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Marburg Die Eltern-Akkus sind leer
Marburg Die Eltern-Akkus sind leer
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18:58 04.05.2020
Eltern und Kinder protestieren am 1. Mai vor dem Erwin-Piscator-Haus in Marburg. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Sehr kurzfristig war der Aufruf an die Eltern in Marburg und Umgebung, sich an der Protestaktion am Freitag vor dem Erwin-Piscator-Haus zu beteiligen. „Wir Familien können nicht mehr – Gebt Kindern eine Stimme“, lautete das Motto der Veranstaltung, zu der unter anderem Dr. Susanne Keppler aufgerufen hatte. Die Psychotherapeutin unterstützte damit ihre Tochter, die gerade selbst zwei Kinder zuhause betreut. „Die Kinder leiden unter der Kontaktsperre“, sagte sie im OP-Gespräch. Das Arbeiten und gleichzeitige Kinder hüten würde in den Familien für schlechte Laune sorgen, habe sie festgestellt. Und auch, dass viele Kinder schon viereckige Augen hätten vom Fernsehen und der Tabletnutzung.

„Die Eltern-Akkus sind leer“ stand in großen Lettern auf einem Plakat. Daneben hatten Eltern geschrieben: „Was wird aus uns und den Sommerferien“ und forderten auf einem weiteren Plakat „kreative, umsetzbare, intelligente, durchdachte Ideen“ für Schul- und Kitabesuch. Das „Wirrwarr um die Schulöffnungen“ sei anstrengend gewesen, „wir brauchen verlässliche Auskünfte“, sagte Susanne Keppler. „Es geht um klare Aussagen, wann, wie und wo die Kinder wieder in die Schulen und Kitas gehen können.“ Das vermisse sie bei den politischen Entscheidungen.

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Außerdem monierte sie, dass erst jetzt untersucht werde, ob Kinder zu den besonders stark Verbreitenden gehören würden, oder nicht. Ihrer Meinung nach hätte das schon viel früher passieren müssen. Für sie basieren die Schulschließungen auf reinen Hypothesen. Dabei wurden gerade in der vergangenen Woche zwei neue Studien zu genau diesem Thema veröffentlicht. Die Befunde aus der Charité legen nahe, dass Kinder genauso ansteckend sein könnten wie Erwachsene, da sie eine genau so große Menge an Viren im Rachen haben wie Erwachsene. Im Fachmagazin Science wurde eine Studie veröffentlicht, in der Wissenschaftler Kontaktumfragen aus Wuhan und Shanghai und Kontaktverfolgungs-Daten aus der chinesischen Provinz Hunan ausgewertet und darauf basierend ein Modell erstellt haben. Die Forscher aus China, Italien und den USA kamen unter anderem zu dem Ergebnis, dass Schulschließungen alleine einen Covid-19-Ausbruch nicht regulieren, ihn aber deutlich verlangsamen können.

Ein weiterer Kritikpunkt der Protestaktion war, dass sich die Schulen mehr Sorgen darüber machen würden, wie die Desinfektionsspender befüllt werden, als sich Gedanken darüber zu machen, wie der Schulalltag trotz Corona weiterlaufen könnte. Das wäre ein weit verbreitetes Bild, nicht nur in Marburg. Ein Vor-Ort-Besuch an einer der möglichen Schulen, um sich ein Bild von der derzeitigen Situation zu machen, habe es aber von den Eltern noch nicht gegeben. Laut OP-Recherche ist der Unterricht in allen Schulen mit Abgangsklassen seit Montag ohne Zwischenfälle angelaufen. Lieferschwierigkeiten oder andere Probleme mit Desinfektions- und Hygienemitteln habe es nicht gegeben. Einzig und allein die Raumnot sowie fehlende Lehrer, aufgrund der Zugehörigkeit zu Risikogruppen, würden einer weiteren Öffnung im Wege stehen, so der gemeinsame Tenor.

„Wir wollen einfach zeigen, uns geht es nicht gut mit der Situation“, sagte Susanne Keppler zum Abschluss, bevor die Teilnehmer einer zweiten Kundgebung und Protestaktion den Platz vor der Stadthalle für sich einnahmen.

Von Katja Peters

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