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Marburg "Wenn die Sucht die Psychose regiert"
Marburg "Wenn die Sucht die Psychose regiert"
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17:07 20.03.2012
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Das Foto zeigt Ursula Mannschitz, Leiterin des Zentrums für Psychose und Sucht der SHM (rechts vorne), Dr. Sibylle Hornung-Knobel, Vorsitzende der DFPS und Ulrich Ehrhardt, stellvertretender Vorsitzender der DFPS. Quelle: Felix Schneider
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Marburg

Marburg. Gemeinsam mit dem Verein Soziale Hilfe Marburg (SHM) hat die Deutsche Fachgesellschaft Psychose und Sucht (DFPS) eine Fachtagung organisiert. An der Tagung, die unter dem Thema "Wenn die Sucht die Psych(os)e regiert" stattfand, nahmen etwa 300 Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet teil. Dazu zählten Ärzte, Pflegekräfte, Psychologen, Sozial- und Ergotherapeuten, Motologen, Heilerziehungspfleger, sowie auch Angehörige und Betroffene.

Oftmals sei es leider noch der Fall, dass die Doppeldiagnose "psychisch krank" und "süchtig" verkannt werde und man Patienten entweder in die Psychiatrie oder in den Drogenentzug schickt, sagte Ursula Mannschitz, Leiterin des Zentrums für Psychose und Sucht der SHM.

Meist bedingen die beiden aber einander, so Ulrich Ehrhardt, stellvertretender Vorsitzender der DFPS. Es sei daher wichtig, bei der Diagnose auf beide Krankheitsbilder zu achten.

Dass die Doppelproblematik nicht zwischen die Stühle fällt ist eines der Hauptziele der DFPS und war auch das zentrale Thema der Tagung.

Über neuartige Drogen am Markt referierte Dr. Bernd Werse vom Centre for Drug Research der Johann-Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt, um Hintergrundinformationen zu liefern.

Unter anderem gebe es Spice und Research Chemicals. Obwohl sich die befürchtete neue Drogenwelle glücklicherweise noch nicht bewahrheitet hätte, so Werse, stelle die Vielfältigkeit der Produkte am Markt ein Problem dar. Es sei schwer, einen Überblick zu haben. Insbesondere der Verkauf von semilegalen Drogen über das Internet stelle ein großes Problem dar. Obwohl manche Produkte bunt aufgemacht werden und als harmlose Natur- und Kräuterprodukte verkauft würden, hätten sie teilweise eine stärkere Wirkung als beispielsweise Cannabis und die Langzeitwirkungen seien noch unerforscht, so Dr. Werse.

In vielen verschiedenen Workshops und und weiteren Referaten setze man sich unter anderem mit folgenden Themen auseinander: Der Einfluss früherer Traumatisierungen auf Suchterkrankungen, Therapie bei Borderline und Sucht Komorbidität, Suizidalität bei Sucht und anderen psychischen Erkrankungen, Funktion der Sucht bei Menschen mit Psychose, Konsummotive und Craving bei schizophrenen Patienten mit Cannabismissbrauch, Strategien zur Deeskalation bei Borderline-Patienten und Therapiemöglichkeiten für Cannabisabhängige.

58 Menschen werden dauerhaft betreut

Die SHM ist Teil der DFPS und wurde 1985 von Mitarbeitern des Psychiatrischen Krankenhauses Marburg gegründet. Das Zentrum für Psychose und Sucht in der Alten Kasseler Straße wurde 2002 eröffnet. Neben 12 Wohnheimplätzen für Menschen mit der Doppeldiagnose Psychose und Sucht, gibt es dort 47 Plätze für betreutes Wohnen. Derzeit werden 58 Menschen dauerhaft betreut.

Ziel ist es in einem geschützten Rahmen, ohne Zwangsmaßnahmen, in der Gemeinschaft mit der "tragenden Gruppe" zu leben, voneinander zu lernen und gemeinsam Sucht und Psychose entgegenzutreten, so Mannschitz.

Die DFPS veranstaltet jedes Jahr zwei große Tagungen und - nach 2005 - war dies schon das zweite Mal, das Marburg als Austragungsort gewählt wurde. Die nächste Tagung findet Ende September im Therapiezentrum Hamburg statt.

Dr. Sibylle Hornung-Knobel, die 1. Vorsitzende der DFPS, sagte der Oberhessischen Presse, dass sie bisher ausschließlich positive Rückmeldungen bekommen habe und sie der Ansicht sei, dass "von der kleinsten Krankenschwester bis zum Chefarzt alle mit der Tagung zufrieden" sind.

von Felix Schneider