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Marburg So würde ein Jahrhunderthochwasser Marburg treffen
Marburg So würde ein Jahrhunderthochwasser Marburg treffen
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09:58 11.08.2021
Hochwasser nach einem Unwetter in der Frankfurter Straße in Marburg am 29. Mai  2018.
Hochwasser nach einem Unwetter in der Frankfurter Straße in Marburg am 29. Mai 2018. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Verheerende Wassermassen, zerstörte Dörfer, fast 200 Tote: Die Unwetter-Katastrophe im Westen Deutschlands hat auch hierzulande viele Menschen alarmiert. Sie fragen sich: Was würde in Marburg bei starkem Hochwasser passieren? Diese Frage, die sich viele jetzt beim Anblick der schockierenden Fotos aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen stellen, beschäftigt Experten schon lange. Sie berechnen unter Berücksichtigung von Geländestrukturen, Bebauung, Bewuchs, Flächennutzung, Wehren und Brücken, wie sich ein statistisch alle 100 Jahre vorkommendes Hochwasser und noch extremere Überschwemmungen auswirken würden. Das Ergebnis für Marburg: Bei einem Jahrhunderthochwasser liegen Teile der Stadt im Überschwemmungsgebiet, wie die Stadtverwaltung und das Regierungspräsidium Gießen auf OP-Anfrage erläutern.

Demnach würden bei einem Jahrhunderthochwasser die B3 und das linke Vorland auf Höhe der Uni-Gebäude sowie der gesamte Stadtteil Weidenhausen überschwemmt. Auf der rechten Lahnseite wären weite Teile des Südviertels von der Weidenhäuser Brücke etwa entlang der Straße „Am Grün“ und der Frankfurter Straße bis ungefähr zur Werderstraße Überschwemmungsgebiet. Dabei wären auch Gebiete jenseits der Frankfurter Straße bis kurz vor dem Friedrichsplatz betroffen.

Zur Einordnung dieses Szenarios muss man allerdings wissen, dass ein wichtiger Faktor in den Hochwassergefahrenkarten bewusst ignoriert wird: Die Rückhaltebecken, die gerade dazu da sind, Überschwemmungen zu verhindern. „Für den Bereich Marburg werden hierbei die drei oberhalb liegenden Hochwasserrückhaltebecken Kirchhain, Wohra und Breidenstein nicht berücksichtigt“, erläutert Thorsten Haas, stellvertretender Pressesprecher des Regierungspräsidiums. Dies entspreche einer Verwaltungsvorschrift „und dient als zusätzliche Sicherheit für den Fall, dass ein Hochwasserrückhaltebecken nicht wie geplant einstauen kann“. Nach Angaben der Stadt kann allein das Rückhaltebecken Kirchhain-Ohm den Wasserspiegel in Marburg um rund 50 Zentimeter senken.

Bäume wurden zum Schutz vor Hochwasser beseitigt

Doch ist der Hochwasserschutz in Marburg wirklich gewährleistet? Darum macht sich Walter Lüders, leitender Baudirektor in Ruhe, große Sorgen. Der Diplom-Ingenieur war von 1962 bis 1997 in der Hessischen Straßenbauverwaltung tätig, zuletzt als Leiter des Amtes für Straßen- und Verkehrswesen (heute Hessen Mobil). Über Jahre war er maßgeblich mit dem Ausbau der in Marburg „Stadtautobahn“ genannten Bundesstraße 3 befasst. Dafür musste im Bereich des Krummbogens auch die Lahn nach Westen verlegt werden. Im Planfeststellungsverfahren 1965 ging es darum, wie für ein Jahrhunderthochwasser vorgesorgt werden kann. Der Plan war zunächst, das Stadtbild-prägende „Grüner Wehr“ zu beseitigen und eine bis zu sechs Meter hohe Stützmauer zwischen Straße und Flussbett zu errichten. Lüders setzte sich damals erfolgreich für eine andere Lösung ein.

Ein Modellversuch ergab, dass das „Grüner Wehr“ bestehen bleiben und die Stützmauer entfallen konnte. Aber: „Der vorhandene hohe Baumbestand beidseitig entlang der Niedrigwasserrinne musste in diesem Bereich, von der Bahnhofsbrücke bis zum Schwarzen Wasser, für den schadlosen Abfluss des Hochwassers beseitigt werden. Die Ufer durften auch nicht wieder bepflanzt werden“, erinnert sich Lüders. Doch: Schon zur Zeit der Arbeiten im Jahr 1969 hätten abends Spaziergänger wieder Stecklinge an der Lahn gepflanzt. „Sie sind zu Bäumen geworden. Und am westlichen Ufer sind Rampen entstanden. Wenn jetzt das hundertjährige Hochwasser kommt, ist der Abfluss nicht sichergestellt“, befürchtet er.

Müssen also die Bäume an der Lahn weg? Stadtverwaltung und Regierungspräsidium widersprechen. „Generell sind Bäume an Gewässern ein Hindernis für den Abfluss von Wasser“, teilt Birgit Heimrich, Pressesprecherin der Stadt, mit. „Die Bäume im beschriebenen Bereich stehen allerdings größtenteils am Ufer hintereinander in Fließrichtung. Ihre Wirkung auf den Abfluss von Hochwasser ist begrenzt.“ Bei den Hochwasser-Berechnungen sei der Einfluss der Gehölze berücksichtigt. „Und: Die Lahnaue ist ein hochwertiges Ökosystem, in dem auch die beschriebenen Bäume eine wichtige Rolle spielen“, fügt sie hinzu. Die Bäume zu entfernen, sei „nur in gut begründeten Ausnahmefällen“ möglich.

Auch das Regierungspräsidium sieht die Bäume an dieser Stelle nicht als Gefahr für den Hochwasserschutz an. „Das Gewässer ist sehr gradlinig und die Gewässersohle ist mit Wasserbausteinen ausgekleidet“, erläutert Haas. „Die beidseitig vorhandene Baumreihe jeweils zwischen Gewässer und Fahrradweg haben dabei keine erheblichen Auswirkungen auf die Abflussleistung der Lahn im Stadtgebiet.“

Die Bäume sind also aus Sicht der Behörden unproblematisch. Was aber definitiv ein Problem ist: Der Klimawandel mit Auswirkungen wie Starkregen – wie er in Westdeutschland zur Katastrophe geführt hat. Laut Stadtverwaltung könnte solch ein Starkregen-Ereignis dazu führen, dass die in den Hochwassergefahrenkarten eingezeichneten Grenzen der Überschwemmungsgebiete noch überschritten werden. Die Stadt will sich deshalb für die Folgen des Klimawandels rüsten: Sie hat bereits 2019 in Kooperation mit den Stadtwerken vier Umwelt- und Ingenieurbüros mit einer Stadtklima- und Starkregen-Analyse beauftragt.

Analyse simuliert Folgen von Starkregen

„In der Starkregen-Analyse werden die Überflutungsgebiete für ein 30-jähriges und für ein 100-jähriges Hochwasserereignis simuliert“, erklärt Stadt-Sprecherin Heimrich. „Dazu kommt noch eine Simulation für ein doppelt so starkes Ereignis wie das 100-Jährige.“ Bei der Stadtklima-Analyse werde berechnet, wie sich die Hitzebelastung in der Stadt durch den Klimawandel entwickelt. „Das zentrale Ergebnis aus diesen Analysen wird ein Handlungskonzept sein zur Anpassung an den Klimawandel, also vor allem zur Vorsorge vor den Folgen von Hitze und Starkregen“, kündigt Heimrich an. „Das Konzept gibt die Richtung vor für die zukünftige Stadtplanung, für die Gestaltung von Freiräumen und Planung von Gebäuden in Marburg.“ Es soll im Frühjahr 2022 fertig sein und der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Überschwemmung_3spx300mm (780 kB)

Von Stefan Dietrich

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