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Marburg Westumfahrung: Das ist bisher geschehen
Marburg Westumfahrung: Das ist bisher geschehen
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00:18 28.01.2019
Stationen des geplanten Allnatalweges: Elnhausen und Dagobertshausen. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Sofortige Einstellung aller aktuellen Westumfahrungspläne, gegen den Startschuss der Beauftragung einer Machbarkeits- und Bedarfsstudie für den Allnatalweg oder Alternativrouten.

Während Magistrat und ZIMT-Regierung für die Neuaufstellung des Regionalplans den Bedarf eines Straßenneubaus zwischen der B 62 bei Sterzhausen und der B 255 bei Niederweimar anmelden wollen, stellen sich Grüne, Linke und die Bürgerinitiative „Allnatalweg: Stopp“ dem Vorhaben entgegen. Ein Antrag auf Planungsstopp – das Aus für „jedwede Aufwendung von personellen und finanziellen Ressourcen“ rund um eine Westumfahrung – steht im Zentrum der Parlamentssitzung an diesem Freitag.

Die OP fasst Ausgangslage und bisherige Entwicklungen ­zusammen:

Die Entscheidung zur Errichtung neuer Wohngebiete im Stadtwald und in der Marbach – wo künftig zusammen rund 1.000 Neu-Bewohner leben können – befeuerte eine Verkehrsdebatte, Anwohner beklagten sich über das seit Jahren immer weiter steigende Ausmaß der Belastung im Westen, in der Ketzerbach sowie in der Nord- und Innenstadt.

Der Erhalt und die Entwicklung des Pharmastandorts Behringwerke, mehr als 5.000 Mitarbeiter stark und – etwa über ein Logistikzentrum in Goßfelden und perspektivisch exklusiv für Behringwerke-Firmen reservierte Gewerbeflächen am Görzhäuser Hof – weiter wachsend, gilt für Marburgs Stadtspitze nicht nur aus Gewerbesteuergründen als eine zentrale Aufgabe der Stadtentwicklung.

SPD: „kleine Eingriffe“, „maximale Problemlösung“

Vor allem die Mitglieder der Ketzerbachgesellschaft forderten während der Diskussion um die Neu-Wohngebiete eine Straßenbau-Variante, die den Innenstadtverkehr von tausenden Autos am Tag befreien könnte – eine neue Westumfahrung, damals noch mit unklarem Verlauf, eventuell das nahe Flora-Fauna-Habitat berührend und als „Marburger Ring“ benannt, wurde erstmals skizziert.

Die Marburger SPD präsentierte im November vergangenen Jahres, nach der Entscheidung für die Wohngebiets-Standorte Hasenkopf und Oberer Rotenberg sowie der Absage an eine Westtangente nahe der Alten Weinstraße, die Idee einer alternativen Entlastungsstrecke – der „Allnatalweg“ war geboren. 
Dieser sieht den Bau mehrerer Umgehungsstraßen, kurze Bögen mit einer Gesamtlänge von rund sechs Kilometern vor.

Verlaufen sollen die Umgehungen laut Grob-Skizze der SPD am Ortseingang von Dagobertshausen, bis zum Ortsausgang Elnhausen durch Hermershausen und vorbei an Haddamshausen zur B3-Anschlussstelle Niederweimar. Die Sozialdemokraten versprechen sich davon nach eigenen Angaben eine „maximale Problemlösung“ für tausende Bewohner der Kernstadt und im Westen angrenzenden Stadtteile bei vergleichsweise „kleinen Eingriffen“ in die Natur. Zudem sieht der SPD-Plan den Bau mehrerer Radwege hin zum Pharmastandort vor – etwa von Wehrda.

Emotionen in Elnhausen kochen hoch

Der Vorstoß findet daraufhin die Unterstützung des Magistrats, sowohl Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) als auch Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU). Es handele sich um eine „mittelfristige Lösung für weniger Verkehr in den betroffenen Gebieten“ (Spies) und eine „Entlastung für die gesamte Stadt“ (Stötzel).

Die CDU-Fraktion stellt der Variante „Allnatalweg“ den Bau eines Behringtunnels, einem jahrzehntealten Verkehrsprojekt mit Verlauf zwischen Marbach und Marburg-Nord, entgegen. Denn das Vorhaben sei nie ernsthaft verfolgt worden.

Nach Bekanntwerden des SPD-Vorschlags setzen sich Ortsbeiräte mit dem Thema „Allnatalweg“ auseinander. Bei der ersten Sitzung in einem der betroffenen Außenstadtteile, in Elnhausen schlagen die Emotionen hoch. Als Resultat gründet sich eine Bürgerinitiative (BI), die seitdem wächst. Auch die Ortsbeiräte in Dagobertshausen, Hermershausen und Haddamshausen stehen dem Straßenneubau skeptisch bis ablehnend gegenüber.

In der Kommunalpolitik gibt es ebenfalls Kritik an der Regierungsidee. Vor allem Stadtverordnete der Grünen und Linken lehnen Straßenneubau ab, verweisen darauf, dass es sich dabei nicht um eine Lösung, sondern um eine Problem-Verlagerung sowie einen, wegen der Fokussierung auf Autos grundsätzlich falschen Ansatz handele. Lahntals Bürgermeister bezeichnet die Westumfahrung als „dummes Zeug“.

Internetpetition sammelt mehr als 1.000 Stimmen

Gegen die Stimmen der Opposition beschließen SPD, BfM und CDU im Dezember 2018 das Konzept zur „Verkehrsanbindung Pharmastandort Marbach und Görzhäuser Hof“, das auch die Prüfung einer westlichen Umfahrung vorsieht. Die BI „Allnatalweg: Stop“ protestiert vor der Stadtparlamentssitzung. Oberbürgermeister Spies kündigt später an, das im Haushalt 2019 Geld für eine entsprechende Machbarkeitsstudie eingestellt werden solle.

Beim Neujahrsempfang der Stadt Marburg wirbt der OB für den Allnatalweg beziehungsweise für eine gutachterliche Einschätzung dieser und möglicher anderer Routen für eine Verkehrsentlastung rund um die Innenstadt. Fast zeitgleich sammeln BI-Mitglieder Protest-Unterschriften in den westlichen Außenstadtteilen. Eine Liste, die – inklusive einer Internetpetition – mehr als 1.000 Stimmen umfasst und die diesen Freitag, 25. Januar, vor der Parlamentssitzung an die Stadtverordnetenvorsteherin Marianne Wölk (SPD) übergeben werden soll. Beginn: 16.30 Uhr im Sitzungssaal, Barfüßerstraße 50.

von Björn Wisker