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Marburg Sind Gratis-Stromtankstellen ein Auslaufmodell?
Marburg Sind Gratis-Stromtankstellen ein Auslaufmodell?
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16:00 24.06.2022
Am Tegut in Cappel können Kunden kostenlos Strom tanken – und das soll nach Auskunft des Unternehmens auch so bleiben.
Am Tegut in Cappel können Kunden kostenlos Strom tanken – und das soll nach Auskunft des Unternehmens auch so bleiben. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Einkaufen und gleich noch aufladen – für Elektroauto-Besitzer ist das ein praktisches Angebot. Auf den Parkplätzen von Supermärkten, Fast-Food-Restaurants und anderen Unternehmen gibt es Ladesäulen, und bei einigen ist das Angebot sogar kostenlos. Doch inzwischen scheint der Trend weg von den Kostenlos-Angeboten zu gehen. So schaltet Aldi Süd an den Ladestationen vor seinen Filialen seit Anfang Juni schrittweise ein Bezahlsystem auf. Der Discounter, dessen Filialnetz südlich der Kreisgrenze beginnt (in Marburg-Biedenkopf ist Aldi Nord), betreibt nach eigenen Angaben insgesamt mehr als 1 000 Ladepunkte.

Auch vor dem Cappeler Tegut-Markt können E-Autofahrerinnen und -fahrer kostenlos Ökostrom tanken. Und das soll nach Unternehmensangaben auch so bleiben: „Zum jetzigen Zeitpunkt ist, soweit wir informiert sind, keine Änderung der Ladesäulen-Nutzung vorgesehen“, teilte Johanna Ammermann von der Tegut-Unternehmenskommunikation auf OP-Anfrage mit. Zum Stromtanken müssen sich die Kunden lediglich einmalig im Tegut-Markt registrieren – sie bekommen dann eine Chipkarte für die Schnellladestationen. Doch wenn Branchenprimus Aldi vorprescht, ziehen häufig andere Handelsketten nach. Und das dürfte auch bei der Gebühr fürs Stromtanken so sein. Wie das „Handelsblatt“ unter Berufung auf Branchenkreise schreibt, prüfen auch Kaufland und Lidl, das Aufladen vor ihren Supermärkten kostenpflichtig zu machen. Viele andere Handelsunternehmen verlangen schon jetzt Geld dafür. Aus Sicht von Branchenexperten zeigt das Beispiel Aldi, dass das Kostenlos-Modell auf Dauer nicht funktioniert.

Aldi Süd weitet Ladezeiten aus

An Normalladesäulen kostet das Aufladen bei Aldi Süd nun 29 Cent pro Kilowattstunde Ökostrom, an Schnellladestationen 39 Cent. Damit würden E-Auto-Fahrer in der Regel günstiger und schneller laden als in der eigenen Garage, schreibt der Handelsriese. Bezahlen können die Kunden ohne vorherige Registrierung mit EC- oder Kreditkarte sowie Google Pay und Apple Pay.

Doch warum gibt Aldi Süd nun die kostenlosen Ladesäulen auf? Auf die Frage nach den Gründen für die Umstellung antwortet der Discounter ausweichend – und verweist auf den Ausbau des Ladenetzes und der Ausweitung der Ladezeiten. „Bislang war das Aufladen an die Filialöffnungszeiten gebunden“, erklärte Pressereferentin Anna-Maria Lennertz auf OP-Anfrage. „Seit Juni bietet Aldi Süd diesen Service, wo immer möglich, von sechs bis 22 Uhr an, auch an Sonn- und Feiertagen − an einigen Standorten sogar 24 Stunden am Tag, an sieben Tagen die Woche.“ Auch die Begrenzung auf eine Stunde Ladedauer falle weg.

Dass Aldi Süd die Ladedauer vorher begrenzt hatte und nun bei den kostenpflichtigen Ladesäulen darauf verzichtet, zeigt vermutlich, was die Hintergründe der Umstellung sind. Während die Handelsketten darauf hoffen, dass die Ladesäulen von Kunden während ihres Einkaufs genutzt werden, gibt es offenbar viele so genannte „Ladeschnorrer“: also Fahrerinnen und Fahrer, die ihr Auto zum kostenlosen Laden auf einem Supermarkt-Parkplatz abstellen, ohne im Geschäft einzukaufen. Das ist nicht nur für die Unternehmen ärgerlich, sondern auch für Kunden mit E-Auto, die dann keine freie Ladesäule finden.

Stadtwerke gehen mit Gebühr gegen Blockierer vor

Die Stadtwerke Marburg, an deren Ladesäulen E-Auto-Besitzer gegen Gebühr mit der SWMR-Ladekarte tanken können, verlangen sogar eine „Blockiergebühr“, wenn ein Auto zu lange an der Stromtankstelle steht. Ab einer Stunde nach Ende des Ladevorgangs werden dann pro Minute fünf Cent fällig.

Bei Tegut sind „Ladeschnorrer“ nach Auskunft der Pressestelle offenbar kein Problem: Das Unternehmen habe „keine Hinweise auf eine übermäßig unberechtigte Nutzung der Ladesäulen“, teilte Ammermann mit.

Von Stefan Dietrich