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Marburg Wie ein modernes Märchen, das Mut macht
Marburg Wie ein modernes Märchen, das Mut macht
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13:00 18.10.2021
Margot Käßmann und Andreas Helm lasen im Erwin-Piscator-Haus aus ihrem Buch „Zurück zum Glück“.
Margot Käßmann und Andreas Helm lasen im Erwin-Piscator-Haus aus ihrem Buch „Zurück zum Glück“. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Alles begann Anfang der 1970er-Jahre in Stadtallendorf: der erste Kuss, die erste Liebe, „und die vergisst wohl niemand“, sagt Margot Käßmann. Die Theologin war später unter anderem Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Mit ihrem Jugendfreund Andreas, beide 14 oder 15 Jahre alt, hatte sie gemeinsam im Posaunenchor gespielt oder Freizeiten zum Edersee unternommen, bis die beiden Jugendlichen dann „miteinander gingen“. Was dann aber dazwischenkam, war nicht etwa Margots Austausch ins US-amerikanische Connecticut, sondern ein älterer Junge, der sie mit einer Kreidler Florett von einer Party in Stadtallendorf abholte.

„Der erste Liebeskummer ist unerträglich“, sagt Andreas Helm und sieht sich noch heute am Boden zerstört auf der Treppe bei der Party sitzen.

40 Jahre ohne Kontakt gingen seitdem ins Land, doch es gibt eine Fortsetzung mit glasklarem Happy End, ganz nach dem Titel des jetzt gemeinsam veröffentlichten Buches: „Mit mutigem Schritt zurück zum Glück“. Aus zwei Perspektiven erzählen Margot Käßmann und Andreas Helm vor rund 180 Menschen im Erwin-Piscator-Haus ihre Geschichte, denn seit sieben Jahren sind die beiden wieder ein Paar.

Aus der Tageszeitung hatte Andreas Helm nämlich im Februar 2014 von Margot Käßmanns Vortrag zur Reformation an der Uni Gießen erfahren. Er war vor Ort im Anschluss voller Zweifel und schon am Gehen, als seine innere Stimme ihm sagte: „Geh zu ihr“. Und Margot Käßmann musste eine Weile überlegen, als ihr Gegenüber sich vorstellte: „Hallo, ich bin Andreas.“

Beim Frühstück gingen nie die Themen aus

Man tauschte Nummern und stellte Tage später fest: In den vier Jahrzehnten ist unabhängig voneinander einiges parallel gelaufen – beide waren 26 Jahre lang verheiratet, beide haben vier Kinder und sind darunter beide Eltern von Zwillingen.

Margot Käßmann überging dann die Warnungen ihrer Freundinnen und Freunde und lud Andreas Helm in eine Ferienwohnung auf Usedom ein. Bei Spaghetti Bolognese und Salat stellten die beiden fest, wie ernsthaft die gegenseitigen Briefe aus der Jugendzeit geschrieben waren. Andreas Helm, der etwas beschämt zugibt, sich nach seiner Scheidung in Kontaktbörsen im Internet umgesehen zu haben, sagt jetzt: „Eine Theologin und ein Ingenieur – wir wären sicher durch alle Algorithmen-Raster gefallen.“

Nach sieben Jahren Beziehung kann er berichten: „Uns sind in den vergangenen Jahren beim Frühstück nie die Themen ausgegangen.“ Die Brötchen teile man zur Konfliktvermeidung senkrecht und nicht mal wirklich gestritten hätten die beiden bisher.

„Baby-Boomer“ reden eher über Inhalte als über Gefühle

Streitgespräche habe es derweil schon gegeben, etwa über die Frage, ob man in seiner Patientenverfügung festlegen dürfe, dass man nicht mehr leben wolle, wenn man dement sei und es selbst nicht mehr entscheiden könne. Die Meinungen gehen nach wie vor auseinander. „Man muss das Recht haben“, sagt der eine, die andere sagt: „Vielleicht willst du, wenn du dement bist, ja weiterleben, auch wenn du es dir im Vorfeld bei klarem Verstand nicht vorstellen kannst.“

In ihrem Buch streifen Helm und Käßmann aber viele weitere Themen, wie etwa die ähnliche Sozialisation der „Baby-Boomer“: „Unsere Generation hat es nicht gelernt, Konflikte offen auszutragen, unsere Eltern auch nicht. Wir reden eher über Inhalte als über Gefühle.“ Beide betonen, wie wichtig es sei, neben einer Partnerschaft weitere menschliche Beziehungen und Engagement zu pflegen, „denn das gibt einem ja auch Liebe“, so Käßmann. Und schließlich fasst sie zusammen: „Alles, was wir tun, machen wir mit der Überzeugung, dass wir getragen sind, von Menschen, aber auch im Glauben.“

So geht ein locker-leichter und sehr kurzweiliger Abend zu Ende, der Spaß gemacht hat. Und er klingt mit einer Version des Verses „Befiehl du deine Wege“ aus Psalm 37 als Finger-Picking auf der Akustikgitarre von Werner Hucks aus, der den ganzen Abend musikalisch begleitete.

Von Beatrix Achinger

18.10.2021