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Marburg Allnatalweg: Planung wird gedrosselt
Marburg Allnatalweg: Planung wird gedrosselt
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18:00 29.01.2019
In Hermershausen, Haddamshausen und Dagobertshausen ist eine Bürgerinitiative mit Protestplakaten aktiv. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Einen Planungsstopp für die mögliche Westumfahrung wird es nicht geben. Die ZIMT-Regierung lehnt die Forderung von Grünen und Linken ab, wonach alle Bemühungen für einen Straßenbau, der die B 62 im Lahntal und B 255 in Niederweimar verbindet, eingestellt werden sollen. Vielmehr verteidigten Regierungspolitiker die Notwendigkeit einer neuen Verkehrsführung, lösen sich allerdings vom Streckenverlauf bei Dagobertshausen, Elnhausen, Hermershausen sowie Haddamshausen und wollen nun eine Vielzahl an „Verkehrsvermeidungsoptionen“ untersuchen lassen. „Wir haben Fehler gemacht, es wurde der Eindruck erweckt, dass es Festlegungen gibt, die Sache weiter ist, als das real der Fall ist", sagte SPD-Mann Fabio Longo.

Für 100.000 Euro soll ein Gutachten beauftragt werden, dass Longo zufolge bei Verkehrsaufkommen und Verkehrsflüssen sowohl in Nord- und Innenstadt samt Marbach sowie in den westlichen Außenstadtteilen „den Sachstand auf den Tisch legt“. Zudem solle untersucht werden, „welche Route welche Auswirkungen hätte“ – darunter auch der parallel zum „Allnatalweg“ geforderte Behringtunnel – und was weitere mögliche Verkehrsvermeidungsstrategien wären. Klar sei: „Den zunehmenden Verkehr für den Westen können wir nicht länger durch die Nord- und Innenstadt leiten.“ Im Stadtverordnetensitzungssaal entbrannte am späten Freitagabend, unter den Augen von rund 100 Besuchern – darunter viele Mitglieder der BI „Allnatalweg: Stop“ – eine hitzige Debatte um die angedachte Verbindungsstrecke.

Rufe nach Einführung von Job-Ticket durch Pharmaserv

„Der Allnatalweg ist ökologisch gravierend und schädlich, zerstört die Naturlandschaft und das Naherholungsgebiet. Er belastet den Westen verkehrlich mehr als dass er die Innenstadt entlastet“, sagt Christian Schmidt (Grüne). Das Vertrauen der Bürger sei auch nach dem nun geschehenden „verzweifelten Zurückrudern“ verloren, das Verweisen des Magistrats und der ZIMT-Regierung auf Sachzwänge wie die Gewerbesteuerzahlungen der Behringwerke-­Firmen „suggeriert Machtlosigkeit der Kommunalpolitik“ und verstärke den Eindruck, dass die Stadtspitze „das Relikt Straßenneubau ebenso unbedingt wie klammheimlich“ im Regionalplan anmelden wolle.

Vielmehr brauche es ein Job-Ticket für die mehr als 5.000 Behringwerke-Mitarbeiter, so dass sie den Nahverkehr gratis nutzen könnten. Den Vorschlag, den die Linken seit Jahren äußern, würden die Pharmafirmen „aus der Portokasse bezahlen können“, wie Henning Köster (Linke) sagt. Mit „Allnatalweg“ und Behringtunnel sei jedenfalls ein „fataler Überbietungswettbewerb für mehr Autofreundlichkeit“ im Gange, sagt er. Schon der Umbau der Landesstraße 3092, der Schnellstraße zwischen Sterzhausen und Görzhäuser Hof, als faktische Verlängerung der Pendlerstrecke B 62 werde trotz der Millioneninvestition nicht angenommen.

„Nur der Nahverkehrsausbau bringt etwas: Schnellbusse im Zehn-Minuten-Takt, abgestimmt auf die Schichtzeiten der Standortfirmen.“ Nachdem jahrzehntelang „alle Wünsche der Behring-Nachfolgefirmen durchgewunken“ worden seien, müssten die Unternehmen nun ihre gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahrnehmen und ein Job-Ticket einführen, was der Entlastung aller Stadtbewohner diene.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) hält mit Verweis auf perspektivisch 6.400 Behringwerke-Mitarbeiter, von denen rund 80 Prozent nicht aus der Universitätsstadt stammen, dagegen: „Der Nahverkehr als Schlüssel für dieses Verkehrsproblem ist doch illusorisch, wenn man über Pendler redet, die aus Rabenau, Holzhausen oder Rhein-Main kommen.“

OB wirft Amtsvorgängern Verkehrsversäumnisse vor

Dem Trend und zunehmenden Problem, dass „massenhaft Menschen“ aus dem Landkreis und angrenzenden Regionen über Rotenberg, Ketzerbach und die Marbach zur Arbeit fahren und in Staus stehen, sei jahrelang „ignoriert und nicht angegangen“ worden. So habe sich eine immer weiter zuspitzende „überörtliche Konfliktlage“ ergeben, die von Marburg nicht alleine gelöst werden könne. Das Regierungspräsidium Gießen (RP) habe daher und angesichts der bevorstehenden Neuaufstellung des Regionalplans zuletzt vom Magistrat den Hinweis auf diese Verkehrsprobleme im Westen, der überörtliche Ursachen habe und ebenso überörtliche Lösungen brauche, erhalten, um seinerseits Verbesserungsmöglichkeiten bezogen auf alle Verkehrsteilnehmer zu prüfen. OB Spies rechnet im Herbst dieses Jahres mit ersten Signalen und etwaigen Verkehrswege-Vorschlägen des RP.

Jan von Ploetz, CDU-Stadtverordneter und Elnhausen-Ortsvorsteher, plädierte dafür den Behringwerken – von deren Gewerbesteuerzahlungen fast die gesamte soziale und kulturelle Infrastruktur der Stadt abhänge – „keine Steine in den Weg zu legen“, sondern „alles zu tun, damit der Wirtschaftsstandort wächst und gedeiht“. Die Verkehrsprobleme in der Marbach, in der Nord- und Innenstadt müssten „in Kern-Marburg, nicht in den Außenstadtteilen gelöst werden“, da diese – entgegen manchen Rechtfertigungen aus den vergangenen Wochen – bisher unter keinen Verkehrsproblemen litten. Von Ploetz’ Plädoyer – wie das der anderen CDU-Politiker – richtet sich auf einen Behringtunnel-Bau. Trotzdem: „Ein Planungsstopp löst nichts“, ergänzt Jens Seipp, CDU-Fraktionschef.

Die Opposition bezeichnet die Entscheidung für ein Vorab­gutachten als „Nebelkerze“, die BI verlangt nach Einbeziehung in die Gutachterauswahl und Fragestellungen der Untersuchung.

von Björn Wisker