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Marburg Schwitzen unterm Dach
Marburg Schwitzen unterm Dach
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10:59 02.07.2022
 Eine Wohnung im Dachgeschoss kann sich im Sommer ordentlich aufheizen .
 Eine Wohnung im Dachgeschoss kann sich im Sommer ordentlich aufheizen . Quelle: Wolfgang Kumm/dpa
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Marburg

Die Rollos sind unten. Der Ventilator surrt. Und trotzdem: Der Schweiß perlt von der Stirn. Fast 27 Grad Celsius zeigt das kleine Thermometer in der Dachgeschoss-WG der Marburger Studentin Anastasia Lebedeva. „Im Sommer ist es einfach viel zu warm in der Wohnung“, klagt die 23-Jährige. An sich möge sie ihre Wohnung sehr gern, hätte sie allerdings die Wahl, würde Lebedeva in eine kühlere Wohnung ziehen. Oftmals flüchtet die Jura-Studentin vor der Hitze, wenn es drinnen wärmer als draußen ist: „Letzten Monat zum Beispiel, da war ich keine ganzen sieben Tage in der Wohnung.“ Den Vormittag über knallt die Sonne in das WG-Zimmer von Lebedeva. Schwacher Trost: „Die Sonne wandert so über das Haus, dass meine Mitbewohnerin die Nachmittagssonne in ihrem Zimmer abbekommt.“

Jura-Studentin Anastasia Lebedeva (23) schwitzt in ihrer warmen Dachgeschosswohnung Quelle: Larissa Pitzen

Ganz schön warm also – aber wie genau entsteht die Hitze unterm Dach? Das weiß der Marburger Energieberater Gerhard Dziehel. Seit über 20 Jahren berät der gelernte Schornsteinfeger in Energiefragen. Dass es im Sommer direkt unterm Dach so heiß werden kann, könne zum einen daran liegen, dass das Dach nicht ausreichend gedämmt wurde, zum anderen aber an einem sogenannten Wärmestau. „Die warme Luft aus dem gesamten Haus steigt nach oben, staut sich unterm Dach“, erklärt Dziehel.

Dämmen statt Schwitzen

Energieberater Gerhard Dziehel schlägt seinen Kunden regelmäßig vor, ihre Dämmung zu verbessern, damit die Hitze gar nicht erst ins Haus hineingelangt. „Gerade bei Häusern, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, wurde das Obergeschoss lediglich mit Bimsstein gemauert. Von Dachgeschoss-Dämmung wurde weitgehend abgesehen“, sagt der 71-Jährige. Da hilft oftmals nur Nachrüsten und das kann ganz schön ins Geld gehen. „Mittlerweile gibt es dazu einige Förder- und Zuschussprogramme“, weiß der Experte. Auch die Stadt Marburg hatte während der Corona-Pandemie das Förderprogramm „Energetische Sanierung“ ins Leben gerufen. Innerhalb von 18 Monaten wurden 91 Anträge bewilligt und mehr als 90 000 Euro ausgeschüttet, teilt die Stadt mit. Das Förderprogramm wurde Ende 2021 eingestellt. Weitere Möglichkeiten, sich eine energetische Sanierung bezuschussen zu lassen, bieten die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), sowie das Bundesministerium für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). „Wichtig ist hierbei, dass die Anträge vor Baubeginn gestellt werden“, sagt Dziehel, „die Arbeiten müssen von Fachfirmen ausgeführt werden.“

Unter einem schlecht gedämmten Dach kann es gerne mal bis zu 40 Grad heiß werden. Hitze ist nicht nur lästig, sondern – egal ob drinnen oder draußen – lebensgefährlich. Laut Bundesamt für Statistik wurden in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren durchschnittlich 1 519 Personen jährlich aufgrund von Hitzeschäden im Krankenhaus behandelt. Durchschnittlich 19 Personen starben jährlich in diesem Zeitraum daran. Die Verbraucherzentrale rät deshalb dazu, sich vor akuter Hitze zu schützen.

Tipps gegen akute Hitze

 

Dunkeln Sie das Fenster ab Ob Jalousie, Rollos oder Vorhänge, je weniger Sonnenstrahlung durch ein Fenster kommt, desto weniger heizt sich das Dachgeschoss auf.

 Wenn man in den eigenen vier Wänden schwitzt, hat man oft den Drang dazu, das Fenster zu öffnen. Experten raten davon ab, tagsüber zu lüften. Erst am Abend kann gelüftet werden.

 Ist es im Sommer in der Dachgeschosswohnung zu warm, hilft ein kaltes Fußbad. Der Körper wird so langsam über die Füße abgekühlt. Stellt man sich unter die kalte Dusche, kann das genau das Gegenteil bewirken: Der Körper kompensiert die plötzliche Kälte damit, dass er selbst versucht, die Kälte mit der körpereigenen Temperatur auszugleichen.

 Wer kennt es nicht? Egal wie warm es ist, ohne Decke ist es für viele Menschen schwer, Schlaf zu finden. Damit die Daunendecke nicht zur Ganzkörpersauna wird, probieren Sie es doch einfach mit einem leeren Bettbezug. Wahlweise kann dieser tagsüber im Gefrierschrank aufbewahrt werden.

Selbstgebaute KlimaanlageEine einfache Methode, seine vier Wände zu kühlen, ist eine selbstgebaute Klimaanlage. Dazu wird ein Eimer mit Eiswasser befüllt. Ein Handtuch wird dort eingetaucht und mit einer Seite über die Kante des Eimers gehängt, sodass das feuchte Tuch teils im, teils außerhalb des Eiswassers ist. Der Verdunstungseffekt kühlt die Raumtemperatur herunter. Noch effektiver funktioniert das Ganze, wenn das feuchte Handtuch vor einen Ventilator gehängt wird.

Lebedeva beispielsweise öffnet die Tür zum Flur des Mehrparteienhauses. „Die kühle Luft aus dem Flur zieht dann etwas in die Wohnung“, sagt sie, „Außerdem mache ich die Fenster, Jalousien und die Gardinen zu. Ob das wirklich was bringt, weiß ich allerdings nicht.“ Von einer kalten Dusche rät die 23-Jährige ab: „Das ist zwar in dem Moment erfrischend, aber spätestens beim Abtrocknen schwitzt man wieder.“ Abends lüfte sie die gesamte Wohnung gerne gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin. „Wenn wir beide Fenster auf haben, dann entsteht ein angenehmer Durchzug“, berichtet sie.

Von Larissa Pitzen