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Marburg „Nichthören grenzt extrem aus“
Marburg „Nichthören grenzt extrem aus“
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08:00 03.03.2021
Patient Marvin Donges (vorne) mit Hörgeräteakustikmeisterin Gabriele Suffert (hinten von links), Dr. Jochen Müller-Mazzotta, Klinikdirektor, Professor Boris Stuck und Dr. Katrin Reimann (Oberärztin und Leiterin Cochlea-Implant-Centrum Marburg).
Patient Marvin Donges (vorne) mit Hörgeräteakustikmeisterin Gabriele Suffert (hinten von links), Dr. Jochen Müller-Mazzotta, Klinikdirektor, Professor Boris Stuck und Dr. Katrin Reimann (Oberärztin und Leiterin Cochlea-Implant-Centrum Marburg). Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Mit einem Mal auf beiden Ohren taub: Gewissermaßen mit einem Schlag war es vorbei mit dem Hören für den 20-jährigen Biedenkopfer Marvin Donges. Dabei wirkte sich das, was ihm im April 2020 passierte, zunächst noch viel dramatischer aus. Nach einem Sturz vom Balkon aus acht Metern Höhe – die Folge eines vergeblichen Versuchs, ein Weinfass als Dekorationsobjekt für die Wohnung alleine in die Höhe zu heben – lag er zunächst sogar sechs Wochen im Koma. Anschließend musste mehrere Monate im Uni-Klinikum Marburg und einer neurologischen Reha-Einrichtung verbringen.

Als er aus dem Koma erwacht war, stellte er fest, dass er außer Piepen in den Ohren überhaupt nichts mehr hörte. „Ich habe mich ausgeschlossen gefühlt, keiner hat mehr mit mit geredet“, erzählt er im Gespräch mit der OP. Weil es so mühsam war, sich mit ihm zu verständigen, redeten Freunde und Familienangehörige immer weniger mit dem jungen Mann, der nach einer abgeschlossenen Lehre das Fachabitur anstrebte. So kommunizierte selbst seine Mutter dann nur noch mit dem gegenseitigen Schreiben von Nachrichten auf Zetteln mit Marvin Donges.

„Das Nichthören grenzt extrem aus“, erläutert die HNO-Medizinerin Dr. Katrin Reimann, die Cochlea-Implant-Centrum Marburg im Uni-Klinikum leitet. „Man ist allein mit sich und der Welt“, ergänzt sie. Um den 20-Jährigen neben dem schwierigen Weg der sonstigen körperlichen Rehabilitation aus seiner sozialen Isolation herauszuholen, wurde ihm in Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzten bei einer Operation eine Hör-Prothese, ein sogenanntes Cochlear-Implantat (CI), eingepflanzt. Und auch wenn Marvin Donges zunächst vor dieser weiteren Operation zurückschreckte, erwies sie sich im Endeffekt als der richtige Weg. Am 30. November erfolgte die CI-Operation. Rund vier Wochen später, einen Tag vor Heiligabend, erfolgte dann der Test im CI-Centrum des Marburger Uni-Klinikums, bei dem Jochen Müller-Mazzotta – Audiologe und Ingenieur für Medizin-Technik – prüfte, ob sich das Hörvermögen des jungen Mannes wieder aktivieren lässt.

Das in den 60er Jahren entwickelte und Ende der 70er Jahre weiter optimierte Cochlea-Implantat (englisch cochlear implant, CI) ist eine Hörprothese für Gehörlose und Ertaubte, deren Hörnerv als Teilorgan der auditiven Wahrnehmung noch funktionsfähig ist.

Das CI-System besteht aus einem Mikrofon, einem digitalen Signalprozessorm, einer Sendespule mit Magnet und dem eigentlichen Implantat, das sich aus einem weiteren Magneten, einer Empfangsspule, dem Stimulator und dem Elektrodenträger mit den Stimulationselektroden zusammensetzt. Di Elektroden werden in die Cochlea (Hörschnecke) eingeführt. Die Empfangsspule wird im Schädelknochen nahe der Ohrmuschel unter der Haut platziert. Die Sendespule des Prozessors haftet mit Hilfe der Magneten auf der Kopfhaut über der Empfangsspule des Implantats. Die Spannungsversorgung des Implantats erfolgt durch die Kopfhaut mittels elektromagnetischer Induktion. Die Signalübertragung erfolgt mit Hochfrequenzwellen.

Rund 90 neue Patienten pro Jahr werden im Marburger CI-Centrum implantiert. Inklusive der Nachsorge gibt es derzeit einen Patientenstamm von rund 800 Patienten. „Wir stehen in engem Austausch und auch in formaler Kooperation mit einer Reihe von Hörgeräte-Akustikern in der Region“, erläutert Professor Boris Stuck, Chef der HNO-Klinik im Marburger Klinikum. „Und wir bieten an unserer Klinik unterschiedlichste Verfahren zur Verbesserung des Hörvermögens an, einschließlich komplexer aktive Mittelohrimplantate zur Rehabilitation der hochgradigen Schwerhörigkeit“, erklärt Stuck.

Der übliche Weg zu einer Operation sieht normalerweise nicht ganz so wie bei Marvin Donges aus. In die Sprechstunde des CI-Centrums werden von Hausärzten überwiegend Patienten geschickt, bei denen Hörgeräte nicht mehr ausreichend sind. In der Implantations-Beratung muss entschieden, welche Vorgehensweise am erfolgversprechendsten ist. Das Altersspektrum bei CI-Patienten ist übrigens sehr breit – vom Kleinkind bis zum Über-80-Jährigen. Die Marburger Hörgeräteakustikerin Gabriele Suffert erzählt, dass sie vor und nach einer Operation allmählich Ertaubende und Schwerhörige betreut, die mit Hörgeräten versorgt werden. Auch die technische Wartung ist der Job der Hörgeräteakustiker. Sie berichtet, dass die CI-Geräte so gut konstruiert ist, dass sie auch Kinder beim Sportunterricht nicht behindern. Vor allem die inneren Teile seien extrem robust gebaut.

„Mama, ich habe dir versprochen, dass ich an Heiligabend wieder höre“: Dies habe ihr Sohn ihr vor der Operation versprochen, berichtet Marvins Mutter Katja Winterling. Und es klappte: Schon schnell verstand er zunächst einzelne Wörter und Wortkombinationen, bald dann auch wieder ganze Sätze. Und mittlerweile kann sich Marvin Donges sehr gut verständigen –auch wenn das Implantat bei der Operation zunächst nur auf einem Ohr eingesetzt wurde. Aber mittlerweile hört er wieder so gut, dass er selbst bei Sätzen, die Gesprächspartner mit Corona-Maskenschutz sprechen, nicht passen muss.

„Bei Marvin war es ein erstaunlich positiver Verlauf“, erläutert Privatdozentin Dr. Katrin Reimann, Oberärztin in der Hals-,Nasen-,Ohrenklinik und Leiterin des Cochlea-Implant-Centrums. Es sei ein anspruchsvoller Eingriff, den der junge Patient erstaunlich gut vertragen habe. Allerdings habe er auch zwei wichtige Voraussetzungen für so einen schnellen Erfolg gehabt.

So war er erst für die relativ kurze Zeit von einem halben Jahr taub. Eine zwischenzeitliche Ertaubung bis zu zehn Jahren durch eine CI-Operation wiederherzustellen, ist noch möglich. „Wenn jemand aber zehn Jahre oder länger komplett taub war, dann ist das so gut wie unmöglich“, erklärt die Medizinerin.

Ebenfalls unerlässlich für einen Erfolg ist es, dass der Hörnerv noch intakt ist. Im Falle des jungen Biedenkopfers sei entweder der schwere Schlag bei dem Aufprall oder eine daraus resultierende Hirnhautentzündung die Ursache für den Verlust des Hörvermögen gewesen. Der Hörnerv wurde allerdings aufgrund des Sturzes nicht irreparabel geschädigt. Mit dem „Cochlear-Implantat“ werden prinzipiell die Nervenstränge des Hörnervs mit Hilfe von Elektroden elektronisch stimuliert und so wieder aktiviert.

Nach der Operation, die zwischen zwei und drei Stunden dauert, ist übrigens alles eine Sache der richtigen Einstellung. Und diese komplexe Aufgabe übernimmt Audiologe Müller-Mazzotta zusammen mit einer Kollegin. Der Test und die Entwicklung des Hörvermögens erfolgt, nachdem das unter die Haut eingepflanzte elektronische Hi-Tech-System im Mini-Format „eingeheilt“ ist. Dann werden von den Audiologen einzelne Elektroden und Frequenzen angesteuert und es wird ein Programm für das „Wiederhören“ erarbeitet. Schließlich kommt der Moment, in dem über das kaum sichtbare außen am Kopf oder Ohrläppchen angebrachte Mikrophon-Element des CI-Systems angeschaltet wird. „Dann ist es ein Prozess. Man fängt leise an und wird lauter und versucht, sich zu unterhalten“, berichtet Müller-Mazzotta. Normal ist es allerdings nicht, dass seine Stimme schon am ersten Tag zu einem Patienten durchdringt wie bei Marvin Donges.

Er kann jetzt alle Stimmen von anderen wieder wie vorher hören und auch genau unterscheiden, wer spricht, beispielsweise seine Mutter oder seine Schwester. Allerdings hört er seine eigene Stimme anders als vorher. „Meine Stimme hört sich für mich ein bisschen so an wie die Stimme eines Roboters. Allerdings ist das besser, als gar nicht zu hören“, meint Donges. Und für alle anderen hat sich an seiner Stimme nichts verändert, wie seine Mutter bestätigt.

Der Welttag des Hörens findet am heutigen 3. März statt. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren finden dazu dieses Jahr aufgrund der Corona-Pandemie keine öffentlichen Präventionsveranstaltungen statt.

Wie kann man selber dafür sorgen, dass man möglichst gut hört und sein Hörvermögen behält? „Man sollte möglichst nicht Lautes hören wie beispielsweise Silvesterknaller“, erklärt die Marburger Hörgeräteakustikerin Gabriele Suffert. Besonders aufpassen sollte man auch bei der Lautstärke von Musik, die über Kopfhörer an die Ohren gelangt. Besonders die halboffenen Stecker, die bei vielen Jugendlichen modern geworden seien, könnten dabei Risiken darstellen, erläutert Suffert. Auch gegen die überlauten Klänge bei Rockkonzerten gebe es mittlerweile die Möglichkeiten, individuellen Hörschutz anzufertigen, mit dem im Gegensatz zu einfachen Ohrstöpseln das Hören nicht einfach nur gedämpft wird. Einen Risikofaktor könne neben dem Freizeitlärm auch der berufliche Lärm darstellen, erklärt Professor Boris Stuck, Leiter der HNO-Klinik des Marburger Uni-Klinikums. Es gebe zur Begrenzung dieses Lärms zwar mittlerweile durchaus professionelle Schutzausrüstung. „Aber viele Patienten nutzen die nicht“, erklärt der Mediziner. Immer mehr Patienten erleiden Hörstürze. Für Stress als generelle Ursache für einen Hörsturz gebe es aber keine objektiv messbaren Anhaltspunkte, macht Stuck klar.

Schlechtes Hören könne auch auf einer genetischen Veranlagung basieren, also wenn es beispielsweise in der Familie Menschen mit Schwerhörigkeit gab oder gibt. „Wenn man schlecht hört und das auch Leute im Umfeld bemerken und sagen, dann sollte man einen HNO-Arzt aufsuchen und sich dann eventuell auch ein Hörgerät verordnen lassen“, so lautet jedenfalls der Tipp von Dr. Katrin Reimann, der Leiterin des Cochlear-Implant-Centrums des Uni-Klinikums Marburg. Und sie fügt noch an;:

Von Manfred Hitzeroth