. Dezember) zum vorerst letzten Mal Besuchern offen. Der Rundgang im Haupttrakt des Schlosses ist für Einzelbesuche und Gruppen nach der aktuell geltenden 2G-Regel des Landes Hessen weiterhin zu den gewohnten Öffnungszeiten (dienstags bis sonntags 10-16 Uhr) möglich

Von Manfred Hitzeroth

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