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Marburg Wie viele Kinder benötigt Inklusion?
Marburg Wie viele Kinder benötigt Inklusion?
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21:29 03.09.2015
Tiergestützte Pädagogik gehört zum Konzept der Bettina-von-Arnim-Schule. Sie darf zum Schuljahresbeginn keine Inklusionsklasse aus Regel- und Förderschülern bilden. Foto: Tobias Hirsch
Tiergestützte Pädagogik gehört zum Konzept der Bettina-von-Arnim-Schule. Sie darf zum Schuljahresbeginn keine Inklusionsklasse aus Regel- und Förderschülern bilden. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Das Verwaltungsgericht in Gießen lehnte in dieser Woche einen Eilantrag des Trägervereins der Bettina-von-Arnim-Schule ab, der sich gegen die Nicht-Zulassung als integrative Grundschule durch das Staatliche Schulamt wendete. Die Bettina-von-Arnim-Schule ist eine heilpädagogische Waldorfschule in freier Trägerschaft. Der „Verein für heilende Erziehung“ wollte zum Beginn des Schuljahrs eine integrative Grundschulklasse mit jeweils vier Regel- und vier Förderschülern einrichten.

Das Kultusministerium hatte im Frühjahr eine generelle Genehmigung für dieses Vorhaben erteilt (die OP berichtete). Angedacht war eine Inklusionsklasse von maximal 12 Kindern – vier Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf und acht Kinder ohne diesen Förderbedarf. Nachdem sich bis Mitte Juli aber nur jeweils vier Kinder mit und ohne Förderbedarf angemeldet hatten, versagte das Staatliche Schulamt der Bettina-von-Arnim-Schule die Einrichtung einer inklusiven Grundschulklasse, die je zur Hälfte von Förderschülern und Inklusionsschülern besucht wird.

Kritik von Thomas Naumann

Gegen diese Entscheidung reichte der Förderverein kurz vor den Sommerferien einen Antrag auf einstweilige Verfügung beim Verwaltungsgericht Gießen ein. Im Kernpunkt der Auseinandersetzung steht die Frage, ob in einer Klasse mit vier Förder- und vier Regelschülern den Regelschülern jederzeit die Möglichkeit belassen ist, auf eine allgemeinbildende Schule zu wechseln. „Nein“, sagt Bernhard Drude, stellvertretender Leiter des Staatlichen Schulamts für den Landkreis Marburg-Biedenkopf. „Die Anschlussfähigkeit setzt ein Verhältnis von Förderschülern und Regelschülern von mindestens 1:2 voraus.“

Das Verwaltungsgericht ist dieser Argumentation gefolgt. Nach Auffassung der Kammer ging aus dem der Genehmigung vorausgegangenen Schriftverkehr hervor, dass die Bettina-von-Arnim-Schule eine Klasse mit acht Regel- und vier Förderschülern plane. Diese Planung sei „unausgesprochen“ die Grundlage für die Genehmigung gewesen, urteilte das Gericht.

Wie der Anwalt des Vereins für heilende Erziehung, Thomas Naumann, der OP berichtete, hat er gegen die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Beschwerde beim Verwaltungsgerichtshof in Kassel eingelegt. Ob der aber noch so rechtzeitig entscheidet, dass der inklusive Schulbetrieb noch aufgenommen werden kann, vermochte Naumann nicht einzuschätzen. „Inklusion bedeutet in Hessen offenbar ausschließlich, dass Regelklassen mit Förderschülern aufgefüllt werden“, kritisierte Naumann.

Mehr Kinder mit Förderbedarf besuchen Regelschule

Die Bettina-von-Arnim-Schule hält davon unabhängig an ihrem Konzept fest, Regel- und Förderschüler inklusiv beschulen zu wollen. „Hierfür haben wir eine Genehmigung des Ministeriums“, sagte Roland Freitag, Geschäftsführer des Trägervereins. Immer mehr Kinder mit Förderbedarf werden in Hessen an Regelschulen unterrichtet, die Bildungssituation dieser Kinder ist laut einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung aber „unbefriedigend“.

„Der Inklusionsanteil an hessischen Regelschulen ist im Schuljahr 2013/14 auf den höchsten Wert seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 gestiegen“, berichtete die Stiftung am Donnerstag. 21,5 Prozent der Kinder mit Förderbedarf besuchen demnach inzwischen in Hessen eine Regelschule, damals waren es 11 Prozent. Hessen bildet damit das Schlusslicht aller Bundesländer.

„Je höher die Bildungsstufe, desto geringer sind die Chancen auf Inklusion“, schreiben die Autoren. Während der Inklusionsanteil in hessischen Kitas bei 89,6 Prozent und an Grundschulen bei 36,8 Prozent liegt, lernen später nur noch 18,0 Prozent der Schüler mit sonderpädagogischem Bedarf an einer Regelschule.

von Till Conrad