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Marburg Wie Arztpraxen an der Impf-Front kämpfen
Marburg Wie Arztpraxen an der Impf-Front kämpfen
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08:00 07.06.2021
Annette Becker (58) ist Medizinische Fachangestellte in Marburg – und schildert, wie die Corona-Impfkampagne tatsächlich in der Praxis abläuft.
Annette Becker (58) ist Medizinische Fachangestellte in Marburg – und schildert, wie die Corona-Impfkampagne tatsächlich in der Praxis abläuft. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Ihr Herz schlägt schon schneller, obwohl es nur eine Ahnung, eine Vorahnung ist. Aber was in den nächsten Stunden und Tagen passieren wird, das können sich Annette Becker und ihre Berufskolleginnen bereits ausmalen. Wenn heute die Corona-Impf-Priorisierung fällt, wenn sich alle Marburger und Landkreis-Bewohner unabhängig von Alter, Vorerkrankungen oder Beruf bei Haus- und Fachärzten eine Spritze geben lassen können, wird „ein Sturm über uns hinwegfegen und so schnell nicht mehr verschwinden“, sagt die Medizinische Fachangestellte (MFA).

Die 58-Jährige spürt seit Wochen einen steigenden Druck, die wachsende Ungeduld in und um Marburg. Nicht nur in der Praxis von Dr. Barbara Froehlich in der Marbach, wo sie arbeitet, sondern quer durch die Region berichten MFA davon.

Becker steht wie wenige an einer Impf-Front, die praktisch täglich zusammenbricht. „Ich verkünde ständig schlechte Nachrichten, muss Menschen vertrösten, abweisen und kann nur den wenigsten eine frohe Botschaft überbringen.“ Und das werde ab heute nochmal schlimmer und schwerer.

„Schon priorisiert sein, heißt für viele, sofort dran zu sein. Nicht auszudenken, welche Erwartungen jetzt in den Köpfen sein werden.“ Wie ihre Kolleginnen sei sie – schon vor dem nun beginnenden Impftermin-Showdown – „traurig und erschöpft“.

Grund: „Erklären sie mal Patienten, wie es zusammenpasst, dass Politiker den Impfstoff für alle freigeben, sie aber in der Praxis keinen impfen können, weil sie kaum Dosen bekommen.“ Geglaubt werde das mit dem Vor-Ort-Vakzin-Mangel schon seit Wochen immer seltener. Das Resultat: Pöbeleien in den Praxen.

„Das macht Druck auf die Brust“

„Die vielen Beschimpfungen stecken einem in den Knochen“, sagt Becker. Nicht weniger schlimm seien Unterstellungen, dass man jemanden absichtlich wochenlang warten lasse. „Das ist ein impliziter Vorwurf, dass man mit der Gesundheit von Patienten spielen würde. Das macht Druck auf die Brust.“ Der Frustpegel der Patienten steige – „und man ist hier vorne eben der Prellbock“, sagt die 58-Jährige und deutet auf den Empfangs-Tresen, vor dem wahlweise Dutzende Impfwillige warten oder wo hundertfach am Tag das Telefon klingelt. Das Anliegen ist immer gleich: Wann bin ich dran? Wo stehe ich auf der Warteliste?

Schon jetzt ist klar: Der Impfstoff wird nicht mehr, für Erstimpfungen wird es sogar weniger geben als in den vergangenen Monaten. Wie die Kassenärztliche Vereinigung (KV) mitteilt, ist das die konkrete Maximal-Bestellmenge pro Arzt: 18 Biontech-Erstimpfungen und 20 AstraZeneca-Erstimpfungen, keine Obergrenze für Johnson & Johnson. Für Zweitimpfungen gibt es ebenfalls keine Obergrenze. Doch ob die Maximalmenge tatsächlich geliefert wird, hängt von der Impfstoffverfügbarkeit, dem Anteil, der nicht an die Impfzentren geht, ab.

Abhängig von der Zahl der Zweitimpfungen, ist es laut KV möglich, dass Ärzte vorerst von Biontech und AstraZeneca gar keine Erstimpfungs-Dosen erhalten. Bei Johnson & Johnson können Ärzte aktuell für diese Woche mit rund 20 Dosen rechnen.

Laut KV erhalten die Haus- und Fachärzte in dieser Woche insgesamt rund 3,4 Millionen Dosen, davon 2,6 Millionen von Biontech, 300 000 von AstraZeneca und 500 000 des Einmal-Vakzins von Johnson & Johnson.

Jedes Telefonat ist ein Zeitfresser

Wie viele Impfdosen an Praxen in Marburg-Biedenkopf geliefert werden, ist unklar. Weder der Ärzteverbund Prima noch Apotheken oder Gesundheitsamt haben nach eigenen Angaben einen regionalen Überblick.

Klar ist: Die Praxen, die impfen wollen – was aufgrund negativer Erfahrungen der letzten Monate nach Prima-Angaben längst nicht mehr alle sind – bestellen eigenständig nach Bedarf, das Maximum berechnet sich nach Zahl der sogenannten Arztsitze. Mediziner rund um Marburg schätzen, dass es im Schnitt pro Praxis etwa 30 Dosen pro Woche sind.

Im Mai schilderte der Prima-Vorsitzende Dr. Hartmut Hesse bereits stellvertretend für Hunderte niedergelassener Ärzte im Landkreis, wie aggressiv Pöbel-Patienten in Praxen auftreten (OP berichtete). Bei Erstimpfungs-Wartelisten von jetzt schon 300 Menschen und wöchentlich 30 Impfdosen könne sich jeder ausrechnen, wie lange es bis zu einem Immunisierungs-Termin in einer normalen Hausarztpraxis dauern könne, rechnete er vor. Zumal die Wartelisten laut Becker in den Tagen vor der heutigen Priorisierungs-Aufhebung immer länger geworden sind, Hunderte Patienten im Landkreis Marburg-Biedenkopf offenbar „mehrgleisig fahren“ und sich bei vielen Ärzten zeitgleich anmelden – aber dann nie mehr absagen oder nicht mehr erreichbar sind.

Resultat für den MFA-Arbeitsalltag: „Ich muss jedem hinterherrennen, dabei raubt schon so jeder Anruf unendlich viel Zeit – und ich habe weder Zeit noch Nerven.“

Impfstoff-Freigabe

Heute tritt eine geänderte Impfverordnung in Kraft, in der keine feste Reihenfolge nach „höchster“, „hoher“ und „erhöhter“ Priorität mehr steht. Im Entwurf hieß es erläuternd: „Ein Anspruch auf eine Schutzimpfung gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 besteht für alle Personen, unabhängig von ihrem Alter, ihres Gesundheitszustandes sowie ihrer beruflichen Tätigkeit und eines damit zusammenhängenden signifikant erhöhten Risikos für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf.“ Die Länder können die Priorisierung für ihre regionalen Impfzentren zwar noch beibehalten, wenn sie wollen. In den Praxen ist sie aber passé. Und generell gilt: der Anspruch für alle besteht „im Rahmen der Verfügbarkeit der vorhandenen Impfstoffe“.

Können sich ab heute alle impfen lassen? Theoretisch ja – doch für die allermeisten dürfte es noch Wochen bis zur Impfung dauern. Tatsächlich können sich nun aber alle um Termine bemühen, die dann über den Sommer hinweg eingetaktet werden sollen. Denn die Impfstoffmengen nehmen zwar zu, geliefert wird aber weiter nur nach und nach. Laut Prognosen der Hersteller sollen kommende Woche fast 2,6 Millionen Dosen des Präparats von Biontech/Pfizer an die Praxen gehen, dazu gut 300  000 von Astrazeneca und 514  000 von Johnson & Johnson. Daneben sollen die Impfzentren 2,5 Millionen Dosen bekommen. Die Öffnung für alle fällt in eine Phase, in der gerade sehr viele Zweitimpfungen mit dafür reservierten Dosen laufen.

Von Björn Wisker

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