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Marburg Infektionswelle überrollt Kinderarzt-Praxen
Marburg Infektionswelle überrollt Kinderarzt-Praxen
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08:00 04.11.2021
Ein Arzt untersucht ein Kind mit einem Stethoskop. Auffallend viele Kinder machen derzeit Atemwegsinfekte durch.
Ein Arzt untersucht ein Kind mit einem Stethoskop. Auffallend viele Kinder machen derzeit Atemwegsinfekte durch. Quelle: Themenfoto: Sebastian Gollnow
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Marburg

Husten, Schnupfen oder Magen-Darm-Probleme: Wenn es draußen kälter wird, kommt die Hochsaison der Infektionskrankheiten. Gerade kleine Kinder, deren Immunsystem auf viele Erreger noch nicht trainiert ist, machen viele Infekte durch. Doch in diesem Jahr kommt die Welle der Infektionen offenbar besonders früh, wie Ärztinnen und Ärzte feststellen. „Wir haben in der Praxis ungewöhnlich viele Atemwegsinfektionen“, sagt der Kinderarzt Dr. Stephan Heinrich Nolte, Obmann für die Region Marburg im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. „Im Augenblick sind die Praxen gerade am Überlaufen. Das habe ich in 30 Jahren als niedergelassener Arzt so noch nie erlebt.“

Die ungewöhnlich frühe und starke Infektionswelle bei Kindern wie bei Erwachsenen, so vermuten Expertinnen und Experten, könnte mit den Corona-Schutzmaßnahmen im vergangenen Jahr zusammenhängen. „Die Ursache ist vermutlich, dass viele Kinder im vergangenen Jahr wenig Kontakt zu anderen Kindern hatten, so dass jetzt das Immunsystem wenig vorbereitet ist“, sagt Professorin Dr. Stefanie Weber, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin II am Marburger Universitätsklinikum.

Professorin Stefanie Weber

Solche Infektionen werden von ganz verschiedenen Erregern ausgelöst. Doch für Schlagzeilen sorgt derzeit vor allem das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV). Denn es bewirkt, dass bundesweit viele sehr kleine Kinder ins Krankenhaus müssen. „Es sind Viren, die die Atemwege befallen können und über Tröpfchen- oder Schmierinfektion übertragen werden“, erklärt Professorin Weber. „Je kleiner die Kinder sind, desto mehr sind die kleineren, unteren Atemwege betroffen.“

Für kleine Kinder gefährlich, für Erwachsene harmlos

Bei Kleinkindern löse das Virus eine Bronchiolitis aus, das heißt, die Bronchiolen, die kleinsten Atemwege, seien entzündet. Kinder im Schulalter könnten davon eine Bronchitis bekommen, also eine Entzündung der größeren Bronchien. Bei Erwachsenen sei RSV eher ein normales Erkältungsvirus.

Durch die Entzündung der unteren Atemwege bilde sich bei kleinen Kindern in den Bronchiolen Sekret. Sie hätten trockenen bis keuchenden Husten und Fieber. Weil das die Atmung erschwere, sei der Sauerstoffbedarf der Kinder erhöht. „Das ist auch der Grund, warum man die Kinder stationär aufnehmen und beobachten muss: Der Sauerstoffgehalt in der Luft muss häufig erhöht werden“, erläutert Weber. Dafür werde der Atemluft über einen Schlauch an der Nase Sauerstoff zugeführt.

Dr. Stephan Heinrich Nolte

„Wir sehen das jeden Winter“, sagt Weber über die RSV-Infektionen, „aber typischerweise ist der Gipfel im Januar oder Februar. Dieses Jahr haben wir sehr früh in hoher Anzahl betroffene Kinder. Auch die Zahl der Kinder mit anderen Infektionskrankheiten hat stark zugenommen.“ Nach Einschätzung von Fachleuten werde die Zahl der Infektionen im Winter weiter zunehmen.

Mancherorts sind die Intensivstationen von Kinderkliniken durch die vielen RSV-Infektionen schon überlastet. So mussten aus München bereits Kinder in andere bayerische Städte ausgeflogen werden, wie Dr. Florian Hoffmann, Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sagte. In Marburg sei derzeit die Hälfte der Infektionsstation mit RSV-infizierten Kindern belegt, aktuell seien es 16 RSV-Patienten. Weitere Kinder seien in ambulanter Behandlung, berichtet Klinikdirektorin Weber. Vor allem kleine Säuglinge würden stationär behandelt, weil man bei ihnen besonders vorsichtig sein müsse. Auch hätten Neugeborene gegen RSV keinen vollständigen Nestschutz.

„Grundsätzlich ist es wichtig, dass Kinder sich mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, weil das die Abwehrkräfte aktiviert“, sagt Weber. Längst nicht jede Erkältung wird durch RSV ausgelöst – und RSV ist hauptsächlich für sehr kleine Kinder gefährlich.

Kinderarzt warnt vor Panik

Kinderarzt Nolte warnt deshalb vor Panik. „Ein Kind, was ruhig atmet und hustet, muss nicht zum Arzt“, sagt er. Das Wichtigste sei dann, dass das Kind erst einmal zuhause bleibe und sich auskurieren könne. Diese Zeit fehle vielen Familien, deshalb würden die Kinder zu früh wieder in die Kitas geschickt und Infektionen breiteten sich dort aus. Wenn ein Kind allerdings schlaff und apathisch wirke, schnell atme oder die Atmung erschwert sei, dann müsse es zum Arzt.

Wie viele seiner kleinen Patienten RSV-Fälle sind, weiß Nolte nicht, weil in der Praxis keine Virus-Testungen gemacht werden. In diesem Herbst habe er aber noch kein Kind ins Krankenhaus einweisen müssen.

Respiratorische Synzytial-Virus-Infektionen (RSV)

Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist ein RNA-Virus aus der Familie der Pneumoviridae (Genus Orthopneumovirus). Laut Robert-Koch-Institut (RKI) ist der Erreger von akuten Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege weltweit und in allen Altersgruppen verbreitet. Bei Säuglingen und Kleinkindern ist er demnach einer der bedeutendsten Erreger von Atemwegsinfektionen. In Mitteleuropa treten diese vor allem zwischen November und April auf.

Laut RKI kommen weltweit unter 1 000 Kindern im ersten Lebensjahr 48,5 RSV-Atemwegserkrankungen vor, davon 5,6 schwere Fälle. Tödlich verliefen Infektionen nur sehr selten, nämlich bei 0,2 Prozent der ins Krankenhaus eingewiesenen Kinder unter zwei Jahren ohne bekanntes erhöhtes Risiko; höher war dieser Anteil bei den ins Krankenhaus eingewiesenen Unter-Zweijährigen Frühgeborenen (1,2 Prozent), Kindern mit bronchopulmonaler Dysplasie (4,1 Prozent) und angeborenen Herzfehlern (5,1 Prozent).
Quelle: Robert-Koch-Institut

Von Stefan Dietrich