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Marburg Wenn Zahnspangen zu Karies führen
Marburg Wenn Zahnspangen zu Karies führen
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09:58 03.11.2020
Die Zahnränder können sich bei Trägern von Brackets zu echten „Schmutznischen“ entwickeln. Quelle: Fotos: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Die Wirksamkeit einer neuen Behandlungsmethode gegen Zahnschäden, die durch das Tragen von aus kieferorthopädischen Gründen verordneten Zahnspangen verursacht werden, hat die Marburger Zahnmedizinerin Professorin Anahita Jablonski-Momeni in einem Forschungsprojekt nachgewiesen. Dafür erhielt ein Team unter ihrer Leitung jetzt den Oral-B-Preis für Kinderzahnheilkunde und Prävention.

Wenn zur kieferorthopädischen Behandlung eine feste Zahnspange eingesetzt wird, kann es insbesondere am Rand der Flächen, an denen die Apparatur auf dem Zahn angebracht ist, zur Demineralisation des Zahnschmelzes kommen. Aus solchen Schädigungen, die bei festen Zahnspangen in fast der Hälfte aller Fälle auftreten, kann Karies entstehen. Denn selbst in kleinsten Beschädigungen im Zahnschmelz können sich Bakterien ansiedeln, vermehren und weiter ins Zahninnere vordringen.

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Das grundsätzliche Problem entsteht bei den Trägern von Zahnspangen, mit denen Zahnfehlstellungen korrigiert werden. Das sind vorwiegend Teenager im Alter ab 12 Jahren. „Diese aus Metall bestehenden Brackets werden einzeln auf jeden Zahn aufgeklebt. Dadurch kommt es dann schon zu Zahnbewegungen“, erklärt Jablonski-Momeni. Anschließend müssen die Brackets für einen Zeitraum von mehreren Monaten bis zu einigen Jahren ununterbrochen getragen werden, ohne dass sie abgenommen werden. An den Rändern setzen sich jetzt aber schon bald Zahnbeläge ab. An diesen Stellen müssten die Zähne eigentlich sehr viel intensiver geputzt werden, was aber nicht so ganz einfach ist. „Das ist auch eine Motivationsfrage“, weiß die Marburger Zahnmedizinerin. Besonders die Zahnränder können sich bei den Bracket-Trägern so zu echten „Schmutznischen“ entwickeln.

Sind die Defekte noch in einem frühen Stadium, kann eine neuartige Behandlungsmethode den Prozess stoppen und dazu beitragen, dass der Zahn sich selbst repariert: durch den Einsatz des Peptids P11-4. Es gehört zu den sich selbst organisierenden Peptiden, die eine biologische Matrix bilden. Das Peptid wird als Flüssigkeit auf den Zahn aufgebracht, füllt das Zahnloch und sorgt dafür, dass sich Calciumionen und andere Mineralien in der Zahnstruktur einlagern. Auf diese Weise wird der Zahnschmelz remineralisiert.

Das Marburger Forschungsteam kam auf die Idee, zusätzlich zu bisher bereits in diesen Fällen verwendeten Fluoriden auch das Peptid P11-4 einzusetzen, es wurde speziell für die Behandlung von Kariesschäden entwickelt. Schon vor einigen Jahren machten Marburger Wissenschaftler der Zahnklinik dazu eine erste unabhängige Studie.

„Wir wussten also, dass das Produkt bei Karies-Löchern einen Effekt erzielt“, erklärt Jablonski-Momeni. Nicht klar war allerdings, ob es auch auf die Karies-Risikogruppe der Bracket-Träger anwendbar ist. Bei den Versuchsreihen im Labor wurden auf Schmelzproben kieferorthopädische Brackets befestigt und die Karies-Anfangsstadien (sogenannte weiße Spots) erzeugt. Ein Teil der Proben wurde dann gar nicht behandelt, ein anderer Teil nur mit einem Fluoridlack, die dritte Gruppe mit dem Peptid P11-4 und Fluoridlack. Die Proben wurden für 90 Tage in künstlichem Speichel gelagert. Am schlechtesten waren die Ergebnisse bei Nichtbehandlung. „Durch den Einsatz von P11–4 in Kombination mit einem Fluoridlack konnten wir eine deutlich verbesserte Remineralisation im Vergleich zur alleinigen Anwendung von Fluoriden zeigen“, fasst Anahita Jablonski-Momeni die Ergebnisse der Studie zusammen.

Zusätzlich wendeten die Forscherinnen ein neuartiges bildgebendes Verfahren an. Diese Bioluminiszenz-Methode liefert sofort den visuellen Nachweis, ob die Zahnstellen rund um die Brackets von der Anfangsstufe von Karies befallen sind oder nicht. Entweder leuchten die Stellen intensiv blau oder gar nicht. Das Ergebnis der Laborstudien, die Ende 2019 abgeschlossen waren, ist allerdings nicht automatisch auf den zahnärztlichen Alltag übertragbar. Eine klinische Studie, an der Patienten teilnehmen, wird aber vorbereitet, wie Jablonski-Momeni im Gespräch mit der OP erläuterte.

Die jetzt abgeschlossene Studie wurde mit 14 000 Euro von der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde bezuschusst. Beteiligt daran waren an der Marburger Zahnklinik auch Professorin Heike Korbmacher-Steiner vom Institut für Kieferheilkunde sowie Zahnärztin Romy Nothelfer und außerdem das Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen (Halle).

Von Manfred Hitzeroth

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