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Marburg Wie viel Corona-Gefahr droht aus Gießen?
Marburg Wie viel Corona-Gefahr droht aus Gießen?
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12:23 08.01.2021
Während der Corona-Beschränkungen gibt es immer wieder neue Beschränkungen (Fotomontage). Dwi Anoraganingrum/Geisler-Foto
Während der Corona-Beschränkungen gibt es immer wieder neue Beschränkungen (Fotomontage).  Quelle: Dwi Anoraganingrum/Geisler-Foto
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Marburg

Die zweite Corona-Welle schwappte Anfang Oktober 2020 von Gießen nach einer Feier in einem Restaurant im Schiffenberger Tal in den Landkreis Marburg-Biedenkopf. Während in unserer Region die Inzidenz jedoch seit Längerem stabil unter 200 liegt, der Marke, ab der nun die 15-Kilometer-Reiseregel greift, ist sie im südlichen Nachbarkreis fast doppelt so hoch (280).

Vor allem die dem Landkreis Marburg-Biedenkopf nahegelegensten Gemeinden – Staufenberg, Wettenberg und vor allem das weniger als 10 000 Einwohner zählende Lollar – sorgen rund um die Universitätsstadt für Unruhe. Denn: Selbst bei Einhaltung des dort geltenden 15 Kilometer Radius können Bewohner aus diesen drei Hotspots bis nach Marburg, zumindest bis nach Cappel, sowieso in die angrenzenden Orte Fronhausen, Bellnhausen und Hassenhausen fahren.

Vielen Berufstätigen, die mitunter täglich von Marburg nach Gießen pendeln, ist wegen der im Süden beständig hohen Fallzahlen bereits seit Längerem mulmig zumute. Denn mehr als 70 000 Berufstätige in Marburg-Biedenkopf pendeln laut Daten aus dem Jahr 2018 von ihrem Wohnort in eine andere Gemeinde, rund ein Viertel davon fährt für den Job in einen anderen Landkreis. Marburg ist laut Statistischem Landesamt dabei das Pendler-Drehkreuz. 30 000 Erwerbstätige pendeln täglich hin, 11 000 pendeln raus – viele in Richtung Gießen (5500).

Laut Pendleratlas kamen zuletzt 3600 Pendler täglich aus Gießen nach Marburg-Biedenkopf. Sie könnten, speziell wenn Homeoffice für sie nicht möglich ist, das Virus versehentlich einschleppen und so auch für einen Fallzahlen-Anstieg jenseits der 200er-Inzidenz sorgen.

Hessen hat mit Regel nicht Familienbesuche, sondern Freizeit- und Ausflugsverhalten im Blick

Der Lollar-Inzidenzwert von mehr als 1500, was mehr als 300 aktiven Infektionen entspricht, ist jedenfalls um ein Vielfaches höher als jeder rund um Marburg gemessene Wert. Und auch die Stadt Gießen, vergleichbar groß wie die Stadt Marburg, hat im Vergleich zu dieser fünfmal so hohe Zahlen (850 zu rund 150 aktiven Fällen).

Mehr noch: Laut der Daten des Gießener Gesundheitsamts haben praktische alle aus dem dortigen Landkreis aufgeführten Kommunen deutlich höhere Fallzahlen als die, die in Marburg-Biedenkopf registriert sind. So haben Linden oder Grünberg, beide vergleichbar groß wie Kirchhain, mehr als 150 aktive Fälle. Im mit Stadtallendorf vergleichbaren Pohlheim sind es 180. Wie sieht es mit der Ansteckungsgefahr aus? Wie die Behörden betonen, sind alle aktiven Fälle und Kontaktpersonen in Quarantäne.

Der Grund für die Infektionsexplosion speziell in Lollar ist ähnlich wie vor Weihnachten in Moischt: In einem Altenheim sind dutzende Bewohner und Pfleger positiv auf Covid-19 getestet worden.

OP-Leser aus dem Landkreis Gießen fürchten aktuell, dass sie wegen der rund um Gießen geltenden 15-Kilometer-Regel ihre Familien rund um Marburg länger nicht mehr sehen können. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat da aber leichte Entwarnung gegeben: Es gehe im Kern um die Einschränkung des Freizeit- und Ausflugsverhaltens, um Tagesreisen. Unter die geltenden triftigen Gründe falle demnach nicht nur die Berufsausübung, sondern etwa das Besuchen getrennt lebender Kinder.

Abgesehen von der kaum möglichen Kontrollierbarkeit der Radius-Regel und den Folgen für einige Menschen in ländlichen Gebieten gibt es auch Zweifel an deren Wirksamkeit.

Von Björn Wisker

07.01.2021
07.01.2021