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Marburg Wer reibt sich denn da die Hände?
Marburg Wer reibt sich denn da die Hände?
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19:30 18.03.2018
Reibt sich Marburgs Ober­bürgermeister Spies (SPD) da die Hände? Zusammengelegte Hände stehen in jedem Fall für Zufriedenheit. Spies lächelt, da passt wohl etwas zusammen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die OP hat Coach Annette Förg (59) aus Marburg Fotos von Politikern vorgelegt und sie gebeten, die Gesten zu entschlüsseln – unabhängig vom Gesagten und den Situationen, in denen die Fotos entstanden.

Wie Gesten wirken

Außerdem hat Coach Förg uns ein Interview gegeben über Gesten, Lügen und breitbeinig sitzende Männer.

OP: Frau Förg, was verraten Gesten über mein Gegenüber?
Annette Förg: Gesten, Bewegung, Mimik, Haltung – all das verrät, ob sich der andere sicher fühlt oder ob er aufgeregt, vielleicht sogar eingeschüchtert ist. An erster Stelle geht es immer um die Existenz, um die Sicherheit. Das Gehirn scannt: Könnte mir mein Gegenüber gefährlich werden? Die Antwort lässt sich unter anderem an der Gestik ablesen.

OP: Können Gesten auch Lügner entlarven?
Förg: Durchaus. Wenn der Chef seinen Mitarbeiter mit etwas beauftragt und der die ­Arme vorm Körper verschränkt, sich zurücklehnt und den Nacken lang macht, dann heißt das: „Eigentlich will ich nicht.“ Wenn Sie jemanden bitten, Ihnen etwas vom Regal runterzuholen, und derjenige die Arme hinter den Körper nimmt, heißt das so viel wie: Ich sage: „Ja“, aber ich zeige „Nö, ich packe nicht zu.“

OP: Was ist mit Menschen, die Gesten meiden, deren Hände in den Hosentaschen stecken oder das Rednerpult umklammern? Haben die etwas zu verbergen?
Förg: Genau das ist die Wirkung. Da versucht jemand, sich nicht zu zeigen. Da will jemand verstecken, wie es ihm geht, wie er ist. Aber das funktioniert nicht. Wenn mich nicht die Gesten verraten, dann tun es Mimik, Stimme oder ­Atmung. Irgendetwas verrät mich immer.

OP: Man könnte per E-Mail kommunizieren.
Förg: Auch da kann man zwischen den Zeilen lesen: Wurde die Anrede weggelassen, was steht unten drunter: Gruß, Beste Grüße, LG? Wir können nicht nicht kommunizieren. Ein Großteil unserer Kommunikation kommt sogar ganz ohne Worte aus. Auf schmalen Gehwegen schaffen wir es beispielsweise problemlos, aneinander vorbei zu laufen, ohne zusammenzustoßen.

OP: Was zählt in einem Gespräch mehr: Was wir sagen oder wie wir es sagen?
Förg: Worte machen 7 Prozent der Wirkung aus, 93 Prozent die nonverbale Kommunikation, also Körpersprache, Erscheinungsbild, Stimme. Bevor wir auch nur ein Wort sagen, wurden wir längst gescannt und beurteilt. Das Gehirn macht das rasend schnell und unbewusst.

OP: Welche Gesten verraten, dass man sein Gegenüber nicht mag?
Förg: Das hängt von der Situation ab. Wenn Sie etwas sagen, das mir nicht gefällt, könnte ich weggucken. Vielleicht drehe ich mich sogar weg.

OP: Inwieweit kann man mit Gesten lügen?
Förg: Gesten sind echt. Der Körper lügt nicht. Körpersprache spiegelt immer die innere Haltung wider. Aber um Gesten lesen und verstehen zu können, braucht es Training.

OP: Wenn ich jemanden nicht leiden kann, kann ich darüber nicht hinwegtäuschen?
Förg: Nein. Sie können nicht schummeln. Ein Lächeln kann dann wie Zähnefletschen wirken. Schauspieler können natürlich für die Bühne Text, Gestik und Mimik einstudieren. Aber auch da gilt: Wer sich mit der Rolle gut identifizieren kann, den sehen wir lieber, weil er echter wirkt.

OP: Dann bringt es also nichts, sich eine professionelle Gestik anzutrainieren?
Förg: Es macht Sinn, an der eigenen Selbstwahrnehmung zu arbeiten, dass einem bewusst wird, was man will, und dass man weiß, was man tut und wie das auf andere wirkt. Kommunikation ist Kontakt, in erster ­Linie mit sich selbst. So wie ich mit mir in Kontakt bin, so zeige ich mich nach außen.

OP: Könnten Sie ein Beispiel nennen?
Förg: Jemand muss ein schwieriges Gespräch führen und hat Angst davor. Da kann man daran arbeiten, was er genau befürchtet und was ihm Sicherheit gibt. Es geht nicht darum, die Angst zu überspielen, sondern sie wahrzunehmen und mit ihr umzugehen. Es hilft, sich gut vorzubereiten, eine stabile Sitzhaltung einzunehmen und ruhig zu atmen.

OP: Gestikulieren Frauen anders als Männer?
Förg: Nein. Die Sprache der Gesten ist grundsätzlich gleich. Aber Männer sind tendenziell lauter, dominieren eher Gespräche und nehmen sich mehr Raum. Ich zeige Ihnen mal ein Foto aus der Oberhessischen Presse. (Auf dem Foto sitzen vier Personen nebeneinander auf Stühlen: zwei Männer, breitbeinig, zwei Frauen, die Beine übereinander geschlagen.)Sie sehen, die Männer machen sich breiter, die Frauen machen sich kleiner, indem sie die Beine übereinander schlagen.

OP: Gehört sich das nicht so?
Förg: Das sagt man so. Ich persönlich finde, Frauen dürfen alles, auch breitbeinig sitzen. Aber gesellschaftlich gewachsen ist eine andere Norm.

von Friederike Heitz