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Marburg Weniger Bewerber, aber mehr Auszubildende
Marburg Weniger Bewerber, aber mehr Auszubildende
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12:00 05.11.2021
Die Ausbildungsmesse „Ansage Zukunft“ – hier ein Foto aus 2019 – soll im Frühjahr wieder in Präsenz stattfinden.
Die Ausbildungsmesse „Ansage Zukunft“ – hier ein Foto aus 2019 – soll im Frühjahr wieder in Präsenz stattfinden. Quelle: Foto: Ina Tannert
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Marburg

Am regionalen Ausbildungsmarkt ist die Lage zum Ende des Ausbildungsjahres 2020/21 besser als die Fachleute von der Arbeitsagentur es angesichts der Corona-Pandemie erwartet hatten. „Anfang des Jahres hätten wir gesagt: Das wird dunkel“, sagte Volker Breustedt, Leiter der Marburger Agentur für Arbeit, bei einem Pressegespräch vergangene Woche. Doch der befürchtete massive Einbruch auf dem Ausbildungsmarkt ist ausgeblieben. Die Zahl der bei der Arbeitsagentur gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber sank laut den Zahlen der Arbeitsagentur im Landkreis zwar im Vergleich zum Ausbildungsjahr 2019/20 um rund zehn Prozent oder 167 Personen auf noch 1 479 Ausbildungs-Suchende. Und die Zahl der von Betrieben angebotenen Ausbildungsstellen war mit 1 547 um 3,4 Prozent oder 55 Stellen niedriger. „Doch wenn man die Schwierigkeiten berücksichtigt, ist das ein Super-Wert“, meinte Breustedt. Erstmals habe es im Landkreis mehr gemeldete Ausbildungsstellen als Bewerberinnen und Bewerber gegeben, fügte er hinzu.

Zudem gelang es offenbar besser, Bewerberinnen und Bewerber an die Ausbildungsbetriebe zu vermitteln: Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen sank im Jahresvergleich um 60 (37,3 Prozent) auf 101, die Zahl der unversorgten Bewerberinnen und Bewerber sank um 67 (36,8 Prozent) auf 115. „Ein Spitzenwert“, findet Breustedt.

Viele Jugendliche sind orientierungslos

Die Ausbildungsquote – also der Anteil der Auszubildenden an den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten – liegt im Landkreis in diesem Jahr bei 4,9 Prozent (Stand März) und damit höher als im Landes- und Bundesschnitt (4 Prozent beziehungsweise 4,4 Prozent). Damit liegt die Quote im Landkreis in diesem Jahr zwar niedriger als im September 2020 (5,4 Prozent), aber immerhin auf dem Niveau von vor fünf Jahren (März 2016: 4,9 Prozent). „Die Ausbildungsbereitschaft in den Betrieben ist hoch“, bilanzierte Andreas Wicker, Teamleiter Arbeitgeberservice bei der Arbeitsagentur.

Traditionell ist die Ausbildungsquote im Hinterland höher als im Ostkreis. Sie lag im März in der Geschäftsstelle Biedenkopf bei 5,3 Prozent, in der Geschäftsstelle Marburg bei 5,2 Prozent, in der Geschäftsstelle Stadtallendorf dagegen nur bei 3,8 Prozent. Dafür stieg die Zahl der Ausbildungsstellen im Ostkreis um 16 auf 334, während sie im Bereich der Geschäftsstelle Biedenkopf um 40 auf 317 und in der Region Marburg um 31 auf 896 sank. Die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber ging in allen Teilen des Landkreises zurück.

Eine Rolle dürfte dabei gespielt haben, dass vielen Jugendlichen in der Corona-Pandemie Berufsorientierungs-Angebote fehlten. „Es konnten nicht nur keine Berufsberater in die Schulen gehen, auch Veranstaltungen wie Ausbildungsmessen sind ausgefallen“, sagte Dr. Heike Beber, Sprecherin der Arbeitsagentur.

Praktika waren ebenfalls großenteils nicht möglich. Die Folge: Viele Jugendliche sind orientierungslos. „Das ist nicht gut, weil es auch zu falschen Entscheidungen kommt“, sagte Sascha Becker, stellvertretender Teamleiter der Berufsberatung der Arbeitsagentur. Die Arbeitsagentur hilft allerdings auch, wenn es Probleme in der Ausbildung gibt, sagt Wicker. So gibt es ein von der Arbeitsagentur finanziertes Programm „Assistierte Ausbildung“, in dem Jugendliche Unterstützungsunterricht bekommen. Das Ziel: Die Zahl der Ausbildungs-Abbrüche reduzieren.

Freie Ausbildungsstellen gibt es reichlich im Handel

Die 101 noch unbesetzten bei der Arbeitsagentur gemeldeten Stellen sind vor allem im Handel: 45 freie Ausbildungsstellen sind in diesem Bereich, unter anderem als Verkäuferin oder Verkäufer, Einzelhandelskauffrau oder -mann sowie im Bäckerei- und Fleischerei-Verkauf.

13 unbesetzte Ausbildungsstellen gibt es noch im Handwerk, 9 im verarbeitenden Gewerbe, 6 im Gastgewerbe.

Inzwischen sind Berufsorientierungs-Angebote zumindest zum Teil wieder in Präsenz möglich – und die Fachleute von der Arbeitsagentur hoffen, dass sich diese Entwicklung fortsetzt.

„Den persönlichen Kontakt sowohl zum Betrieb als auch zur Beratungsfachkraft kann nichts ersetzen“, ist Breustedt überzeugt. Anfang des kommenden Jahres soll deshalb die Messe „Ansage Zukunft“ wieder in Präsenz stattfinden, so der Plan der Arbeitsagentur.

Von Stefan Dietrich

Tipps für Ausbildungssuchende

Auch wenn das Berufsausbildungsjahr zumindest statistisch abgeschlossen ist – die Ausbildungsstellen-Vermittlung geht immer noch weiter. Darauf weist die Agentur für Arbeit hin. Für Bewerberinnen und Bewerber, die bisher noch keine Ausbildungsstelle finden konnten, haben die Fachleute einige Tipps:

Wichtigster Ratschlag von Volker Breustedt, dem Leiter der Marburger Arbeitsagentur, an Ausbildungsstellen-Suchende: „Geht zur Berufsberatung!“ Der große Vorteil, den Jugendliche heute hätten, wirke sich für viele als Nachteil aus: Es gebe zahlreiche Informationsmöglichkeiten im Internet, doch dadurch fehle vielen der Überblick. Hinzu kommt, dass Berufsorientierung in Form von Praktika und Berufsmessen in der Corona-Pandemie kaum möglich war. „Der Berufsberater ist unsere Machete im Dschungel des Ausbildungsmarktes – der macht den Weg frei, und dann kann man seinen Weg selber gehen“, sagt Breustedt. Die Fachleute von der Arbeitsagentur beraten neutral – sie versuchen also nicht, die Jugendlichen in eine bestimmte Richtung zu drängen. Die Berufsberatung ist erreichbar unter der Telefonnummer 0 64 21 / 60 51 53 oder per E-Mail an marburg-berufsberatung@arbeitsagentur.de.

Die Arbeitsagentur bietet den Berufswahltest Check-U auch online an unter https://www.arbeitsagentur.de/bildung/welche-ausbildung-welches-studium-passt. Die Ergebnisse können dann in der Berufsberatung besprochen werden.

In der Jobbörse der Arbeitsagentur sind auch jetzt noch aktuelle Ausbildungsstellen von Betrieben zu finden, die noch für dieses Jahr einen Azubi suchen. „Kontaktaufnahme lohnt sich auf jeden Fall“, schreibt die Arbeitsagentur dazu.

Für Jugendliche, die in diesem Jahr nicht wie gewünscht ihre Ausbildung beginnen können, gibt es verschiedene Überbrückungsmöglichkeiten, über die die Berufsberatung informiert. Eine davon sind Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen. Sie beinhalten Unterricht, Berufsorientierung und Praktika und dauern bis zu zehn Monate. Auch wer noch keinen Hauptschulabschluss hat, kann ihn so erreichen. Es gibt noch Plätze für eine Einstiegsqualifizierung über ein Betriebspraktikum von mindestens einem halben Jahr.

Besonders in der Pflege wird auch im Frühjahr ausgebildet, teilt die Arbeitsagentur mit. Dadurch lasse sich die Überbrückungszeit verkürzen.
Eine weitere Möglichkeit: Wer zur Überbrückung jobbt, kann zum Beispiel Geld für den Führerschein verdienen und dadurch die Chancen auf eine Ausbildungsstelle erhöhen.

Mit den Trägern von Freiwilligendiensten (zum Beispiel Freiwilliges Soziales Jahr, Freiwilliges Ökologisches Jahr) können interessierte Jugendliche klären, ob es noch freie Plätze gibt.

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