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Marburg Widerspruch euer Ehren! Richterin will ins Rathaus
Marburg Widerspruch euer Ehren! Richterin will ins Rathaus
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12:18 05.02.2021
Nadine Bernshausen (Grüne) will Oberbürgermeisterin von Marburg werden.
Nadine Bernshausen (Grüne) will Oberbürgermeisterin von Marburg werden. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Marburg

Der Regen prasselt unerbittlich auf die Betonplatten. Dicke Tropfen perlen von ihrem Schirm ab, fallen auf die durchtränkte Wiese im Garten des Gedenkens. An diesem Januartag weint der Himmel – doch Nadine Bernshausen lacht. „Oh je, hoffentlich hält die Frisur das aus“, sagt sie strahlend als der Fotograf auf den Kamera-Auslöser drückt.

Wenn es ein Bild gibt, das Marburger bisher von der politisch eher im Umland bekannten Bernshausen haben, dann das der lächelnden Grünen, die nun das Rathaus erobern will. Lachen ist dabei etwas, das sie tatsächlich nicht nur auf oder für Instagram-Bildchen tut, sondern auch im Gespräch über sich, ihren Werdegang als kleines Mädchen in einem Dorf bei Bad Endbach, ihrem Job bei einem Autozulieferer in Dautphetal bis zur Richterin, Politikerin und OB-Kandidatin in Marburg. „Ich mache vieles gerne, probiere aus und habe Spaß, Neues zu lernen und kennenzulernen“, sagt sie. „Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich, glaube ich, voller Widersprüche.“

Beweis eins: Einem Auto-Bann in Marburg steht sie im Gegensatz zu einigen Grünen skeptisch gegenüber. Das hat etwas mit ihrem Leben, ihrer Erfahrung im Hinterland-Dorf zutun. Bernshausen schuftete als Jugendliche bei Johnson Controls, baute Autoteile, schob Zehn-Stunden-Schichten. Sie jobbte auch in einem Café, um sich etwas hinzuzuverdienen. „Ich war jung und brauchte das Geld“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. „Im Ernst, ich wollte unabhängiger sein und bin dankbar für die tolle Erfahrung von harter körperlicher Arbeit.“

Die Wege, ob zur Schule oder zum Nebenjob, waren damals aber lang – und sie sind es heute für viele noch, etwas, das die 41-Jährige weiß. Ein praktisch autofreies Marburg ist für sie daher nicht denkbar – gerade weil Marburg ohne das Umland nicht denkbar sei. „Politik sollte darauf zusteuern, Brücken zu bauen, auch bei Mobilität. Es gibt gute Gründe auch für Autoverkehr und wir können nicht alle drei Meter eine Bushaltestelle bauen oder jedem Verbraucher zumuten, Rad zu fahren. Möglichkeiten dazu schaffen, ja – aber nicht Verkehr moralisieren und verbieten. Das verletzt Menschen.“

Widersprüchlichkeits-Beweis zwei: Die gläubige und in der Landeskirche als Präses ehrenamtlich engagierte Christin liebt den wohl blasphemischsten Film der Welt: Monty Python's „Das Leben des Brian“. Sie kann sich selbst über Szenen amüsieren, wie jene, in der die Römer einen Übeltäter falsch herum ans Kreuz hängen und dieser bittet, doch endlich richtig herum gekreuzigt zu werden. „Ich bin fest überzeugt: Gott ist gut und hat Humor“, sagt sie. Die Filmvorliebe ändert nichts daran, dass der Glaube ihr „Halt und Gewissheit “ gibt, dass sie jeden Menschen in „mehr als nur einer Schublade“, sondern in „vielen Rollen, die zu einem ganzen werden“ sieht. Eben deshalb wolle sie auch politisch niemanden „niederbrüllen“, sondern in Gesprächen mit jedem Dialog-Interessierten „den Horizont erweitern lassen“. Nur so tun, als ob man zuhöre und dann doch nach Eigeninteresse bestimmen, sei nicht ihr Stil.

Ihr politisches Interesse komme aus dem Elternhaus, Diskutieren sei an der Tagesordnung gewesen. Auch die Auseinandersetzung mit Religion, Christentum und der Bibel im Konfirmandenunterricht – jugendliche Fragen wie, ob Homosexuelle in die Hölle kommen – hätten sie immer mehr spüren lassen, wie sehr sie sich mit ihrem Umfeld beschäftigen und einiges verändern will. „Ich glaube übrigens, dass ich als einzige im Unterricht die ganz klassische Bibelarbeit toll fand“, sagt sie. Etwas, das sich durch ihre Schulzeit im Hinterland zieht: „Ich lerne gerne.“ Etwas, das ihr im Jurastudium an der Philipps-Universität zugutekam und sie nach Praktika in einer Frankfurter Großkanzlei bis auf die Richterbank geführt hat. Dass das Lernen nie endet, spürte sie vor rund fünf Jahren, als sie ihr erstes von mittlerweile drei Kindern bekam.

Kinder-Betreuung und Gleichberechtigung

Kinder – automatisch Kitas und Schule – hat sie seitdem, ähnlich wie ihr Mann Ex-Bürgermeister Dr. Franz Kahle, besonders im Blick. „Als Kommune ist dieses Politikfeld nun mal eine zentrale Aufgabe. Aber eine, die sich so stetig wandelt wie die Gesellschaft selbst. Da müssen wir inhaltlich mitgehen“, sagt sie und will in Betreuungseinrichtungen die pädagogische Arbeit stärken.

Über ihre Kinder ist sie auch dem Thema Gleichberechtigung noch näher gekommen. Wieso soll es nicht ok sein, berufliche Abstriche zu machen, um für den Nachwuchs zuhause zu bleiben? Wieso kostet das gerade Frauen Karrierechancen? „Diskriminierung, Ungerechtigkeit hat viele Gesichter. Und es gibt viele kleine Stellschrauben, auch hier vor Ort, um die Situation besser zu machen“, sagt sie. Aus dem Jugendstrafrecht, mit dem sie als Richterin immer wieder zutun hat und wo eher der Erziehungs- statt Bestrafungsansatz entscheidend ist, weiß sie, dass kleine Veränderungen große Wirkungen auf einzelne Menschen haben können. „Umso jünger jemand ist, desto mehr kann man in ihm etwas kaputt machen.“

Es gibt übrigens noch einen dritten, wenn auch eher spaßigen und mit einem verschmitzten Lächeln preisgegebenen Widersprüchlichkeits-Beweis: Sie isst als überzeugte Grüne gerne Bratwurst.

Von Björn Wisker

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