Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Wer keine Maske tragen kann, fliegt raus
Marburg Wer keine Maske tragen kann, fliegt raus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:58 28.04.2021
Eine Frau trägt bei ihrem Einkauf in einem Supermarkt eine FFP2-Schutzmaske.
Eine Frau trägt bei ihrem Einkauf in einem Supermarkt eine FFP2-Schutzmaske. Quelle: Foto: Sven Hoppe
Anzeige
Marburg

Wer in Corona-Zeiten einkaufen geht, der weiß: Nur mit medizinischem Mundschutz darf man in den Laden, und häufig ist auch die Benutzung eines Einkaufswagens Pflicht. Doch was ist mit Menschen, die diese Regeln aufgrund einer Behinderung oder Krankheit nicht befolgen können? Offenbar stoßen die Betroffenen nicht überall auf Verständnis. Die Marburgerin Martina Sennewald berichtet, dass sie nicht mehr im Herkules-Markt einkaufen darf – weil sie keinen Mundschutz tragen kann.

„Ich wurde sehr unfreundlich und abrupt gebeten, den Markt zu verlassen“, erzählt sie. Sie habe zwar ein ärztliches Attest, dass sie keine Corona-Schutzmaske tragen kann – aber der Marktleiter habe das gar nicht sehen wollen. „Die Zentrale hätte das so angeordnet, er dürfe keine Ausnahme machen“, gibt Sennewald die Antwort wieder.

„Ich bin Contergan-geschädigt“, erklärt Sennewald, „ich kann rein technisch keine Maske tragen“. Auch ein Plastikschild, das man ihr als Ersatz angeboten habe, könne sie wegen der Contergan-Schädigungen an Armen und Händen nicht tragen. Sie verweist darauf, dass die hessische Corona-Schutzverordnung Ausnahmen von der Maskenpflicht für Behinderte ausdrücklich vorsieht. Einzelhändler müssen in Corona-Zeiten gewährleisten, dass die Corona-Regeln eingehalten werden, damit Kunden sicher einkaufen können.

Doch einige Kunden können aus medizinischen Gründen keine Maske tragen oder keinen Einkaufswagen benutzen. Auf der anderen Seite haben die Marktbetreiber es regelmäßig mit Masken-Verweigerern zu tun – von denen manche auch gefälschte Atteste vorweisen.

Die Schwierigkeit für die Einzelhändler: Sie müssen entscheiden, bei wem eine Ausnahme von der Maskenpflicht wirklich gerechtfertigt ist. Doch Herkules will solche Ausnahmen offenbar generell nicht zulassen.

Nach dem Vorfall Mitte März schrieb Sennewald an die Rheika-Delta Warenhandelsgesellschaft in Melsungen. Die Edeka-Tochter betreibt die Herkules-Märkte.

Vorwurf: Diskriminierung

n der Antwort schreibt das Unternehmen: „Die Kunden, die aus welchen Gründen auch immer, nicht dazu bereit oder nicht in der Lage dazu sind, einen Einkaufswagen für ihren Einkauf zu benutzen, genügend Abstand zu halten oder eine medizinische Maske zu tragen, verweisen wir – im Rahmen der gesetzlichen Grenzen – mit Hinweis auf unser Hausrecht bis auf Weiteres des Marktes.“

Auf Nachfrage der OP wollte die Geschäftsführung nicht zu dem Thema Stellung nehmen. „Wir Behinderte werden diskriminiert“, ärgert sich Sennewald. Es gebe schließlich verschiedene Krankheiten und Behinderungen, aufgrund derer Betroffene keinen Einkaufswagen schieben oder keine Maske tragen könnten. Menschen mit geistiger Behinderung könnten unter Umständen die Abstandsregeln nicht korrekt einhalten. Sie alle dürften nicht mehr in dem Markt einkaufen. Wegen des Vorfalls hatte sich Martina Sennewald auch an Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies gewandt.

„Für Diskriminierung darf in Marburg kein Platz sein“, teilte Spies dazu auf Anfrage der OP mit. „Dafür setzen wir uns ein und deswegen nehmen wir jegliche Vorwürfe der Diskriminierung sehr ernst.“ Die Stadt Marburg habe daher auch schon mit allen Beteiligten zu dem Vorfall kommuniziert. Derzeit richte die Stadt eine Antidiskriminierungsstelle ein, an die sich alle Menschen wenden könnten, die sich diskriminiert fühlen, berichtete die Pressestelle..

Von Stefan Dietrich

28.04.2021
28.04.2021
Marburg Diskussionsrunde - Populismus und Pandemie
28.04.2021