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Marburg Weitere Empörung um Hindenburg-Grab
Marburg Weitere Empörung um Hindenburg-Grab
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16:00 06.04.2022
Das Foto zeigt die Begrüßung Paul von Hindenburgs durch den Reichskanzler Adolf Hitler am „Heldengedenktag“ vor der Neuen Wache, Unter den Linden. Links im Bild Hermann Göring.
Das Foto zeigt die Begrüßung Paul von Hindenburgs durch den Reichskanzler Adolf Hitler am „Heldengedenktag“ vor der Neuen Wache, Unter den Linden. Links im Bild Hermann Göring. Quelle: UPI/dpa
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Marburg

Die Kontroverse um das Hindenburg-Grab in der Marburger Elisabethkirche, das die Hessische Landeszentrale für politische Bildung (HLZ) zu einem „Lern- und Erinnerungsort der Demokratiegeschichte in Hessen“ machen wollte, zieht weitere Kreise. Mittlerweile schaltete sich auch die Staatskanzlei in Wiesbaden in die Angelegenheit ein, und der Direktor der HLZ entschuldigte sich laut einem Bericht der „Frankfurter Rundschau“ dafür, dass die Grablege Hindenburgs Aufnahme in der Liste fand.

Dazu erklärt der aus Marburg stammende Vorsitzende der Landtagsfraktion der Partei „Die Linke“, Jan Schalauske: „Für die fatale Einstufung der Hindenburg-Grablegung als ‚Ort der Demokratiegeschichte‘ reicht eine lapidare Entschuldigung des Direktors nicht aus.“ Schalauske befürwortet eine baldige Sondersitzung des Kuratoriums der Landeszentrale für politische Bildung, um die Vorgänge umfassend aufzubereiten, die zu dieser „fatalen Fehlentscheidung des Direktors“ führten.

Kuratoriumsmitglied Schalauske begrüßt, dass die Staatskanzlei klargestellt habe, dass das Hindenburg-Grab kein „Lern und Erinnerungsort der Demokratiegeschichte“ sein könne, findet aber, dass es mit dem Einberufen eines „unabhängigen wissenschaftlichen Expertengremiums“ „nicht getan“ sei. Da die HLZ nicht dem Landtag, sondern dem Ministerpräsidenten unterstellt sei, müsse die Landesregierung klären, ob Dr. Alexander Jehn als Direktor überhaupt noch tragbar sei.

Denn der Beschluss, das Hindenburg-Grab als einen „Ort der Demokratiegeschichte“ einzustufen, habe das Referat des Direktors getroffen. Er habe die Sache im Kuratorium zwar „zwei Mal problematisiert“, sagt Schalauske, Beschlüsse fasse das Gremium aber nicht. Die inhaltliche Arbeit verantworte grundsätzlich die HLZ.

„Absurder Fehlgriff“

An Schalauskes Kritik schloss sich Ende vergangener Woche auch der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag, Günter Rudolph, an und forderte, die Grablege von Paul von Hindenburg aus der Liste der „Lern- und Erinnerungsorte“ zu streichen. Es sei zwar die Aufgabe der HLZ, die Diskussion über das Entstehen, das Ausgestalten und die Zukunft der Demokratie in Deutschland lebendig zu halten, aber mit der Entscheidung für das Hindenburg-Grab „haben sich die Landeszentrale und ihr Direktor Jehn einen absurden Fehlgriff geleistet“, sagt Rudolph zur Begründung.

Es sei eine historische Tatsache, dass Hindenburg die Demokratie verachtete und als Reichspräsident zielstrebig auf deren Abschaffung hinarbeitete. „Hindenburg als ‚politisch umstritten‘ darzustellen, wie es die HLZ auf ihrer Homepage tut, ist eine skandalöse Verharmlosung dieses Mannes, der offensiv die antisemitische ‚Dolchstoßlegende‘ vertrat, sich zum Steigbügelhalter Adolf Hitlers machte und letztlich der nationalsozialistischen Barbarei den Weg ebnete“, fährt Rudolph fort. Die Begründung des HLZ-Direktors für die Aufnahme in die Liste der Erinnerungsorte hält Rudolph für „skandalös“ und „nicht hinnehmbar“. Mittlerweile ist die Liste von der Website der HLZ genommen. In ihr waren 16 Orte aufgelistet, neben der Marburger Elisabethkirche, in der Hindenburg und seine Frau Gertrud von Hindenburg 1946 ihre letzte Ruhe fanden, zum Beispiel auch die Frankfurter Paulskirche, das Luftbrückendenkmal am Frankfurter Flughafen und das Geburtshaus von Georg Büchner. Verantwortlich für das Zusammenstellen der „Lern- und Erinnerungsorte“ zeichnet das Referat der HLZ Alexander Jehn. In einer ersten Stellungnahme hieß es, die HLZ wolle mit der Wahl der Grabstelle „bewusst zur Debatte anregen“. Professor Eckart Conze, der an der Marburger Universität Neuere Geschichte lehrt und dieses Hindenburg-Thema als Erster in der OP öffentlich machte, weist allerdings darauf hin, dass „die Einlassungen des HLZ-Direktors erst jetzt erfolgten und auch der Text der Website erst nach dem Aufkommen der Kritik verändert worden ist“. Die ursprüngliche Stoßrichtung sei eindeutig belegbar: das Hindenburg-Grab als „positiven Ort der Demokratiegeschichte“ – so wie die Paulskirche – darzustellen. „Und dass wir eine Debatte ausgerechnet über Hindenburg brauchen, will mir auch nicht einleuchten. Zumindest die historische Forschung ist sich in der Bewertung seiner Person und seines Wirkens völlig einig“, sagt Conze.

Von Gianfranco Fain

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