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Marburg Wie das Plastik in die Erde gelangt
Marburg Wie das Plastik in die Erde gelangt
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00:17 25.07.2018
Haufenweise Plastik: Kompostierungsanlagen-Leiter Sven Bratek zeigt, was alles in der Biotonne landet und in aufwändigen Verfahren wieder herausgesiebt wird.  Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Kunststoff hat viele Qualitäten. Er ist wasserabweisend und leicht. Er lässt keine Luft durch. Er kann vergleichsweise günstig hergestellt werden. Kein Wunder, dass er fast überall zum Einsatz kommt – beispielsweise, um Lebensmittel zu schützen.

Die Verwendung von Plastik­ bringt Vorteile, doch resultiert daraus auch eine Belastung für die Umwelt. Eine davon ist, dass Kunststoffe im ­Boden kaum abgebaut werden. Trotzdem gelangen sie unter anderem über Kompost massenhaft auf den Acker. Das hat eine Studie von Forschern aus Bayreuth ergeben.

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Diesen aktuellen Daten zufolge enthält eine Tonne Kompost aus Haushaltsabfällen und industriellen Abfällen zwischen 7 000 und 440 000 ­Mikroplastikpartikel. Umgerechnet auf die fünf Millionen Tonnen Kompost, die in Deutschland pro Jahr erzeugt würden, könnten hochgerechnet mehrere Milliarden Mikroplastikpartikel auf diesem Weg in die Umwelt gelangen, halten die Forscher fest.

Düngeverordnung lässt Plastikeintrag zu

Ob die gesetzlichen Vorgaben das zulassen? Die Antwort lautet: ja. Fremdstoffe dürfen insgesamt 0,5 Prozent des Gesamtgewichts beim Kompost ausmachen, ein 0,1-prozentiger Anteil darf auf Kunststoff entfallen. Das besagt die Düngemittelverordnung. Und Partikel von einer Größe unter zwei Millimetern Durchmesser werden von dieser Vorschrift gar nicht erfasst.

Als Mikroplastik werden Kunststoffpartikel bezeichnet,­ die fünf Millimeter groß oder kleiner sind. Diese winzigen Teile geraten auf verschiedenen Wegen in den ökologischen Kreislauf – beispielsweise über Kosmetik und eben auch über den Kompost. Welche Hintergründe das hat, zeichnet die OP am Beispiel zweier heimischer Unternehmen nach.

In Schweinsberg beschäftigt sich die NVM Biokraft GmbH mit der Trennung von Kunststoffen und Speiseresten. In der Halle des Betriebs herrscht ein überwältigender Gestank. „Alles Gewöhnungssache“, sagt Landwirt und Geschäftsführer Ulf Meier (31), der das Unternehmen etwas ­abseits von Schweinsberg auf einem Aussiedlerhof betreibt.

Sein Geschäft: Die Aufbereitung von Lebensmittelabfällen zur Nutzung in Biogasanlagen. Die Biokraft GmbH entsorgt die Speisereste von etwa 350 Kunden – inklusive Verpackung. Was in Großküchen, Supermärkten, Imbissbuden, bei Bäckereien oder Wurstfabriken in den Müll geworfen wird, landet in Schweinsberg und später als Dünger auf Feldern.

Etwa neun Tonnen entsorgter Lebensmittel kommen pro Tag auf dem Hof in Schweinsberg an, sagt Meier. Sechs Mitarbeiter sind mit Lastwagen und ­einen betriebseigenen Tonnensystem unterwegs und holen ab, was weggeworfen wurde.

In einer riesigen Auffangwanne schwimmt ein Brei aus entsorgten und vor sich hin gärenden Speiseresten. Auf der Pampe treiben massenhaft große und kleine Plastikbehältnisse und Folien.

Ist Mikroplastik im Acker nächstes großes Umweltproblem?

Bevor die Lebensmittel in die Biogasanlage wandern, muss der Plastikmüll raus aus dem zähen, brockigen Brei. Glas und Kartons werden zur weiteren Entsorgung bereits in Handarbeit entfernt, bevor der Essensmüll in dem großen Becken landet, erklärt Ulf Meier. Dann läuft der Lebensmittelmatsch samt Plastikverpackungen über eine Sortieranlage. Sie zerkleinert das Plastik durch Schreddern und Schneiden. Die so genannte Separationsmühle holt den Kunststoff dann zu einem großen Teil heraus. Die Schnipsel und Stücke fallen in ein separates Gefäß und werden als Plastikmüll entsorgt.

Der Lebensmittelbrei läuft anschließend über ein Sieb, das noch enthaltene feine Teile aus Plastik und Glas herausfiltern soll. Am Ende dieses ­Prozesses hat die Anlage 99,99 Prozent der Plastikbestandteile herausgeholt, sagt Ulf Meier. Davon zeuge eine Analyse der Biogasanlage.

Was bleibt, sind kleinste Plastikteile. Sie stecken in den monatlich bis zu 12 Tonnen Biomasse, die die Mitarbeiter des Schweinsberger Betriebs meistens nach Korbach und gelegentlich nach Paderborn bringen, wie Meier berichtet.

Von den Biogasanlagen werden die Gärreste noch einmal weiterbehandelt, um Fremdstoffe­ zu entfernen. Doch ­Mikroplastik sei selbst dann immer noch reichlich vorhanden, haben die Forscher der Uni Bayreuth herausgefunden. Selbst wenn die Rückstände der Vergärung in den Biogasanlagen sorgfältig gesiebt würden, könnten Kunststoffpartikel mit einem Durchmesser von wenigen Millimetern nicht entfernt werden.

Die Forscher der Universität Bayreuth zählten in Dünger aus Gärresten bis zu 900 Stücke Kunststoff pro Kilogramm. Die einzelnen Teile waren zwischen ein und fünf Millimeter groß.

Professor Matthias Rillig, Pflanzenökologe an der Freien Universität Berlin, befasst sich seit längerer Zeit mit den Auswirkungen von Mikroplastik im Boden. „Über die globale Verteilung von Mikroplastik in den Meeren und Küstenregionen gibt es bereits gute Untersuchungen. Über die Situation in terrestrischen Ökosystemen weiß man dagegen so gut wie nichts“, erklärt er in „Wissenschaft aktuell“, einer Publikation der Freien Universität Berlin.

Doch worin liegen die Gefahren von Mikroplastik-Partikeln? „An ihrer Oberfläche können sich toxische Stoffe gut anheften“, sagt der Pflanzenökologe. So hätten Hamburger Forscher nachgewiesen, dass die feinen Kunststoffpartikel, die sie unter anderem entlang den Mündungen von Weser, Elbe, Jade sowie in Boddengewässern gesammelt hatten, drei- bis viermal so hoch mit Schadstoffen belastet gewesen seien wie das Sediment, aus dem sie stammten.

Ist Mikroplastik im Acker also das nächste große Umweltproblem? „Ich glaube wir wissen noch nicht genug über dieses Thema“, sagt der Pflanzenökologe. Beunruhigend findet er allerdings, dass Mikroplastik im Laufe der Zeit immer weiter fragmentiert werden könne – zu Nanoplastik.

Und Nano­partikel können von Pflanzen über die Wurzeln aufgenommen werden und bis in die Blätter gelangen. „Damit würde Plastik nicht nur über Fisch und Meeresfrüchte in unsere Nahrungskette gelangen, sondern auch durch Agrarprodukte“, erklärt Rillig. Da sei es ganz gleich, ob es sich um Bio-Erzeugnisse handelt oder nicht. Als feiner Staub könnte Nanoplastik auch eingeatmet werden – wie Asbest oder Blütenpollen, sagt der Forscher.

Die Kompostierungsanlage Cyriaxweimar, die zu den Marburger Stadtwerken gehört, betreibt großen Aufwand rund um kleine Plastikteile. Betriebsleiter Sven Bratek gibt Einblick in die Vorschriften. Der fertige Dünger darf für den Einsatz im konventionellen Landbau nach gesetzlichen Vorgaben maximal 25 Quadratzentimeter an Fremdstoffen pro Liter Kompost enthalten, im ökologischen Landbau maximal 15 Quadratzentimeter pro Liter Kompost.

Wie die Einhaltung dieser Werte überprüft wird? Der Plastikanteil wird in einem von der Bundesgütegemeinschaft Kompost zugelassenen Labor per Hand aus einer Ein-Liter-Probe sortiert, dann wird die Fläche der Schnipsel ermittelt. Die Anlage in Cyriaxweimar erreicht dabei Werte, die das gesetzlich erlaubte Maß sehr deutlich unterschreiten.

So enthält Kompost aus dem Marburger Stadtteil lediglich 0 bis 3 Quadratzentimeter an Fremdstoffen pro einem Liter Kompost, erklärt Bra­tek. „Diese Werte können wir nur durch aufwändige Filterverfahren erreichen – aber auch das wird immer schwieriger, da der Biomüll zunehmend verunreinigt hier ankommt.“ So bereiteten Kaffeekapseln und Q-Tipps große Schwierigkeiten. „Beides gehört nicht in den Biomüll“, betont der Betriebsleiter.

In der Anlage in Cyriaxweimar werden jährlich 12 000 Tonnen Biomüll kompostiert. Zu 80 Prozent stammen diese Abfälle aus Marburg und Stadtteilen. Hinzu kommen unverpackte Speisereste aus Gastronomie und Großküchen im Kreisgebiet und in der Stadt Marburg.

In der betriebseigenen Biogasanlage werden mit dieser Tonnage Strom und Wärme erzeugt. 400 Marburger Haushalte können so versorgt werden. Die Gärreste reifen anschließend zu Kompost, der in heimischen Gärten und auf den Feldern landet.

Alles, was in Cyriaxweimar­ anrollt, wird in mehreren ­Arbeitsschritten von Fremdstoffen befreit. Erst durch Auslese per Hand, später durch ­einen ersten Siebdurchgang auf fünf Zentimeter Größe. Nach einer Phase der Kompostierung wird noch einmal gesiebt, dann auf einer Stärke von ein bis zwei Zentimetern. Außerdem wird eine Windanlage eingesetzt, in der der Kompost von einer höheren Ebene auf eine niedrigere fällt. Das leichte Plastikmaterial wird dabei in die Luft gepustet und abgesaugt. Danach ist der Kompost fertig für den Verkauf.

„Der Aufwand für uns wird immer größer, um die hohen Qualitätsanforderungen an unseren Kompost sicherzustellen, da der Störstoffanteil in der Bioguttonne stetig ansteigt“, sagt Sven Bratek und nennt Plastiktüten, Glas, Dosen, Kunststoffe, Steine,­ Metalle, Babywindeln, Blumentöpfe, Gummi, Lederartikel, Kehricht, Staubsaugerbeutel, Kohlenasche, Zigarettenkippen und Erde als weitere Beispiele. Nichts davon gehört in die Bioguttonne.

Forscher rät zu Verzicht auf Plastik

Speisereste aus der Küche, auch solche mit Knochen, und Frittierfette hingegen solle man ausdrücklich in der Biotonne entsorgen – „am besten unverpackt oder in dafür vorgesehenen Papiertüten oder in Zeitungspapier“, rät der Kompostierungs-Fachmann. Verrottbare Kunststoffbeutel, wie sie im Handel angeboten werden, stellten in der Kompostierung oftmals ein Problem dar, weil die Verrottung zumeist erst nach zwölf Wochen einsetze. „So viel Zeit hat der Müll gar nicht, um hier zu verrotten.“

Wie es weitergeht mit der Verunreinigung durch Mikroplastik? Bürger und Anlagenbetreiber müssten verantwortlich handeln, fordert die Professorin Ruth Freitag von der Uni Bayreuth: „Organische Abfälle sind eine wichtige Ressource in ­einer verantwortungsbewussten Kreislaufwirtschaft, die es auch zukünftig offensiv zu nutzen gilt.“

Ulf Meier, Betreiber der Verwertungsanlage in Schweinsberg, nimmt auch die Lebensmittelindustrie in die Pflicht. Er findet, dass viele Lebensmittel auch mit weniger Verpackung auskommen könnten, „dann müsste auch nicht so viel aussortiert werden“.

Der Berliner Pflanzenökologe Matthias Rillig findet: Plastik habe in der Natur grundsätzlich nichts verloren, auch wenn die Datenlage bisher sehr dünn sei. Je weniger hineingelange, umso besser. Und dafür könne jeder Einzelne etwas tun: durch Verzicht auf Plastikverpackungen.

von Carina Becker-Werner