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Marburg Weniger Geld für mehr Unterricht
Marburg Weniger Geld für mehr Unterricht
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19:58 13.11.2019
In Marburg haben rund 150 Lehrer für mehr Geld demonstriert.  Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

„Manchmal, wenn ich zur Schule geh, denk ich drüber nach, dass ich Lehrkraft zweiter Klasse bin und die allermeisten Wochenstunden hab.“ Mit einem Lied und einer Demonstration haben die Marburger Grundschullehrer ihrem Ärger gestern Luft gemacht. Noch immer verdienen sie weniger als ihre Kollegen an Real- und Gesamtschulen sowie Gymnasien.

Im bundesweiten Vergleich steht Hessen an 13. Stelle, weit hinter Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Brandenburg, Hamburg und Bremen. Vor allem die Stadtstaaten punkten mit einem höheren Jahreseinkommen. So verdienen Grundschullehrer in Bremen als Einsteiger fast 8 000 Euro mehr im Jahr als ihre hessischen Kollegen. „Hinzu kommt, dass die Unterrichtsverpflichtung für Grundschullehrer in Hessen bundesweit am höchsten ist“, sagte Hille Kopp-Ruthner von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

29 Pflichtstunden haben Grundschullehrer in Hessen. Sie verdienen dafür knapp 3 300 Euro brutto. 25 bis 26 Stunden sind es an Gymnasien, bei 3 800 Euro brutto. In Brandenburg verdienen die Grundschul-Kollegen bei 27 Pflichtstunden sogar 3 900 Euro brutto.

Es geht um Gerechtigkeit

„Wir jammern nicht, dass wir zu wenig verdienen“, betonte Hille Kopp-Ruthner im OP-Gespräch. „Es geht einzig und allein um Gerechtigkeit.“ In den vergangenen Jahren haben sich zudem die Bedingungen erheblich verändert. Neben der Vorbereitung der individuellen Förderung in integrativen Klassen kostet auch die Abstimmung in den multi-professionellen Teams mehr Zeit. „Andere Lehrkräfte verdienen mehr, sogar Quereinsteiger an Berufsschulen“, so Hille Kopp-Ruthner.

Neben dem Ungleichgewicht bei der Besoldungsgruppe machten die 150 Demonstranten auf ihrem Weg vom Marktplatz in die Gisselberger Straße auch auf den Lehrkräftemangel aufmerksam. Allein für die Schuljahre 2022 bis 2024 prognostiziert die Kulturministerkonferenz für Hessen einen Lehrkräftemangel von etwa 1 000 Lehrern. Nach Untersuchungen der GEW sollen es sogar mehr als 2 500 ausgebildete Lehrkräfte sein. Schon heute unterrichten an hessischen Grundschulen 1 500 Frauen und Männer ohne pädagogische Fachkenntnisse.

„Schlusslicht-Zwerge“ überreicht

Im Aufsichtsbereich des Staatlichen Schulamtes Marburg gibt es derzeit 381 Stellen für Grundschullehrkräfte, die mit unterschiedlichem Stellenumfang besetzt sind. „Alle offenen Stellen zur Abdeckung des Unterrichts konnten besetzt werden“, informierte die stellvertretende Amtsleiterin Gesche Herrler-Heycke auf OP-Nachfrage. 
 Grundschullehrkräfte würden 
insbesondere dann fehlen, wenn es kurzfristig zu langfristigen Erkrankungen von Lehrkräften kommt, oder aber beispielsweise Elternzeiten zu vertreten sind. In diesen Fällen müssen befristete Vertretungsverträge vergeben werden.

„Regional bestehen aktuell 41 Vertretungssituationen an Grundschulen in der Aufsichtsregion. Der Einsatz bewegt sich zwischen zwei und 28,5 Stunden. Im Durchschnitt sind es Stunden, die zum Teil im Unterricht, zu Teilen aber auch in Förderangeboten oder im Ganztagsbereich eingesetzt sind“, erklärte Gesche Herrler-Heycke.

Die Demonstranten überreichten auf ihrer Runde dem CDU-Landtagsabgeordneten Dirk Bamberger und Hans-Werner Seitz, Sprecher des Grünen-Kreisverbandes, noch die „Schlusslicht-Zwerge“. Bamberger machte klar, dass die 70 Millionen Euro, die die Erhöhung kosten würde, nächstes Jahr definitiv noch nicht im Landes-Haushalt stehen werden. Seitz, dessen Partei dieses Thema in den Koalitionsvertrag gebracht habe, sehe eher die Bundesregierung in der Pflicht, eine einheitliche Besoldung länderübergreifend auf den Weg zu bringen.

von Katja Peters