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Marburg Wie die SPD 1970 Drechsler zum OB machte
Marburg Wie die SPD 1970 Drechsler zum OB machte
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11:58 08.04.2021
So berichtete die OP 1970 über die Wahl von Dr. Hanno Drechsler zum Oberbürgermeister.
So berichtete die OP 1970 über die Wahl von Dr. Hanno Drechsler zum Oberbürgermeister. Quelle: Collage: Thorsten Richter
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Marburg

Die Wahl von Dr. Hanno Drechsler zum Oberbürgermeister von Marburg war ein Coup, wie ihn die Lokalpolitik in der Stadt seitdem nicht mehr erlebt hat.

Die Vorgeschichte: Am 28. Februar 1970 soll in Marburg ein neuer Oberbürgermeister gewählt werden. Es ist die unmittelbare Nach-68er-Zeit, in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn hat gerade die erste sozialliberale Koalition ihre Amtszeit begonnen. Es ist in Marburg ein diesiger und kalter Samstagvormittag. Vor dem Rathaus, in dem die Wahlhandlung vollzogen werden soll, errichtet die Polizei Absperrungen. Demonstranten marschieren auf.

Drinnen stehen zwei Kandidaten zur Wahl: Amtsinhaber Georg Gaßmann (59/SPD) und der junge, aufstrebende Jurist Dr. Walter Wallmann (37/CDU), schon damals im „inneren Zirkel“ der Hessen-CDU und Vertrauter von Alfred Dregger.

Gegen 11.25 Uhr verkündet Stadtverordnetenvorsteher Gerhard Jahn (SPD) das Ergebnis: 19 Stimmen für Wallmann, 18 für Gaßmann. „Auf der rechten Seite des Hauses Jubel und Beifall. Die SPD-Fraktion verharrt in eisigem Schweigen“, schreibt die OP am 2. März 1970. Der Machtwechsel an der Spitze der Stadt ist von der Koalition aus CDU, FDP und Wahlblock erreicht worden. Aber auch in der SPD-Fraktion gibt es gewiefte Juristen. Rudolf Zingel, Verwaltungsdirektor und ab 1971 Präsident der Philipps-Universität, Rechtsanwalt Hans-Joachim Wölk und andere entdecken einen Formfehler in der Wahl und legen Widerspruch ein: Die Wahl habe einen Tag zu früh stattgefunden. Der Widerspruch wird im Parlament zwar abgeschmettert, aber die Koalitionsfraktionen, ihrer Sache offenbar sehr sicher, erklären sich nach einer (rückwirkend wirksamen) Anfechtungsklage der SPD vor dem Verwaltungsgericht bereit, die Wahl am 2. Juni 1970 zu wiederholen.

In dieser Situation geht nun der Stern eines jungen, bis dahin weitgehend unbekannten Sozialdemokraten auf: Dr. Hanno Drechsler, 1955 aus der DDR nach Marburg geflohen, Schüler des legendären marxistischen Politik-Professors Wolfgang Abendroth, erklärter Gegner des Sozialismus sowjetischer Prägung und demzufolge der in Marburg starken DKP, ist Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Marburg-Stadt. Die dominierende Figur der Marburger SPD ist damals Gerhard Jahn, Justizminister unter Willy Brandt in Bonn. Drechsler zeigt aber im Frühjahr 1970, dass er Jahn an taktischer Raffinesse kaum nachsteht.

Noch während einer SPD-Mitgliederversammlung am 22. Mai ist unklar, ob sich die SPD auf den juristischen Weg begibt – und wer im Falle einer Neuwahl durch das Stadtparlament für die SPD antritt. Zentrale Frage: Welcher Kandidat macht es möglich, dass die FDP-Fraktion umschwenkt?

Drechslers größte Leistung: Die Sanierung der Oberstadt

Spät am Abend vor der Wahl, ab 21.50 Uhr, findet dann die entscheidende Sitzung des Parteivorstands im Haus der DLRG am Trojedamm statt. Für die SPD ist das Briefing so wichtig, dass Gerhard Jahn später hinzustößt. Er war in seiner Funktion als Bundesjustizminister tagsüber in Wien.

Alle Gespräche haben ergeben, dass eine Chance auf die Wahl eines SPD-Oberbürgermeisters nicht mit Gaßmann, sondern nur mit Rudolf Zingel oder Hanno Drechsler möglich ist. Zingel winkt ab, vielleicht mit Blick auf seine angestrebte Wahl zum Uni-Präsidenten wenige Monate später. Es bleibt nur Drechsler.

Als Jahn sich trotz teils erheblicher politischer Unterschiede für Drechsler ausspricht, ist es nach einer Abstimmung gegen Mitternacht einstimmig entschieden: Die SPD wird tags darauf den 39-jährigen Drechsler als Kandidaten präsentieren.

Am Abend des 2. Juni findet nun endlich die außerordentliche Sitzung des Stadtparlaments statt, Drechsler wird als Kandidat präsentiert und erhält auch mindestens zwei Stimmen aus der FDP: die von Bürgermeister Hansjochen Kochheim und von Stadträtin Gertrud Röhr. Wallmann gratuliert seinem siegreichen Konkurrenten, aber die CDU schäumt vor Wut.

Drechsler bleibt 22 Jahre, bis 1992, Oberbürgermeister in Marburg. Seine größte Leistung, die bis heute nachwirkt, ist die Sanierung der damals mehr als baufälligen Oberstadt.

Von Till Conrad

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