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Marburg Wer wird OB, wer regiert Marburg?
Marburg Wer wird OB, wer regiert Marburg?
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11:55 05.10.2020
Wer geht gegen Amtsinhaber Dr. Thomas Spies (rechts) ins Rennen um den Chefsessel im Rathaus? Dirk Bamberger (CDU, Zweiter von links) ist so gut wie gesetzt, Nadine Bernshausens (links) und Renate Bastians Kandidaturen sind möglich. Quelle: Fotomontage: Tobias Hirsch
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Marburg

Ein halbes Jahr vor dem Stichtag ist klar: In Marburg stehen am 14. März 2021 die wohl spannendsten Wahlen der vergangenen Jahrzehnte an. Neben der Parlamentswahl, bei der sich Kräfteverhältnisse zwar verschieben, aber – Stichwort unsichtbare AfD – sich die Zusammensetzung nicht durcheinander wirbeln dürfte, steht bei der Oberbürgermeister-Wahl ein enges Rennen an.

Alles deutet darauf hin, dass die Parteien ihre politischen Schwergewichte nach vorne schicken – bei Amtsinhaber Dr. Thomas Spies (SPD) und dem CDU-Landtagsabgeordneten Dirk Bamberger ist das fast offiziell. Bei den Grünen steht Richterin Nadine Bernshausen, vor allem in der Kirche und der Kreispolitik vernetzt, in den Startblöcken. Ihre Nominierung ist nur eine Frage der Zeit.

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Bei den Linken läuft es für 2021 nach OP-Informationen nicht auf Landeschef Jan Schalauske, sondern auf die erfahrene Fraktionsvorsitzende Renate Bastian aus Ockershausen hinaus.

Amtsinhaber Spies im Klima-Aufwind – aber CDU und Grüne haben Hoffnung

Während man im Stadtparlament aktuell davon ausgehen kann, dass sich drei Lager – SPD, CDU und Grüne – auf Augenhöhe bewegen und allesamt Regierungsansprüche erheben werden können, läuft es bei der Personenwahl auf eine umkämpfte Stichwahl hinaus. Eine, die über den in den vergangenen ein, eineinhalb Jahren überraschend erstarkten Spies gehen wird.

Sein cleverer, weil früher Schachzug, die junge, bei der Kommunalwahl oft erstmals wahlberechtigte Klimabewegung einzubinden, könnte aufgehen. Das dürfte ihm –wie auch Radwege-Netzausbau und Corona-Stadtgeld – trotz Stimmverlust in traditionellen SPD-Schichten zumindest einen Platz im Direkt-Duell gegen Person X sichern. Doch wer wird Person X?

Bamberger, bei seinem ersten Versuch auch wegen des Quereinsteiger-Images und geschlossenen bürgerlichen Lagers mit starkem Ergebnis, dürfte es diesmal schwerer haben.

Er ist nicht mehr der frische Polit-Nobody, die ZIMT-Erfolge mit klarer CDU-Handschrift sind überschaubar. Was neben dem Promi-Faktor Landtagsabgeordneter für ihn spricht: Er gilt als nahbar, genießt unter Bürgern eine Beliebtheit und hat nun Erfahrung im Profi-Polit-Apparat. Für die CDU gibt es jedoch außer einer Groko kaum realistische Bündnisoptionen in Marburg – und die Linksbündnis-Signale der Konkurrenz sind unübersehbar. Selbst wenn Bamberger im Chefsessel auf eine potenziell starke Fraktion, bekanntes und gut vernetztes Personal – von Jens Seipp bis Ulrike Ristau – bauen könnte: Mit der OB-Stichwahl könnte es knapper werden als 2015.

Das liegt nicht zuletzt am Grünen-Boom und einer wahrscheinlichen Kandidatin Bernshausen, die zuletzt bei Auftritten immer stärker das Soziale betonte und vor allem den Frische-Faktor hat, den vor fünf Jahren Bamberger hatte. Juristischer Hintergrund, ehrenamtlich engagiert, als Mutter mehrerer Kinder stressresistent, dazu eine schlagfertige Rednerin: Auch wenn man bei den Grünen mehr auf den Bürgermeister-Posten schielen dürfte, hat Bernshausen durchaus Chancen gegen die Alpha-Männchen Spies und Bamberger.

Gegen wen würde es für den Amtsinhaber, mit dem viele Marburger als Egon-Vaupel-Nachfolger nie richtig warm geworden sind, in einer Stichwahl knapper? Während sich bei einem Duell mit Bamberger vermutlich trotz des bundesweit durchschlagenden „SPD-Malus“ und den Sparkurs-Zerwürfnissen 2017 das eher linke Lager hinter Spies versammeln würde, wäre der Ausgang im Kampf gegen Bernshausen schwerer zu prognostizieren. Eine grün-schwarze Entscheidungsrunde wäre indes überraschend.

Wird die Stärke der Grünen auch bei einer Personenwahl durchschlagen?

Die Frage ist, ob die anhaltende Grünen-Stärke nicht nur im Parlament, sondern auch bei einer Personenwahl durchschlägt. Angesichts der traditionellen Schwäche der Grünen, was personelle Vernetzung in Vereinen, Verbänden und Verwaltung angeht, erscheint es zwar eher unwahrscheinlich, dass eine Grüne das rote Marburg knacken kann. Aber: Die jüngste NRW-Kommunalwahl zeigt, dass die Grünen nicht nur Großstädte gewinnen können. Sie stellen künftig die Spitzen auch in Kleinstädten mit unter 40 000 Einwohnern.

Die große Unbekannte ist die AfD. Sie tritt in Marburg faktisch nicht in Erscheinung, programmatische Forderungen und Personal sind – außer den Vorständen Johannes Hühn und Michael Franke – weitgehend unbekannt. Wird sie CDU oder SPD Stimmen klauen – wenn ja, nur im Parlament oder auch bei einer Personenwahl mit eigenem Kandidaten? Klar ist: Der entscheidende Urnengang käme Ende März und damit zu einem Zeitpunkt, an dem die Parlaments-Zusammensetzung schon klar, somit die Frage „wer mit wem“, absehbar ist. Je nach Inhalten, politischem Farbenspiel, etwaigen Wahlempfehlungen, kann das Pendel ausschlagen.

Auswirkung auf Magistrat: Vierte Hauptamtsstelle?

Und da kommen auch die Ambitionen der Linken um die mögliche OB-Kandidatin Renate Bastian ins Spiel: Sollte es in der Stadtverordnetenversammlung zu Rot-Grün-Rot kommen, wird man eine Mitgestaltung über das Parlament hinaus, in der Verwaltungsspitze beanspruchen können. Bastian wäre dabei die Wegbereiterin für jemand anderen. Je mehr Bündnispartner, desto wahrscheinlicher wird sodann auch die Schaffung einer vierten hauptamtlichen Magistrats- oder einer ähnlichen Schaltstelle. Etwas, das schon in der laufenden Legislaturperiode immer mal wieder im Raum stand; was aber für die BfM um Andrea Suntheim-Pichler, deren Zukunft als Regierungspartner ungewiss ist, bisher nicht klappte.

Was sicher ist: Die SPD, sollte sie stärkste Kraft bleiben, würde nicht die beliebte Kirsten Dinnebier als Stadträtin opfern. Je nach Stimmanteil würde sich ein eventuell nötiger dritter Regierungspartner aber nicht erneut mit einer Zuschauerrolle abspeisen lassen. Oder reicht es nach fünf Jahren des Abstands und viel zerschlagenem Polit-Porzellan für eine Wiederbelebung der Ewig-Ehe zwischen Rot und Grün? Die CDU um Bamberger strotzt vor Kraft und will das verhindern.

von Björn Wisker