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Marburg Marburg sucht den Weg zur Klimaneutralität
Marburg Marburg sucht den Weg zur Klimaneutralität
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17:15 11.11.2021
Hella Ayubi und Filipp Bezold (vorne) errichteten zusammen mit weiteren Klimaschützern ein„Mahnmal“ von Make Damage Visible am Elisabeth-Blochmann-Platz in Marburg.
Hella Ayubi und Filipp Bezold (vorne) errichteten zusammen mit weiteren Klimaschützern ein„Mahnmal“ von Make Damage Visible am Elisabeth-Blochmann-Platz in Marburg.
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Marburg

Alle reden über das 1,5-Grad-Ziel – die Politikerinnen und Politiker beim Klimagipfel in Glasgow, aber auch Aktivistinnen und Aktivisten. Dabei ist das Wort „Ziel“ eigentlich missverständlich, findet Filipp Bezold von „Make Damage Visible“, einer Gruppe, die die zerstörerischen Folgen der globalen Erwärmung mit Aktionen in der Stadt sichtbar machen will. „Ziel klingt so, als müsste man da hinkommen“, sagt Bezold. „Aber eigentlich geht es um Grenzen, die wir nicht erreichen dürfen. Wenn diese Grenzen überschritten werden, gibt es grundlegende Veränderungen auf unserem Planeten, so dass das Leben wie bisher nicht mehr möglich ist“, warnt er.

Um diese „Kipp-Punkte“ ging es bei der jüngsten Aktion von „Make Damage Visible“ – darum, was laut Prognosen von Klimaforschern passieren kann, wenn die durchschnittliche globale Erwärmung 1,5 oder 2 Grad überschreitet. „Es ist höchst wahrscheinlich, dass sich der Klimawandel dann selbst verstärkt“, erklärt Bezold. „Die Permafrostböden tauen auf und Methan wird frei, das den Klimawandel beschleunigt.“

Bezold hofft deshalb, dass beim voraussichtliche heute endenden Gipfel in Glasgow verbindliche Absprachen getroffen werden, damit die CO2-Emissionen gemäß der Beschlüsse des Pariser Klimagipfels von 2015 sinken. Denn aus Sicht von Fachleuten reichen die Klimapläne der einzelnen Staaten nicht aus. „Es ist frustrierend: Alle Länder sind bereit, das 1,5-Grad-Ziel anzuerkennen – aber sie rücken nicht so richtig mit der Sprache heraus, was das konkret bedeutet“, kritisiert Paul Robben von Fridays for Future Marburg.

Stadt Marburg will bis 2030 klimaneutral sein

Louisa Friedrich von Marburg Zero, einer Lokalgruppe der Klimaschutz-Organisation German Zero, hofft, dass in Glasgow Budgets beschlossen werden, wie viel CO2 die einzelnen Länder noch ausstoßen dürfen. Zudem müsse die Finanzierung für Länder geklärt werden, die sich mehr Klimaschutz nicht leisten können. Paul Robben von Fridays for Future blickt dagegen pessimistisch nach Glasgow: „Wir sind ernüchtert“, sagt er und fügt hinzu: „Wir glauben, dass wir weiterhin für Klimaschutz auf die Straße gehen müssen.“

Mehr konkrete Ideen für den Klimaschutz fordern die Klimaaktivistinnen und -aktivisten nicht nur von den in Glasgow versammelten Regierungen, sondern auch von der Stadt Marburg ein. „Wir sehen die Bereitschaft der Politik in Marburg“, sagt Robben, aber es müsse mehr getan werden.

Die Stadt hatte bereits Mitte 2019 den Klimanotstand ausgerufen. Im Mai 2020 beschlossen die Stadtverordneten einen Klima-Aktionsplan mit dem Ziel, dass Marburg bis 2030 klimaneutral wird. Dieses Ziel hat sich auch die neue Koalition aus Grünen, SPD, Marburger Linke und Klimaliste auf die Fahnen und in den Koalitionsvertrag geschrieben. „Wir verfolgen das Ziel, dass die Marburgerinnen und Marburger bis 2030 in einer klimaneutralen, klimaangepassten und klimagerechten Stadt leben“, heißt es in der Vereinbarung.

Unter anderem soll es einen Klimarat aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Interessengemeinschaften, Bürgerinnen und Bürgern geben. Klimaaktivistin Friedrich begrüßt das: „Das ist ein fantastischer Schritt – ich hoffe, dass es wirklich ein wirksames Gremium wird und nicht nur Symbolpolitik.“ Mit Blick auf die Stadtverwaltung sagt sie, es müsse dort nicht nur einen Fachbereich Klimaschutz geben – sondern Klimaschutz müsse das Querschnittsthema für alle Bereiche werden.

Friedrich betont, es gehe beim Klimaschutz vor allem um die großen Stellschrauben, an denen Regierungen oder Kommunen drehen könnten. Natürlich sei es auch wichtig, wenn einzelne Personen einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Aber ein Schritt wie beispielsweise die Abschaltung der Kohlekraftwerke bringe weitaus mehr. Die großen Stellschrauben sieht sie in Marburg beim Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs sowie den Themen Wärme und Energie. Der Gebäudesektor sei für fast die Hälfte der CO2-Emissionen verantwortlich – da seien die Stadtwerke und große Vermieter wie die Gewobau gefragt.

Auch die neue Koalition in Marburg will an dieser Stelle ansetzen – mit einem Programm für die energetische Sanierung älterer Gebäude. Die Stadtwerke als kommunales Unternehmen arbeiten ebenfalls auf das Ziel hin, in Marburg bis zum Jahr 2030 Klimaneutralität zu erreichen, wie Stadtwerke-Sprecher Jonas Becker auf OP-Anfrage mitteilt. „Das Engagement für den Klima- und Umweltschutz durchzieht alle Geschäftsbereiche der Stadtwerke“, betont Becker. Drei Bausteine für mehr Klimaschutz hebt er hervor:

Ausbau der Erneuerbaren Energien: Die Stadtwerke beliefern ihre Kunden bereits seit 2009 ausschließlich mit Ökostrom und wollen den Anteil des vor Ort regenerativ erzeugten Stroms weiter steigern. Sie betreiben bereits drei eigene Windkraftanlagen und sind an Windparks in Hohenahr und Hassenhausen beteiligt. Um noch mehr Ökostrom vor Ort zu produzieren, ist aus Sicht der Stadtwerke der Ausbau von Photovoltaik-Anlagen wichtig. Klimaaktivistin Friedrich hält ebenfalls einen Solar-Ausbau zum Beispiel auf Dachflächen für wichtig. „Man muss da ansetzen, wo man viel erreichen kann – weil die Leute dann auch mitmachen.“ Die Stadtwerke setzen dafür unter anderem auf Mieterstrom-Projekte, auch in Zusammenarbeit mit der Gewobau. Laut Becker sind bereits zehn Mieterstromprojekte realisiert worden und sieben weitere sind auf den Weg gebracht.

Ausbau der klimafreundlichen Wärmeversorgung: In zwei Blockheizkraftwerken im Stadtwald wird Biogas aus der Biogasanlage in Cyriaxweimar in Strom und Wärme umgewandelt. Kleinere Blockheizkraftwerke, die Holzhackschnitzel und -pellets als Brennstoff nutzen, versorgen andere Teile Marburgs und Orte im Landkreis. Im Heizkraftwerk Ortenberg produzieren die Stadtwerke Strom und Wärme für die Kernstadt – nach Angaben der Stadtwerke „hocheffizient und umweltfreundlich“, allerdings mit Erdgas. Klimaaktivist Robben kritisiert, das Fernheizwerk müsse klimaneutral werden und man müsse aufhören, Gasheizungen einzubauen. Für die Zukunft setzen die Stadtwerke auf weitere Blockheizkraftwerke und auf Modellprojekte wie den Einsatz von Brennstoffzellen zur Wärmeversorgung – möglicherweise auch mit Wasserstoff.

Nahverkehr und Elektro-Mobilität: Der Busfuhrpark der Stadtwerke soll bis 2030 klimaneutral werden. Zwei Elektrobusse sind seit diesem Jahr bereits unterwegs. Für das Jahr 2025 ist nach Angaben der Stadtwerke die Einführung eines Batterie-Oberleitungsbus-Systems geplant. „Auch vor diesem Hintergrund wollen die Stadtwerke den Anteil von Elektrobussen weiter stufenweise steigern“, verspricht Becker. „Die bestehende Busflotte wird also stückweise immer klimafreundlicher. Schon seit längerem setzen die Stadtwerke auf E-Mobilität bei den firmeneigenen Dienstfahrzeugen.“ Zudem betreiben die Stadtwerke in Stadt und Landkreis 25 öffentliche Ladesäulen sowie Park-and-Ride-Parkplätze. „Auch wird die Anschaffung von E-Autos und E-Bikes durch die Stadtwerke finanziell gefördert“, teilt Becker mit.

Robben fordert für Fridays for Future allerdings noch mehr – eine „echte Verkehrswende“: „Wir reden schon sehr lange über eine autofreie Innenstadt“. Das sei natürlich nicht „von jetzt auf gleich“ möglich, der Nahverkehr müsse entsprechend ausgebaut werden, vor allem in den Dörfern.

Klimaaktivisten nehmen neue Koalition in die Pflicht

„Die kommende Regierung in Marburg muss in die Pflicht genommen werden, beim Klima-Aktionsplan nachzubessern und einen Plan mit verbindlichen Meilensteinen erarbeiten, damit die Klimaneutralität bis 2030 erreicht werden kann“, resümiert Bezold. „Vor Ort klimaneutral zu werden, ist eine Riesenaufgabe.“

Aber lohnt sich diese Riesenaufgabe überhaupt, wenn große Klimasünder in anderen Teilen der Welt nicht mitziehen? Paul Robben von Fridays for Future sieht Deutschland auf jeden Fall in der Pflicht. „Erstens: Deutschland gehört beim Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 zu den Top fünf“, sagt er. „Und zweitens: Wenn man bei einer Konferenz wie der in Glasgow etwas erreichen will, muss man mit Argumenten kommen – also mit gutem Beispiel vorangehen.“

Klima-Aktionsplan

Die Stadtverordnetenversammlung hat im Mai 2020 einen Klima-Aktionsplan beschlossen. Er listet auf 130 Seiten auf, was die Stadtverwaltung, aber auch Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger tun können, um bis zum Jahr 2030 klimaneutral zu werden, also maximal so viel Treibhausgase auszustoßen, wie die Natur selbst binden kann.

Zum Aktionsplan gehören auch Förderprogramme. Die Stadt will nach eigenen Angaben in diesem Jahr fast eine Million Euro Zuschüsse für klimafreundliches Wohnen, Gründächer, Elektrofahrräder und mehr zahlen. Anträge für das Programm können beispielsweise Hausbesitzer stellen, die energetisch sanieren und modernisieren wollen.

Von Stefan Dietrich

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