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Marburg Wenn der Unterrichtsbesuch ausfällt
Marburg Wenn der Unterrichtsbesuch ausfällt
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10:53 20.04.2020
Eine Grundschullehrerin Mitte 2019 in Aktion. In Corona-Zeiten können Referendare auch ohne Praxis-Prüfung das Zweite Staatsexamen bestehen. Das stößt auf Kritik. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa
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Marburg

Geschlossene Schulen, leere Klassen, kein Unterricht – diese Situation trifft auch Referendare, die sich als angehende Lehrer auf eine neue Prüfungsverordnung einstellen müssen. Der Unterrichtsbesuch der Prüfer gehört fest ins Ausbildungsprogramm der sogenannten Lehrkräfte in Vorbereitung (LiV).

Erfahrene Ausbilder verfolgen über das gesamte Referendariat und auch während der Zweiten Staatsprüfung deren Unterrichtsgestaltung, Lehrmethoden, das theoretische und praktische Können der Referendare.

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Die sollen schließlich einmal Kinder und Jugendliche bestmöglichst und fachgerecht anleiten. Der Eindruck aus allen Unterrichtsbesuchen fließt in die Abschlussprüfung mit ein.

Doch was, wenn die entscheidende Stippvisite im Klassenzimmer in Corona-Zeiten ausfällt? Denn ohne Unterricht kein Prüfer-Besuch. Werden die Lehramtsanwärter nun nicht mehr geprüft? Doch, zumindest hat die Kultusministerkonferenz beschlossen, dass es für Referendare, die in 2020 das Zweite Staatsexamen ablegen, wegen der Corona-Pandemie alternative Prüfungsformate geben soll: Anstelle der praxisnahen Schulbesuche in den Klassen der LiV kommen nun „Prüfungsersatzleistungen“ zum Tragen.

Theorie statt Praxis-Check

In Hessen bekommen LiV während der Referendariats 16 Unterrichtsbesuche, zwei weitere im Rahmen der Examensprüfung. Auf die muss nun mangels Klassenunterricht verzichtet werden, als „Ersatzleitung“ dienen stattdessen zwei schriftliche Unterrichtsentwürfe, die auch regulär zu erstellen sind, mündlich besprochen, reflektiert und benotet werden. Mit der dann folgenden theoretischen Prüfung macht der Prüfungstag somit 40 Prozent der Endnote aus.

Auf der einen Seite schafft das für die Referendare Planungssicherheit, auf der anderen wird Kritik laut, ob die Bewertung in abgespeckter Form ohne Praxis-Check die tatsächliche Kompetenz der neuen Lehrkraft auch wirklich abbilden kann.

„Lehrerberuf wird nicht richtig wiedergegeben“

Das bezweifelt etwa ein angehender Lehrer aus dem Landkreis, der anonym bleiben möchte und für den Ende April nun die Abschlussprüfung ansteht: „Meiner Meinung nach muss es eine Prüfung geben, aber die neue Bewertungsgrundlage ist fragwürdig, der Lehrerberuf wird nicht richtig wiedergegeben“, findet der Referendar.

Denn: Die Prüfer, die über zwei Unterrichtsentwürfe und damit 30 Prozent der Note entscheiden, haben den künftigen Lehrer nie „in Aktion“ gesehen, nie mitbekommen, wie er oder sie die Theorie tatsächlich in der Praxis mit den Schülern umsetzt.

Vorwurf: Gute Theorie reicht nicht aus

Außerdem: Jene Anwärter, deren Stärke in eben diesem pädagogischen Bereich liegt, im direkten Austausch mit den Schülern, würden nun benachteiligt. Sie können ihre Qualitäten in der Klasse gar nicht beweisen, etwa wie sie auf einzelne Schüler mit Lernschwächen eingehen.

Stattdessen folge nun auf die neue Theorie-Alternative die eigentliche Theorie-Prüfung, die Praxis gehe unter. „Planung und Entwicklung sind im Lehrerberuf sehr wichtig, aber ausschließlich danach beurteilt zu werden, ist zu wenig“, sagt der angehende Lehrer.

Gewichtung der Leistungen verschiebt sich

In der neuen Verordnung der Kultusministerkonferenz zur zweiten Staatsprüfung heißt es außerdem, dass die Länder bereits bestehende Vorleistungen aus dem Vorbereitungsdienst – also aus der Schulzeit vor Corona – „stärker als bisher berücksichtigen“ könnten. Doch das werde zumindest in Hessen bislang nicht umgesetzt, die bereits bestandenen 16 Unterrichtsbesuche zuvor spielten eine zu geringe Rolle.

„Wir haben 18 Monate hart gearbeitet, und jetzt sollen wir zwei Entwürfe schreiben“, kritisiert er. Eine stärkere Gewichtung der früheren Praxis-Tests würde ein vielseitigeres Bild der Qualitäten der Prüflinge zeigen.

Ministerium: Vorleistungen fallen nicht unter den Tisch

Das Hessische Kultusministerium betrachtet die neue Verordnung dagegen als sinnvoll, diese werde nun umgesetzt, bleibe dabei „möglichst nahe an den bisherigen Regelungen“, teilt das Ministerium auf Nachfrage mit und verweist auf die weiterhin bestehenden Vorleistungen, die in Hessen zu 60 Prozent in die Note einfließen.

„Die Vorleistungen fallen ja nicht unter den Tisch, sondern werden zu mehr als der Hälfte der Examensnote eingebracht. Zu berücksichtigen ist aber auch die Entwicklung im Verlauf des Referendariats, die sich in ihrer unterrichtspraktischen Qualität in der Regel steigert.“ Auch das sollte „nicht zu wenig Gewicht haben.“

Online-Petition läuft

Sorgen, dass er oder andere nun eher durch die Prüfung rasseln könnten, macht sich der Referendar aber nicht, wohl aber um die Endnote, die seiner Meinung nach verfälscht werde, dennoch das ganze Berufsleben hindurch bestehen bleibt.

Referendare aus Darmstadt haben mittlerweile auf der Seite www.Onlinepetition.de eine Eingabe für „die Änderung des Erlasses zur Zweiten Staatsprüfung in Hessen“ gestartet und bitten das Kultusministerium und die Lehrkräfteakademie „um eine Änderung der Verordnung und damit um die Anerkennung von erbrachter Leistung“. Sie schlagen verschiedene Alternativen vor, darunter die Aussetzung der Prüfung oder eine andere Gewichtung der Noten.

Von Ina Tannert

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