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Marburg Wenn der Schlachter zum Huhn kommt
Marburg Wenn der Schlachter zum Huhn kommt
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16:00 19.11.2020
Petra Graw nimmt die Hühner im Weißbereich des Geflügelschlachtmobils aus. Quelle: Ina Tannert
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Marburg

Fünf Schritte müssen die Masthühner von Markus Schulz heute vom Stall bis zum Schlachter zurücklegen, fünf Schritte trägt der Hühnerhalter jedes seiner 100 Tiere, fünf Schritte, an deren Ende der schnelle Tod wartet. Direkt neben dem mobilen Hühnerstall steht das voll ausgestattete Geflügelschlachtmobil. Vorne wird ein Tier angereicht, es folgen die einzelnen Stationen Elektroschock, Kehlenschnitt, Ausbluten, Rupfen, Ausnehmen. Innerhalb weniger Minuten ist alles vorbei.

Der alltägliche Schlachtvorgang und doch zumindest in dieser Form noch einzigartig in Hessen, nicht nur wegen der fünf Schritte. Hier geht es um Regionalität, mehr Tierwohl, humane Schlachtmethoden – Schlagwörter, die in zahlreichen Debatten um die Lebensmittelerzeugung auftauchen. Humanes Töten – geht das überhaupt? Ohne Sterben, kein Fleisch, nur wie und wo? Das wissen die Kunden an der Fleischtheke meist nicht. Markus Schulz will es aber genau wissen, auch seine Kunden sollen das, dürfen sich gerne mit der ganzen Prozedur der Fleischerzeugung auseinandersetzen. Verbraucher, die wissen wollen, wo das Stück Schwein, Rind, Huhn, Festtagsgans auf dem Teller eigentlich herkommt.

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„Das Schlachten gehört zum Fleischessen eben dazu, ich fahre aber nicht mehr zum Schlachthof, die Hühner sollen nicht leiden“, hat Schulz für sich entschieden. Er betreibt in Wehrda eine Pferdepension, im Nebenerwerb hält er Bio-Hühner, 840 Legehennen und 100 Masthühner in mobilen Freilauf-Ställen. Einmal im Jahr werden rund 100 Masthähnchen geschlachtet. Nur ist es schwer für Hähnchenmäster, einen Geflügelschlachter in der Nähe zu finden. Schulz hat schon verschiedene Standorte getestet, „ich war nicht zufrieden, ich will das meinen Tieren ersparen“.

Und wenn das Huhn nicht zum Schlachter kommt? Dann kommt der Schlachter zum Huhn, mitsamt dem ganzen Schlachthof. Das Geflügelschlachtmobil von Lisa und Marcel Emrich aus Usenborn im Wetteraukreis rollte Anfang November am frühen Morgen auf den Wehrdaer Hof. Das Paar vom Galloway und Limousinhof Emrich betreibt seit Juli den mobilen Schlachthof für Geflügel – der einzige in Hessen und ein Pilotprojekt des Landes zur Förderung der hofnahen Schlachtung.

Stressfreies Schlachten

Einige Stunden dauert die Arbeit bei den 100 Tieren heute, im Großbetrieb undenkbar. Das nächste Huhn ist an der Reihe. Wieder einmal öffnet der Landwirt die Stalltür, hinter der die Schar leise gackert, „die Tiere sind ruhig, hier gibt es keine Hektik, genau darum geht es“, sagt Schulz und nickt zufrieden. Er greift sich ein Tier, streichelt über das Gefieder, „ist gut, alles gut“, murmelt er. Marcel Emrich im Schlachtmobil nimmt das Tier entgegen und hält es mit dem Kopf in die elektronische Betäubungsanlage. Blick zur Kontrolllampe, die leuchtet rot, schaltet um auf grün, wenn der Vorgang abgeschlossen ist. Wenige Sekunden lang fließt Starkstrom, das Huhn flattert kurz, streckt sich und wird steif.

„Das ist ein Zeichen, dass es komplett betäubt ist“, erläutert Amtstierarzt Dirk Behnke. Er steht vor dem offenen Wagen und beobachtet die Prozedur. Neben ihm verfolgt auch Lebensmittelkontrolleurin Nadine Mekler die ersten Schlachtungen an diesem Tag. Beide sind zufrieden. Es ist das erste Mal, dass das mobile Schlachthaus im Landkreis im Einsatz ist. „Eine gute Sache, das erspart den Tieren den Transportstress“, lobt Behnke.

Jede Betäubung wird von Emrich überwacht, so könne er sicher sein, dass die Hühner nichts spüren, ergänzt der Landwirt. Die in großen Schlachthöfen übliche automatisierte Elektrobetäubung im Wasserbad sei umstritten, funktioniere bei einem Teil der Tiere nicht, die dann bei vollem Bewusstsein getötet werden. Landwirt Schulz lehnt das Schlachten in Masse ab, ärgert sich über die moderne Fleischindustrie, aber auch über das Verbraucherverhalten: „Fleisch hat heute keinen Wert mehr, die Leute haben sich an billigen Ramsch gewöhnt und sollten nicht glauben, was im Discounter auf den Fleischverpackungen steht.“

Er führt das Naturland-Siegel, hält Bio-Hühner und ist Direktvermarkter, verkaufte auch die im Mobil geschlachteten Masthähnchen direkt am Hof. Noch während der Schlachtung kam die erste Kundin vorbei. Seine Tiere zu weit entfernten Schlachtbetrieben transportieren zu lassen, widerspreche aller Regionalität, passe nicht ins Konzept, betont Schulz. Daher bestellte er das Schlachtmobil, und das ist teurer als der Schlachthof – in seinem Fall zahlt er vier Euro pro Tier. Das lohne sich nicht für Legehühner, nur für die teureren Masthühner, die verkaufe er dabei dennoch für den regulären Preis von zehn Euro das Kilo. „Das kostet mich richtig Geld, aber das ist egal, ich will, dass meine Tiere gut sterben“, sagt Schulz.

Einziges Mobil in Hessen

Im Mobil folgt der Schnitt in den Hals eines betäubten Huhns, dann kommt das Ausbluten, kopfüber über der Blutwanne. Dort hängen ein halbes Dutzend Tiere, manche zucken hin und wieder, letzte Impulse des Körpers, „das sind die Nerven, die spüren nichts“, sagt Emrich. Die toten Körper wandern dann in den 70 Grad heißen Brühkessel und die Rupfmaschine, die Federn werden in sekundenschnelle entfernt. Den Rest der Arbeit übernimmt eine Kollegin im hinteren Teil des Wagens. Hinten heraus kommen die fertig ausgenommenen Körper, bereit für die Küche.

Das Angebot des Geflügelschlachtmobils ist vor allem auf kleinere Höfe, die Hühner, Enten, Gänse oder Puten halten, ausgelegt. In Hessen gibt es allerdings erst diesen einen Prototyp. Dabei steige die Nachfrage immer weiter an, sagt Emrich, der für den Rest des Jahres nahezu ausgebucht ist. Schulz würde es freuen, wenn weitere Mobile dazukämen, auch im heimischen Landkreis. Das findet auch der Chef des Veterinäramts: „Das wäre gut, es ist die beste Form des Schlachtens, ohne Aufregung für die Tiere – vielleicht können wir im Landkreis ja jemanden für einen solchen Wagen gewinnen“, sagt Behnke, der sich dafür einsetzen will.

Gerade weil es hierzulande viele Hühnerställe gibt, von regionalen Erzeugern, Direktvermarktern mit einer wachsenden Zahl bewusst einkaufender Kunden. Nur fehlt es an der Möglichkeit, auch nah am Betrieb schlachten zu können – eine klaffende Lücke im regionalen Kreislauf. Ein mobiles Schlachthaus könne die schließen.

Hohe Hürden für Schlacht-Zulassung

Laut der Hessischen Landestierschutzbeauftragten Dr. Madeleine Martin werden in Hessen ausgestallte Legehennen oder Freilandmasthähnchen aus Hühnermobilen, die regional direkt vermarktet werden sollen, häufig über weite Strecken zu Betrieben nach Niedersachsen oder auch nach Belgien oder Polen gefahren, um dort geschlachtet zu werden.Zwar dürfen vorhandene registrierte Geflügelschlachtbetriebe auch in Hessen das eigene Geflügel schlachten und regional vermarkten, jedoch keine Lohnschlachtungen für andere Geflügelhalter durchführen. Ihr Schlachthaus darf von anderen nicht genutzt werden. Eine EU-Zulassung, die dies ermöglichen würde, sei wegen der damit verbundenen Bürokratie, der Dokumentationspflichten und der hohen Gebühren in aller Regel für derartige Betriebe unrentabel. „Viele Hühnerhalter mit artgerecht gehaltenen Tieren suchen daher vergeblich eine nahe gelegene Schlachtstätte, die auch eine geringe Anzahl von Hühnern oder Hähnchen schlachtet.“ Deshalb habe das Land Hessen zusammen mit der Gerty-Strohm-Stiftung und der Ökomodellregion Wetterau das Geflügelschlachtmobil entwickeln lassen.Das kann von mehreren Betrieben leihweise in eigener Verantwortung genutzt werden und fällt nicht unter die EU-Zulassungspflicht. Ziel des Projekts sei die Produktion von Geflügelfleisch aus artgerechter Freilandhaltung – erzeugt durch stressfreie Schlachtung ohne Tiertransport.

von Ina Tannert