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Marburg Mit Bewegung gegen den Winterblues
Marburg Mit Bewegung gegen den Winterblues
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09:00 09.11.2019
Auch wenn in der grauen Jahreszeit die Sonne nur wenig scheint: Bewegung an der frischen Luft bei Tageslicht hilft, dem Winterblues entgegenzuwirken. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die Wolken hängen tief, es nieselt, der Wind ist kalt und es wird gar nicht richtig hell. „Da mag man ja nicht mal den Hund vor die Tür schicken“, wird sich so manch einer denken. „Doch“, sagt Werner Cassel. „Und dann am besten gleich mit rausgehen“, ergänzt er noch. Denn vor allem Bewegung und das Tageslicht hilft gegen den sogenannten Winterblues. „Manche nennen es auch Winter-Depression, aber es ist keine richtige Depression“, betont der Diplom-Psychologe am Universitätsklinikum.

Er nennt es Winter-Verstimmung, die mit einem hohen Schlafbedürfnis, einem Gefühl der Mattheit und Antriebslosigkeit einhergeht. „Wer in einer richtigen Depression steckt, der schläft nicht wirklich mehr. Meist ist das Gegenteil der Fall“, erklärt Werner Cassel. Laut unterschiedlicher Studien sind 25 Prozent der Deutschen betroffen, „aber 75 Prozent merken aber eben auch nichts“, so Werner Cassel.

Das wenige Licht spielt eine große Rolle, da die Helligkeitsphasen von November bis Februar sehr kurz sind. „Licht hat Einfluss auf biologische Abläufe, die wiederum die Stimmung mit beeinflussen“, erklärt der Fachmann. Serotonin, auch Glückshormon genannt, sorgt im zentralen Nervensystem für gute Laune und Gelassenheit. „Wird es ausgeschüttet fühlen wir uns gut“, weiß Werner Cassel.

Einziges Manko: Serotonin wird nur im menschlichen Gehirn produziert, kann also nicht durch Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden. „Die Bluthirnschranke verhindert nach Einnahme sozusagen die Verarbeitung“, erklärt der Mediziner.

Licht ist nicht gleich Licht

Eine australische Studie hat demnach dramatische Unterschiede bei der Serotonin-Produktion während der Jahreszeiten festgestellt. Im Winter wird wenig produziert, im Sommer sehr viel mehr. Bei Regen verringert sich die Produktion um den Faktor zehn.

Aber Licht ist nicht gleich Licht und auch der Licht-Empfänger ist entscheidend. „Wichtig ist das Licht, was in den Augen ankommt“, erklärt Werner Cassel. Denn dort sitzen spezialisierte Rezeptoren. „Zwei Prozent der Nervenzellen dort sind lichtempfindlich und haben eine Verbindung zur sogenannten inneren Uhr“, sagt der Psychologe.

„Auch wenn die Sonne nicht scheint und der Himmel voller Wolken hängt reicht das Licht draußen, um die Serotonin-Produktion anzukurbeln. Dafür muss man aber das Haus verlassen“, empfiehlt Werner Cassel einen täglichen Spaziergang an der frischen Luft.

Wer eingeschränkt ist und nicht rausgehen kann, der kann die Produktion auch mit künstlichem Licht ankurbeln. Am besten mit kälterem, blau-grünem Licht mit Wellen von 480 Nanometern. Das „System“ lässt sich schon bei über 2.000 Lux stimulieren. „An trüben Tagen hat das Licht draußen zwischen 6.000 und 10.000 Lux“, betont der Psychologe.

Bei jedem Wetter raus an die frische Luft

„Bewegung an der frischen Luft ist also immer gut“, spielt Werner Cassel auch auf eine mögliche Gewichtszunahme während des Winterblues an. „Im Winter haben wir mehr Hunger auf Süßes und Kohlenhydrate. Wenn es draußen kälter ist dann haben wir Menschen die Tendenz, uns kräftiger und energiereicher zu ernähren“, weiß der Psychologe.

Das bedeutet auch, dass die Nahrung weniger vitaminreich ist. „Und das hat eben eine Gewichtszunahme zur Folge“, erläutert Werner Cassel. Wenn nicht genügend Licht durch die Rezeptoren aufgenommen werden kann, dann wird das Serotonin übrigens in Melatonin umgewandelt.

„Melatonin sorgt normalerweise dafür, dass wir gut und fest schlafen können“, sagt der Mediziner und ergänzt: „Im Winter kann es aber auch für Antriebslosigkeit sorgen. Der innere Schweinehund muss also überwunden werden. Bewegung und Licht sorgen auch im Winter für eine bessere Stimmung“, so der Fachmann.

von Katja Peters