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Marburg Wer fordert Kirsten Fründt heraus?
Marburg Wer fordert Kirsten Fründt heraus?
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00:25 11.05.2019
Wer will im Landratsamt in Cappel nach ganz oben? Am 8. September wählen die Bürger des Kreises. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Es ist neben dem Amt des Marburger Oberbürgermeisters wohl der wichtigste Posten, den eine Behörde im Landkreis Marburg-Biedenkopf zu bieten hat: Als Landrätin hat Kirsten Fründt über 1 000 Mitarbeiter in ihrer Behörde; der Etat ist in diesem Jahr mit rund 388 Millionen Euro veranschlagt.

Das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn definiert ­Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern oder Umsatz größer als 50 Millionen Euro im Jahr als Großunternehmen. Auch wenn sich eine privatrechtliche Organisation, die auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, nur schwerlich mit einer Behörde vergleichen lässt, kann man vergleichend sagen: Die Landrätin leitet ein Großunternehmen.

Ist ein solcher Job in der freien Wirtschaft vakant, gibt es regelmäßig ein Hauen und Stechen um dessen Besetzung. Aspiranten bringen sich in Stellung, preisen die eigenen Vorzüge an und weisen mit ausgestreckten Zeigefingern auf die Schwächen der Konkurrenten. In der Kommunalpolitik gehen die Beteiligten da deutlich vorsichtiger miteinander um. Was auch ein bisschen schade ist, weil doch unsere politische Kultur ihre Kraft im Wesentlichen aus dem Streit zieht.

Macht Pöppler ernst?

Nachdem die Christdemokraten kürzlich mit dem Kirchhainer Uwe Pöppler einen Kandidaten präsentierten wie ein Zauberer das Kaninchen aus dem Hut, halten sich andere Parteien noch bedeckt. Dass die CDU jemanden stellt, war zu erwarten. Wie hätte man den eigenen Anhängern erklären sollen, dass die Partei auf dieses prestigeträchtige Amt verzichtet?

Die Christdemokraten befanden sich hier in einem Dilemma: Sie mussten jemanden aufstellen. Doch derjenige, an den alle gleich dachten, wollte nicht. Marian Zachow hat es sich in seiner hauptamtlichen Rolle als Erster Kreisbeigeordneter ein bisschen gemütlich gemacht. Entweder Fründt gewinnt und er kann weitermachen oder er wird eben wieder Pfarrer.

Also hat sich Uwe Pöppler bereit erklärt. Sein Problem: Er leitet das Sozialamt, und das ist der Kreisverwaltung untergeordnet. Genau wie für Zachow gilt auch für Pöppler: Die Landrätin ist seine Chefin. Ob er ernsthaft gegen Fründt kämpfen wird oder lediglich aus Gründen der Parteiräson als Bauernopfer in die kommunalpolitische Geschichte eingeht, werden die nächsten Monate zeigen. Pöppler will die Kreisumlage senken, hat er bei seiner offiziellen Vorstellung als Kandidat gesagt. Das kommt zwar in der Fläche gut an, wird allein aber vermutlich nicht zum Wahlsieg reichen.

Wenn also Uwe Pöppler sich traut, Wahlkampf gegen die ­eigene Chefin und Koalition im Kreistag zu machen, stehen die Chancen gar nicht so schlecht für ihn. Ein Alleinritt zur nächsten Amtszeit wird es für Fründt aller Voraussicht nach nicht werden. Ihre Partei, die SPD, befindet sich auf sämtlichen föderalen Ebenen im Sturzflug. So mancher Beobachter der lokalen Polit-Szene vermutet, dass der umstrittene Wahltermin im September von der SPD im Kreistag durchgesetzt wurde, um die eigene Kandidatin vor einem möglichen Wahldebakel der Sozialdemokraten bei der Europawahl zu schützen. Das Kalkül: Sollten die Wähler aus Protest oder anderen Gründen der SPD ihr Kreuzchen für Brüssel verweigern, dann bitte im selben Affekt nicht auch noch das Kreuzchen für das Landratsamt.

Chancen auf den Chefposten am Lichtenholz dürfen sich allerdings nicht nur die Christdemokraten ausrechnen. Die Grünen zum Beispiel waren ja schon einmal ganz nah dran am Kreiszentrum der Macht. Dr. Karsten McGovern war als Erster Kreisbeigeordneter zweiter Mann in der Behörde. Hans-Werner Seitz, Sprecher der Kreisgrünen, sagte aber, dass McGovern wohl nicht zur Verfügung steht.

Die Grünen wollen

Dennoch verspricht Seitz: „Es wird jemand in die Bütt gehen.“ Seine Partei sieht die eigenen Chancen auch angesichts der jüngsten Wahlerfolge besser, als noch vor einigen Jahren gedacht. Ob sich dieser grüne Höhenflug auch auf eine Kopfwahl übertragen lässt, bleibt abzuwarten. „Schaffen wir es in die Stichwahl, ist alles offen“, sagt Hans-Werner Seitz.

Namen will er aber nicht nennen und auch die zweite Sprecherin der Partei, Efi Kaioglidou, lässt sich auf OP-Nachfrage nichts entlocken. Die Partei sei mit mehreren möglichen Kandidaten im Gespräch.
Vielleicht schicken die Grünen ja eine Frau ins Rennen – zum Beispiel die Richterin Nadine Bernshausen, die für die Bündnisgrünen im Kreistag sitzt. Unklar auch, welche politischen Ambitionen die Ärztin Dr. Elke Neuwohner noch hat. Sie wäre zumindest wahlkampferprobt, hatte sie sich 2015 doch als Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin der Stadt Marburg beworben.

Wer auch immer es wird, die Grünen benötigen Unterstützung. Im Falle einer Stichwahl ist die Partei darauf angewiesen, dass auch der CDU-Kandidat durchkommt. Sollte Uwe Pöppler im ersten Wahlgang durchfallen, ist davon auszugehen, dass sich die Christdemokraten aus Gründen der Koalitionsräson hinter die Amtsinhaberin stellen werden und den eigenen Parteigängern empfehlen, in der Stichwahl Kirsten Fründt zu wählen.
Umgekehrt ist jedoch denkbar, dass die Grünen sich für Pöppler aussprechen, sollte der eigene Kandidat am 8. September scheitern. Analog zum Wiesbadener Modell könnte es dann auf eine schwarz-grüne Spitze­ aus Landrat und Erstem Beigeordneten hinauslaufen. Eine Konstellation, mit der man im Landkreis ja bereits Erfahrung hat.

Und die anderen? Die Freien Wähler beschäftigen sich laut Jürgen Reitz noch mit der Kandidatenfrage. Anfang Juni will die Kreisvereinigung für Klarheit sorgen. „Die Wahl ist wichtig für uns“, sagt Reitz. Auch die Linke und die AfD diskutieren noch. AfD-Kreisvorsitzender Julian Schmidt spricht von einer 50-prozentigen Chance, dass seine Partei jemanden aufstellt. Auch hier gibt es offiziell keine Namen. In der jüngsten Kreistagssitzung hatte Karl-Hermann Bolldorf jedoch hinsichtlich der Wahl von einer möglichen Kandidatin gesprochen, was zum Beispiel auf die Kirchhainerin Ulrike Markert hindeuten könnte.

FDP verzichtet

Zwar ist der endgültige Entschluss noch nicht gefallen, aber aller Voraussicht nach wird die FDP auf eine Kandidatur verzichten. Der Kreisvorsitzende Werner Böhm sagte, dass die Partei sich derzeit voll auf den Europawahlkampf fokussiere und für einen zweiten Wahlkampf schlicht keine personellen Kapazitäten mehr ­habe. „Wir hatten eigentlich vor, jemanden aufzustellen“. Aber nochmal Plakate aufzuhängen­ und Veranstaltungen zu orga­nisieren, dazu fehle es dem Kreisverband an Kraft. „Die Basis geht schon auf dem Zahnfleisch“, sagt Böhm.

Kandidaten hätten die Liberalen durchaus gehabt. Böhm nennt beispielsweise Thomas Riedel, vielen bekannt durch sein Engagement als Vorsitzender der Bürgerinitiative Windkraft Görzhäuser Hof. Werner Böhm selbst wäre auch als Kandidat eingesprungen, wie er sagt. Er kann sich trösten: ­Seine Chancen wären wohl eher ­gering.

von Dominic Heitz