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Marburg Wie weiter mit dem Marburger Wahrzeichen?
Marburg Wie weiter mit dem Marburger Wahrzeichen?
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10:00 01.12.2021
Das Grüner Wehr in Marburg.
Das Grüner Wehr in Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Der Ortsbeirat Weidenhausen debattiert heute über die Verwaltungsvorlage Grüner Wehr. Nach längerer Pause soll es heute um das Sanierungskonzept für das mehr als 900 Jahre alte Wehr gehen. Die Sitzung beginnt um 19 Uhr im Sitzungssaal der Stadtverordnetenversammlung, Barfüßerstraße 50.

Der Grundtenor des Beschlussentwurfs der Stadtverwaltung liest sich zunächst auch so, als bestehe im wesentlichen Übereinkunft mit der Bürgerinitiative Arbeitsgemeinschaft „Grüner Wehr“.

Dass die historische Stauanlage Schäden hat, ist klar. Wie gravierend diese für die Standsicherheit sind, soll mittels Kernbohrungen untersucht werden. Das hatte das Gutachten der Arbeitsgemeinschaft (Arge) „Grüner Wehr“ empfohlen. Gebohrt wird von einem großen Spezialgerät auf einer schwimmenden Plattform mitten auf der Lahn aus. Baustraßen oder andere große Eingriffe in das Lahnufer braucht es dafür nicht, teilt die Stadt mit.

Das „Konzept Bauwerks- und Baugrunduntersuchung“ setzt die Empfehlungen des Gutachtens der Arge um. Erstellt hat es ein auf Geotechnik spezialisiertes Büro in Hungen. Im Kern geht es darum, in mehreren Bohrungen entlang des 73 Meter breiten Wehrs tief in den Baukörper und auch in den Untergrund vorzudringen, auf dem es steht. Dabei werden Proben aus verschiedenen Tiefen entnommen und dann im Labor auf Bodenart, -zustand, Korngrößenverteilung und Durchlässigkeit untersucht. Das Ziel: den Untergrund des Grüner Wehrs sowie den baulichen Zustand der Anlage selbst zuverlässig zu bewerten.

Es gibt noch eine Reihe von Ungereimtheiten

Die Bohrungen am Wehr selbst können komplett vom Wasser aus erfolgen. Dazu wird das Bohrgerät samt der erforderlichen Ausrüstung auf eine Schwimmplattform gestellt, die über Seile oder Schleppanker fixiert ist.

Die Plattform kann über die vorhandene Bootsrampe auf den Lahnwiesen oberhalb der Weidenhäuser Brücke zu Wasser gelassen werden. Ein großer Autokran setzt dann das Bohrgerät von der Weidenhäuser Brücke aus auf die schwimmende Plattform darunter. Von dort wird sie mit Booten weiter bis zum Wehr gezogen und in Stellung gebracht.

Damit ist ein weiterer wesentlicher Konfliktpunkt aus der Vergangenheit ausgeräumt: die Zerstörung der Ufervegetation.

Gleichwohl gibt es noch eine Reihe von Ungereimtheiten, die bei der Bürgerinitiative auf Unbehagen stoßen – das hat zum Teil sicherlich mit der zunächst sehr konfliktbeladenen Zusammenarbeit aus dem Jahr 2017 zu tun, zum Teil auch damit, dass es sich beim Grüner Wehr eben nicht um irgendein Bauwerk handelt, sondern um eines der Wahrzeichen der Stadt Marburg – oder, wie es Ortsvorsteherin Gabriele Baumgart sagt: „DIE Identifizierungsmöglichkeit für die Weidenhäuser.“

Jochen Ani von der Arge hat dennoch Vorbehalte gegen die Vorlage der Bauverwaltung. Ani hält diese an mindestens zwei Punkten für undurchsichtig: Erstens wird in der Beschlussvorlage von der Möglichkeit gesprochen, dass die Holzpfähle, also das Grundgerüst des Wehrinneren, faulen könnten. „Dann müssten aber auch die Holzpfähle der Weidenhäuser Brücke faulen“, sagte Ani. Bei beiden handelt es sich um alte Eichenstämme.

Erneuerung versus Sanierung

Die zweite Ungereimtheit besteht für Ani in dem Ansatz für die Vorbereitungskosten, der für den Fall der denkmalgerechten Erneuerung zu niedrig und den der denkmalgerechten Sanierung zu hoch angesetzt sei.Ani befürchtet, dass hierdurch ein Argument für die Erneuerung des Wehrs wieder aufgenommen werde, das vom Bauamt favorisiert war, aber sich in den großen Konflikten 2017 nicht durchsetzen konnte.

In der von Stadträtin Kirsten Dinnebier unterschriebenen Beschlussvorlage werden die Vor- und Nachteile von Erneuerung und Sanierung tabellarisch gegenübergestellt. Ergebnis: Bis auf die Kriterien „Öffentliche Akzeptanz“ und „Denkmalschutz“ punktet in der Verwaltungsvorlage in allen anderen Kriterien die Erneuerung.

„Möglicherweise Interessengetrieben“ nennt Ani diese Zusammenstellung. Er rechnet deswegen mit einer weiteren heftigen Auseinandersetzung. Auch für Baumgart ist die Grundlage für diese Bewertung nicht ersichtlich. Sie erhofft sich dennoch in erster Linie, dass alle offenen Fragen geklärt werden können, ehe der Ortsbeirat dann zu einem späteren Zeitpunkt seine Stellungnahme abgibt.

Das soll am "Grüner Wehr" geschehen

Nach jahrelangem Streit hatte ein von der Stadt beauftragtes Ingenieurbüro ein Sanierungskonzept für das Wehr vorgestellt, das im Kern die folgenden Punkte enthält:

Herstellung eines geschlossenen Deckwerks durch Steinreparatur und Verschließen der offenen Fugen.
Herstellung einer Tosbeckenplatte aus Beton am unterwasserseitigen Wehrfuß, die mit einer rauen Pflasterung aus Natursteinen belegt wird.
Ergänzt wird die Platte mit einem Kolkschutz aus Bohrpfahl- oder Leichtspundwand. Die Tosbeckenplatte wird als Ersatz für die nicht mehr intakten historischen Holzspundwände unter der Wehrschwelle zur Verlängerung des Sickerweges vorgeschlagen.
Je nach Ergebnis der Bauwerksuntersuchung kann eine Vergütung (Verpressung) der inneren Auffüllung am Wehrkörper erforderlich werden.
Entfernen der Anlandungen im Oberwasser. Die Bausubstanz der Wehrschwelle bleibt bei dem Vorschlag zur Instandsetzung in der heutigen Form bestehen.

Damit sind die früheren Aufreger um das Wehr, insbesondere die vormals ins Auge gefasste Aussichtsplattform, zunächst ad acta gelegt.

Von Till Conrad