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Marburg Wie geht’s mit der Windkraft weiter?
Marburg Wie geht’s mit der Windkraft weiter?
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19:59 04.06.2020
Vor sieben Jahren wurden am „Lichter Küppel“ mit dieser Anlage Windstärken gemessen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Vor fast genau fünf Jahren beerdigten die Stadtwerke um Ex-Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) das Windräder-Vorhaben am „Lichter Küppel“.

Zwischen Moischt und Schröck, so der Plan, hätten drei Anlagen gebaut werden sollen. Ein OP-Rückblick – und ein Ausblick, wie es mit den erneuerbaren Energien weitergehen soll.

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Vor 20 Jahren, wenige Monate nach Fertigstellung einer Windpotenzial-Studie, stieg man in Marburg in den Bereich der erneuerbaren Energien ein. 2003 bauten die Stadtwerke dann den aus drei Windrädern bestehenden Park auf – niemand hätte gedacht, dass es bis heute die einzigen bleiben würden.

Außer dem gerade wegen mutmaßlich zu geringer Windstärke wieder kontrovers diskutierten Projekt von UKA Meißen in Michelbach – in Görzhausen, wo sich Krug Energie Ende 2017 nach Protesten von seinen Plänen zurückzog – ist in der Universitätsstadt in puncto Windkraft nichts in Aussicht.

Kritiker fürchten „ökologischer Katastrophe“

Denn obwohl die Windstärkenmessungen am „Lichter Küppel“ 2013 in den Augen der Stadtwerke vielversprechend waren, machte man seitens der Kommunalpolitik im Mai 2015 einen Rückzieher; nach monatelanger Kritik und kurz vor einer anstehenden Bürgerbefragung. Grund: Die Gutachter entdeckten zwei Rotmilan-Horste. Die Vögel, die für Windrad-Folgen als besonders anfällig gelten, lebten demnach rund 700 Meter von den möglichen Bauplätzen entfernt, gesetzlich vorgeschrieben ist eine Mindestentfernung von 1.000 Metern.

Die damalige Kritik zielte – wie dann später in Michelbach bei den Planungen in Görzhausen – neben der „Verschandelung“ der Gegend sowie möglicherweise sinkenden Immobilienpreisen vor allem auf den ökologischen Eingriff in ein Wald- und Naherholungsgebiet, einige sprachen von einer drohenden „ökologischen Katastrophe“ angesichts des möglichen Vogelsterbens.

Fläche gilt weiterhin als Vorranggebiet

Während Naturschutzexperten davon ausgehen, dass es pro Jahr 100.000 tote Vögel – plus Dunkelziffer – an 30.000 Windkraftanlagen in ganz Deutschland gibt, gab es für das Gebiet bei Moischt Schätzungen des Vogelschutzbeauftragten Professor Martin Kraft von einer 20-prozentigen Sterberate vor Ort. Windgutachten, Daten und Milan-Population waren sodann Thema in einem Akteneinsichtsausschuss, der aber wenig zutage förderte.

Trotz des Rotmilan-Vorkommens und des Stadtwerke-Rückziehers sowie dem Fakt, dass sich bis heute kein anderer Investor für einen Windpark gefunden hat, ist die Fläche weiter als Vorranggebiet im Regionalplan ausgewiesen. Kurz vor dem Corona-Lockdown forderten die Grünen eine „Wiederaufnahme der Planungen für den Bau von Windkraftanlagen auf dem Gebiet der Stadt“ – also auch und gerade des Lichter Küppels, wo die Pläne am weitesten fortgeschritten waren.

Volz: „Stillstand beim Klimanotstand“

Allein wegen des seit nun fast einem Jahr geltenden Klimanotstands und den damit verbundenen festgeschriebenen CO2-Einsparzielen sei es notwendig, alle vier im Regionalentwicklungsplan ausgewiesene Marburger Gebiete „anzugehen“, wie der Stadtverordnete Hans-Werner Seitz sagt. Ohne Ausbau der Windkraft würden die Klimaziele der Stadt nicht erreicht werden.

Der seit rund einem Jahr anhaltende „Stillstand beim Klimanotstand“, wie Grünen-Energiepolitiker Uwe Volz sagt, müsse jedenfalls enden. Geht es um erneuerbare Energien in Marburg, hat sich die ZIMT-Regierung aus SPD, BfM und CDU zuletzt aber auf Solarstrom, auf einen Ausbau der PV-Anlagen festgelegt. Das soll auf städtischen Gebäuden verstärkt passieren, auch auf Immobilien der Philipps-Universität – wobei der Zustand der Dächer der öffentlichen Gebäude diese Schritte offenbar erschweren.

Nach eigenen Berechnungen geht man in der Stadtverwaltung für die Energieerzeugung von diesen Kennzahlen der CO2-Einsparung aus:

  • Windkraft: 40.000 Tonnen
  • Solar: 30.000 Tonnen
  • Wasserkraft: 1.200 Tonnen
  • Biomasse: 780 Tonnen

Von Björn Wisker

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