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Marburg Hoffnung auf Spitzenzentrum in Marburg wächst
Marburg Hoffnung auf Spitzenzentrum in Marburg wächst
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09:59 04.02.2020
Professor Andreas Neubauer (links) ist Direktor der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Immunologie und Professor Thomas Wündisch ist Direktor des Anneliese Pohl Krebszentrums (Comprehensive Cancer Center (CCC)) am Uni-Klinikum. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Der erste Weltkrebstag fand bereits im Jahr 2006 statt. Seitdem gibt es einmal pro Jahr dieses Datum, an dem Mediziner auf den Kampf gegen den Krebs aufmerksam machen wollen.

In diesem Jahrtausend hat die Krebsmedizin (Onkologie) weltweit aber auch in Deutschland große Fortschritte­ gemacht, sagte der Marburger­ Onkologe Professor Thomas Wündisch, Direktor des Comprehensive Cancer Centers (CCC, Anneliese Pohl Krebszentrum) am Uni-Klinikum Marburg, im Gespräch mit der OP.

„Seit dem Jahr 2000 hat das Verständnis für die Mechanismen in der Krebszelle zugenommen“, nennt Wündisch einen der Gründe für diese Fortschritte. Es seien Wege gefunden worden, um diese Mechanismen mit Hilfe zielgerichteter Substanzen entscheidend zu hemmen.

Mediziner: Krebs ist genetischer Unfall

Bei vielen Krebspatienten kommt es mittlerweile aufgrund der Umsetzung von neuen Forschungsergebnissen in die klinische Praxis zur Lebensverlängerung. Sind Krebserkrankungen schon mittelfristig insgesamt heilbar? Den Optimismus des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU), der Hoffnungen in diese Richtung an die Forschung formulierte, mag der Onkologe Professor Andreas Neubauer, Experte für Leukämie und Direktor der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Immunologie am Uni-Klinikum, nicht teilen. „Krebs ist der genetische Unfall in einzelnen Stammzellen“, sagte Neubauer im Gespräch mit der OP.

Auch die Inhibitor-Therapien, bei denen in den vergangenen Jahren spektakuläre Erfolge zu vermelden waren, seien nur bei einem Teil der Patienten ­erfolgreich, erinnert Neubauer.­ „Krebs gehört zum Leben der Menschen dazu“, sagt der Mediziner. Trotzdem sei es natürlich sinnvoll, mehr Geld in die Forschung und Versorgung der Patienten zu stecken, sagte Neubauer.

Neubauer setzt auf Prävention und Früherkennung

„Krebsforschung rettet Leben“, meint Professor Neubauer. Genauso wichtig seien aber auf jeden Fall auch Prävention und Früherkennung. Durch gesündere Ernährung und mehr Bewegung sowie weitere gezielte Präventionsmaßnahmen könne die Zahl der Krebserkrankungen um bis zu 40 Prozent sinken, macht Professor Wündisch deutlich.
Zusätzlich zu gezielten Verhaltensänderungen könnten die empfohlenen Vorsorgeprogramme dazu beitragen, Krebs früher zu erkennen. Bessere 
Überlebensraten seien die ­Folge.

Spezialisten beraten 
in Tumorboards

Als einen sehr wichtigen Baustein in der Krebstherapie sieht Neubauer es an, dass Krebspatienten sich dort behandeln lassen, wo die Mediziner Erfahrung mit Therapieansätzen oder Operationen haben und auch auf die Behandlungs-­Erfahrung von großen Fallzahlen in einzelnen Krebsarten zurückblicken können. Rund 6.000 Krebspatienten werden pro Jahr am Marburger Uni-Klinikum behandelt. Seit 2005 gibt es am Marburger Uni-Klinikum das „Comprehensive Cancer Centre“, in dem nach US-amerikanischem Vorbild das Know-how der Marburger Krebs-Spezialisten zusammenfließt.

Eine der wesentlichen Einrichtungen des Zentrums ist die Einrichtung des „Tumorboards“, in dem der Fall jedes Krebspatienten mindestens einmal gemeinsam von allen Experten besprochen wird, bevor danach eine Diagnose gestellt und Behandlungsoptionen angeregt werden. Für die einzelnen Krebsarten gibt es insgesamt 11 verschiedene ­Tumorboards, deren Treffen vom CCC koordiniert werden.

13 Spitzenzentren in Deutschland

In diesen regelmäßigen Besprechungen sind unter anderem Spezialisten aus der Onkologie, der Chirurgie, der Radiologie und der Strahlentherapie, aber auch der Palliativmedizin und der Psycho-Onkologie mit dabei. Für die Umsetzung der Beschlüsse ist dann jeweils der behandelnde Arzt zuständig.

Auch Videokonferenzen mit den Lehrkrankenhäusern Siegen und Fulda sowie die Zusammenarbeit mit den Uni-Kliniken Gießen und Frankfurt. Vor allem die Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Uni-Klinikum ist weit gediehen. Gemeinsam mit den Frankfurtern bewerben sich die Marburger für eine Zertifizierung als onkologisches Spitzenzentrum. Bisher gibt es 13 dieser Spitzenzentren in Deutschland.

Hessen soll 
Modellregion werden

Nach zwei vergeblichen Anläufen in den Jahren 2006 und 2007 sieht Neubauer das Marburger Krebszentrum nun gut gerüstet, die begehrte Auszeichnung zu erhalten. Um Spitzenzentrum zu werden, müssen sowohl in Sachen Patientenzahlen als auch in Sachen Forschung die Voraussetzungen stimmen. „Unser Ziel ist es, Hessen zu ­einem Modell für die Spitzen-Onkologie zu machen“, betont Neubauer.

Für den Fall der Verleihung des Labels durch die Deutsche Krebshilfe würde das bedeuten, dass das Uni-Klinikum Marburg ganz offiziell im Konzert der großen deutschen Krebszentren mitspielen könnte und sich auch besser für ­besondere Fördertöpfe in Stellung bringen könnte. Im Netzwerk Onkologische Spitzenzentren erarbeiten Ärzte und Wissenschaftler neue Standards und Leitlinien für die Versorgung krebskranker Menschen.

Begutachtung noch im Frühjahr

Die dabei erzielten Fortschritte­ werden auch anderen Versorgungseinrichtungen zugänglich gemacht, damit alle Krebspatienten davon profitieren. Die Begutachtung des Marburger Standortes findet im Frühjahr statt. Mit einer Entscheidung wird spätestens Ende des Jahres gerechnet.

Am Dienstag, 4. Februar, findet ab 17 Uhr die Marburger Veranstaltung zum Weltkrebstag im Cineplex-Kino statt. Nach der Vorführung des Films „Das Beste kommt zum Schluss“ gibt es eine Podiumsdiskussion mit Professor Thomas Wündisch sowie dem Palliativmediziner Dr. Hans-Albrecht Oehler und Britta Thomé (Ambulante Palliativversorgung Marburg).

von Manfred Hitzeroth