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Marburg „Die Belastung hat sich verdoppelt“
Marburg „Die Belastung hat sich verdoppelt“
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08:07 05.10.2021
Die Corona-Pandemie hat den Bildungsalltag auf den Kopf gestellt – für Schülerinnen und Schüler, aber auch für die Lehrkräfte.
Die Corona-Pandemie hat den Bildungsalltag auf den Kopf gestellt – für Schülerinnen und Schüler, aber auch für die Lehrkräfte. Quelle: Foto: Patrick Pleul/dpa
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Marburg

Dieser Welttag geht zurück auf eine Empfehlung der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation sowie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die bereits 1966 formuliert wurde. Ziel war und ist, auf die verantwortungsvolle Aufgabe von Lehrerinnen und Lehrern aufmerksam zu machen und ihr Ansehen weltweit zu steigern.

Nach Angaben der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) arbeiten allein in Deutschland fast 800 000 Lehrerinnen und Lehrer.

GEW-Vorsitzender: „Viele sind in Teilzeit gegangen“

Egal ob in der Grundschule, im Gymnasium oder in einer beruflichen Schule: Im vergangenen Jahr wurde die gesamte Bildungslandschaft vor eine zumindest in Friedenszeiten bisher nicht bekannte Herausforderung gestellt: die Corona-Pandemie. Was das für Schülerinnen und Schüler, aber eben auch für die Kollegien bedeutete und nach wie vor bedeutet, hatte niemand im Lehramtsstudium gelernt. Quasi von einem Tag auf den anderen musste auf Homeschooling umgestellt und entsprechende Lehrpläne mussten entwickelt werden, der Arbeitsalltag in Schulen wurde völlig auf den Kopf gestellt. „Die Belastung hat sich für Lehrerinnen und Lehrer durch den Wechselunterricht verdoppelt“, sagt Thilo Hartmann, neuer hessischer Landesvorsitzender der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). Viele Kolleginnen und Kollegen seien bereits in Teilzeit gegangen, weiß Hartmann und nennt den einfachen Grund: „Weil sie eine Vollzeitstelle nicht mehr bewältigen.“

Vor dem Hintergrund der laufenden Tarifverhandlungen zwischen Landesbeschäftigten und dem Land Hessen sagt der GEW-Vorsitzende: „In den Schulen wurde und wird während der Corona-Pandemie hochwertige Arbeit geleistet – das muss sich auch im Tarifabschluss niederschlagen.“ Fünf Prozent mehr Gehalt fordern die Landesbeschäftigten, aber Hartmann will noch mehr: „Wir müssen insbesondere im Grundschulbereich dafür sorgen, dass wieder mehr Lehrkräfte ausgebildet werden.“ Denn neben der ohnehin gestiegenen Arbeitsbelastung sorge der Umstand, dass an Hessens Schulen rund zehn Prozent der Lehrkräfte nicht wirklich ausgebildet seien, für ein schwieriges Arbeitsumfeld: „Wir haben aktuell rund 5 500 befristete Anstellungsverträge, die wir gern durch voll ausgebildete Kräfte ersetzen wollen“, so Hartmann. Zudem hält der Gewerkschafter es für notwendig, aus der Ganztagsbetreuung eine echte Ganztagsbeschulung zu machen: „Die Betreuung mag den berufstätigen Eltern helfen, aber aus pädagogischer Sicht hilft sie allein nicht den Schülerinnen und Schülern.“

„Wir machen das Beste aus der Situation“

Doch auch überall dort auf der Welt, wo es aktuell nicht in Tarifverhandlungen um die Frage der Arbeitsbedingungen von Pädagoginnen und Pädagogen geht, soll ihnen am 5. Oktober die Aufmerksamkeit gelten: „Dieser Tag dreht sich um die Unterstützung, die Lehrerinnen und Lehrer brauchen, um ihren vollen Beitrag zur Wiederherstellung des durch die Pandemie in Mitleidenschaft gezogenen Bildungssystems leisten zu können“, heißt es sinngemäß in einem Papier der Unesco zum „World Teacher’s Day“. Auch die Deutsche Unesco-Kommission ruft Schulen, Lehrerorganisationen und NGOs dazu auf, sich an dem Welttag zu beteiligen. In Marburg-Biedenkopf sind keine speziellen Aktionen geplant, so Schulamtsleiter Burkhard Schuldt auf Nachfrage.

„Wir machen das Beste aus der Situation, was aber nicht heißt, dass wir mit allem zufrieden sind“, sagt Joana Becker. Die Grundschulpädagogin von der Astrid-Lindgren-Schule in Marburg hatte zunächst mit dem Gymnasial-Lehramt geliebäugelt, dann aber für sich entschieden: „In der Grundschule liegt die wichtigste pädagogische Aufgabe – da kann man es verbocken oder Tag für Tag kleine Rohdiamanten schleifen.“ Deutsch, Sport und Mathematik sind Joana Beckers Fächer, doch der Grundschulalltag bringt es mit sich, flexibel sein zu müssen: „Im Moment unterrichte ich auch Kunst.“

In ihrer Klasse kann sie auf die Unterstützung einer zusätzlichen Förderschul-Lehrkraft und eines Erziehers setzen – gut aus pädagogischer Sicht, aber in der Praxis anstrengend: „Wir müssen im Team viele Absprachen treffen, wir führen zeitintensive, schwierige Gespräche mit Eltern – das kommt als Arbeitszeit alles obendrauf.“ Sie könne durchaus verstehen, dass viele Kolleginnen und Kollegen Burnout-Probleme haben: „Inklusion ist wichtig und wertvoll, aber wenn die Ressourcen fehlen, steigt eben auch die Belastung.“

Das hat Sigrid John-Flöter auch schon am eigenen Leib erfahren: „Ich hatte eine Klasse und musste darüber hinaus die ganze Beratungsarbeit leisten – das war zu viel“, sagt die erfahrene Förderschullehrerin, die an der Grundschule II in Stadtallendorf tätig ist.

Angesiedelt sind die Förderschullehrkräfte am Beratungs- und Förderzentrum der Landgräfin-Elisabeth-Schule in Stadtallendorf, von dort aus unterstützen sie an den einzelnen Schulstandorten die dort unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer. In der Pandemiezeit habe sich gezeigt, dass in den Schulen in ihrem Wirkungsbereich viele Familien keine Tablets hatten, die den Kindern einen vernünftigen Distanzunterricht erlaubt hätten: „Das musste dann zum Teil über Smartphones laufen, es gab auch Kollegen, die Arbeitsblätter kopierten und sie den Familien in die Briefkästen steckten.“

Doppelte Arbeit in Pandemiezeiten

Doppelte Arbeit also für die Pädagoginnen und Pädagogen: „Sie mussten ja sowohl den Präsenz- als auch den Distanzunterricht vorbereiten.“ Kleinere Klassen, mehr Lehrkräfte, sozialpädagogische Unterstützung – auch Sigrid John-Flöter nennt diese Punkte als die dringendsten Forderungen, denn sie erlebt ebenso wie viele Kolleginnen und Kollegen in ihrem Arbeitsalltag: „Wenn jemand krank wird, ist es schwierig, Ersatz zu finden.“

DAK-Studie zur Belastung von Lehrkräften

Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland sind durch die anhaltende Corona-Krise massiv belastet. Das war bereits im November 2020 das alarmierende Ergebnis einer Studie, die das Institut für Therapie und Gesundheitsforschung (IFT-Nord) im Auftrag der DAK Gesundheit erstellt hatte. Demnach ist jede vierte Lehrkraft regelmäßig emotional erschöpft und zeigt Burnout-Symptome. In den Schulen machen sich der Studie zufolge 65 Prozent der Beschäftigten größere Sorgen um die eigene Gesundheit.

Außerdem arbeiten sie im Schnitt pro Woche fast einen Arbeitstag zusätzlich. Grundlage der Analyse ist eine umfassende Online-Befragung des IFT-Nord von 2 300 Lehrkräften verschiedener Schulformen im Oktober 2020 in Nordrhein-Westfalen. Laut Studienleiter Professor Dr. Reiner Hanewinkel kann die Untersuchung auch auf andere Bundesländer und Schulen übertragen werden, da die Ausnahmesituation und Herausforderungen bundesweit größtenteils vergleichbar seien.

In der Befragung gaben 90 Prozent der Lehrkräfte an, der Schulunterricht sei im Vergleich zum Vorjahr deutlich anstrengender geworden. Gründe seien das Durchsetzen der Corona-Maßnahmen bei Schülern, der eigene Gesundheitsschutz sowie der Ausfall von Kollegen. 28 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer zeigen eine ausgeprägte Erschöpfung, die auf ein Burnout hinweisen kann. Laut der DAK-Studie belastet die Corona-Situation in den Schulen vor allem die weiblichen Lehrkräfte und die Schulleitungen.

Quelle: DAK Gesundheit

Von Carsten Beckmann

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