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Marburg Wie ein Leben aus der Bahn gerät
Marburg Wie ein Leben aus der Bahn gerät
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17:58 08.01.2021
Kokain liegt auf einem Tisch. Am Amtsgericht in Marburg wurde gestern ein 36-Jähriger zu drei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt. Der Angeklagte habe im Grunde alle Drogen außer Heroin konsumiert, sagte ein Sachverständiger. Quelle: Foto: Christian Charisius/dpa
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Marburg

Zudem wurden einmal 613 Euro und weitere 1 820 Euro eingezogen. Das Gericht geht davon aus, dass dieses Geld aus dem handel mit Betäubungsmitteln stammt.

Damit erhöhte das Gericht eine Strafe vom September vergangenen Jahres um sechs Monate, weil weitere Taten angeklagt waren, die damals nicht verhandelt wurden: ein Einbruch, Diebstähle, gewerbsmäßige Hehlerei, Fahren ohne Führerschein mit einem Fahrzeug, das nicht versichert war, sowie Handel mit Drogen.

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Letztlich wurden viele dieser Taten fallengelassen, wie etwa der Einbruch in eine Firma in Wetter, bei dem Waren im Wert von 25 000 Euro gestohlen wurden, weil sie nach Ansicht des Verteidigers Sascha Marks und der Staatsanwaltschaft keinen großen Einfluss auf das Gesamt-Strafmaß gehabt hätten: Was blieb, waren vier Fälle von Drogenhandel, bei denen das Schöffengericht kein Auge zudrückte. Das Gericht berücksichtigte bei dem Urteil das umfassende Geständnis des Angeklagten.

Leben durch exzessiven Drogenkonsum geprägt

Der 36-Jährige ist bereits seit fünf Monaten in einer Entziehungsanstalt untergebracht, hat dort aber noch keine Therapie beginnen können, auf die der Sachverständige, der forensische Psychiater Dr. Rolf Speier, große Hoffnungen setzt.

Der Prozess machte deutlich, wie ein Leben nach und nach aus der Bahn geworfen wird. Es ist das Leben eines Menschen, das seit mehr als 20 Jahren durch exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum geprägt ist, wie der Sachverständige Speier deutlich machte. Im Alter von 14 Jahren begann es mit Alkohol. Zwei Therapien hat der Angeklagte hinter sich gebracht. Später folgten Aufputschmittel wie Amphetamine, Haschisch und Marihuana, Kokain und Benzodiazipine, die die Urteilskraft erheblich beeinträchtigen können. Er habe im Grunde alles genommen außer Heroin, sagte der Sachverständige, der auch eine Psychose diagnostiziert hatte, die sich im positiven Fall als drogeninduzierte Psychose herausstelle, die nach einer Therapie verschwinde. Als Politoxikomanie bezeichnen Fachleute die fast wahllose, gleichzeitige Einnahme verschiedenster Drogen.

Der Angeklagte hat die Lehre abgebrochen, anfangs noch als Schrotthändler gearbeitet, dann war er arbeitslos und bezog Hartz IV. Er ist ledig, hat keine Kinder und steht unter Betreuung. Immer wieder kam er mit dem Gesetz in Konflikt. Richter Thomas Rohner las eine lange Liste mit 13 Vorstrafen seit 2001 vor: Körperverletzung, Trunkenheit im Verkehr, Handel mit Drogen, Sachbeschädigung, Trunkenheit im Verkehr, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, gefährliche Körperverletzung, Beleidigung, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Besitz von kinderpornografischen Bildern, Bedrohung mit einer geladenen Schreckschusspistole.

Strafen wurden zunehmend höher

Die Strafen wurden im Laufe der Zeit immer höher. Von Geldstrafen über Bewährungsstrafen – bis zum 7. September 2020. Damals wurde er, wie schon erwähnt, für eine Fülle von unterschiedlichen Straftaten verurteilt und die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt wurde angeordnet.

Die Summe aller Strafen hätte damals für 8 Jahre und 11 Monate Gefängnis gereicht, die wegen der Drogenabhängigkeit und der damit verbundenen teilweisen Schuldunfähigkeit zu 2 Jahren und 6 Monaten zusammengefasst wurden.

Nun kommen noch einmal sechs Monate dazu. Da weder Staatsanwaltschaft noch Verteidigung Rechtsmittel einlegen, ist das Urteil rechtskräftig. „Ich möchte mich entschuldigen“, sagte der Angeklagte. „Es geschah alles unter Drogeneinfluss.“ Sein Pflichtverteidiger Sascha Marks bat um ein mildes Urteil, zumal die Therapie erfolgversprechend sei. „Mein Mandant hat ein Suchtproblem.“ Alle Straftaten, auch die „Klein-Dealerei“, hätten für ihn der Finanzierung seines Eigenkonsums gedient.

Von Uwe Badouin

08.01.2021
08.01.2021