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Marburg Rotes Kreuz sorgt sich um Blutreserven
Marburg Rotes Kreuz sorgt sich um Blutreserven
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08:00 14.06.2019
Röhrchen mit Blutproben stehen während einer Blutspende in Behältern.  Quelle: Sebastian Gollnow
Marburg

Deutschland sei das einzige Land in Europa, in dem die Zahl der Krankenhausbehandlungen und der Anteil der Patienten über 65 Jahre mit erhöhtem Bedarf an Blut steige, sagt Martin Oesterer, Bereichsleiter beim DRK-Blutspendedienst Baden-Württemberg-Hessen in Mannheim.

Doch kann der Bedarf noch gedeckt werden? Oesterer sagt: „Jährlich fallen 100.000 Spender aus, und in vielen Gebieten fehlt der Nachwuchs.“ Beim DRK ist die Zahl der Blutspenden von 2008 bis 2018 hessenweit um 25 Prozent gesunken, von 249 404 auf 187 090. Noch weniger Spender gab es im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Hier sank ihre Zahl um 37 Prozent, von 4.801 auf 3.025.

Eberhard Weck zufolge lässt das aber nicht nur auf verminderte Spendenbereitschaft schließen. Denn der Bedarf sei durch minimalinvasive Eingriffe und blutsparende Behandlung gesunken. Beim sogenannten Patient Blood Management würde beispielsweise bei einem Patienten mit einer anstehenden Hüft-OP vier Wochen vorher das Blut untersucht. Je nach Ergebnis könnten bei Bedarf Medikamente gegeben werden, die die Blutbildung anregen, und der Patient könne auf seine Ernährung achten. Denn: Wer vor der OP ein Blutbild „wie ein junger Gott“ habe, brauche dann weniger Fremdblut, so Weck.

Nach Ansicht von Oesterer jedoch können diese Bemühungen um blutsparende Behandlung auf Dauer nicht die Lücke infolge der Alterung der Gesellschaft schließen. Ältere Menschen brauchen wegen einer allgemeinen Blutarmut nicht nur bei Operationen mehr Konserven als jüngere, sie kommen auch spätestens ab dem Alter von 73 Jahren nicht mehr als Spender infrage.

UKGM kann Bedarf zu 95 Prozent selbst decken

Das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) benötigt 42 000 „Vollblutspenden“, aus denen unterschiedliche Produkte gewonnen werden. Am wichtigsten sind jedoch Professor Gregor Bein zufolge die Erythrozytenkonzentrate, die als Sauerstoffträger beispielsweise nach Unfällen lebenswichtige Medikamente seien. Diesen Bedarf könne das Uniklinikum in den vergangenen Jahren relativ konstant zu 95 Prozent durch eigene Spenden decken. Der stetige Zuzug von Studierenden komme den Universitätsstädten zugute. Die übrigen benötigten Blutkonserven werden über Anbieter wie das DRK besorgt.

„Wenn sich nicht mehr Menschen engagieren, ist langfristig die Versorgungssicherheit mit lebensnotwendigen Präparaten aus Spenderblut gefährdet“, betont Oesterer. Um die Versorgung sicherzustellen, will die Rotkreuz-Gesellschaft mit einer Kampagne bis Ende des Jahres 100 000 neue Spender gewinnen. Als Botschafter verzichten Sportler wie Leon Goretzka, Sami Khedira, Christian Ehrhoff oder Kevin Kuske vom 11. Juni an auf die Buchstaben A, B und O, die für die Blutgruppen A, B und Null stehen. Sie lassen diese in Logos, Schriftzügen oder Social-Media-Beiträgen weg.

Wer für das DRK Blut spendet, bekommt dafür – im Gegensatz zu Spenden beim Uniklinikum – kein Geld, sondern Obst oder Gemüse. Das entspricht Weck zufolge den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation, dass Spenden freiwillig und unentgeltlich sein sollen. Das trage auch zur Qualitätssicherung bei, denn niemand werde verführt, falsche Angaben beim Gesundheitscheck zu machen, um gegen Geld spenden zu können. Das DRK selbst verdiene damit kein Geld, sondern gebe die Konserven zum Selbstkostenpreis ab.

Hintergrund

Außer im Uniklinikum in Marburg können Blutspenden im Landkreis bei wechselnden Terminen des DRK gemacht werden. Diese finden sich unter blutspende.de.

Voraussetzung für die Spende ist ein Mindestalter von 18 Jahren und dass man sich gesund fühlt. Vor dem Termin sollte man ausreichend essen und trinken. Frauen dürfen im Jahr bis zu viermal spenden, Männer bis zu sechsmal.

Dauerspender dürfen bis zu 73 Jahre alt sein, Erstspender 60 Jahre.

Auch in vielen anderen Ländern erhalten Spender kein Geld für ihr Blut. Dafür gibt es aber andere Anreize: In Polen beispielsweise bekommen die Ehrenamtlichen einen freien Tag und Steuervergünstigungen. In Tschechien bieten Krankenversicherungen Gutscheine für Erholungsaktivitäten wie Schwimmen, Massagen oder Saunabesuche. In Russland erhalten Vielspender mit 40 oder mehr Einsätzen jedes Jahr einen bezahlten Urlaub, eine kostenlose Vorzugsbehandlung im staatlichen Gesundheitssystem sowie ein jährliches Entgelt von mehr als 10 000 Rubel (knapp 140 Euro).

Mit Ausflügen und Reisen lockt hin und wieder auch das DRK. Wenn es im Frühjahr oder Sommer bei gutem Wetter, über die Feiertage oder in der Urlaubszeit zirka zehn Prozent weniger Spender gebe, veranstalte die Rotkreuz-Gesellschaft Gewinnspiele, teils komplett auf eigene Kosten. So hätten Ehrenamtliche bereits einen Ausflug zum Weihnachtsmarkt, einen Gasgrill und eine Reise nach New York gewonnen. Mit solchen Aktionen gelinge es, die regelmäßigen Spender, die zu kritischen Zeiten nicht verreist sind, an ihr Ehrenamt zu erinnern.

  • Am Uniklinikum gibt es am heutigen Weltblutspendetag eine besondere Aktion. Zu der Aufwandsentschädigung von 28 Euro bekommt jeder 10. Spender 10 Euro zusätzlich. Für alle anderen wird es ein paar kleine Überraschungen geben.

von Freya Altmüller