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Marburg Weiterdenker Frank Michler will ins Rathaus
Marburg Weiterdenker Frank Michler will ins Rathaus
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13:17 15.02.2021
Dr. Frank Michler will Oberbürgermeister von Marburg werden. Mit seiner Partei „Weiterdenken“ setzt er sich gegen den Lockdown ein.
Dr. Frank Michler will Oberbürgermeister von Marburg werden. Mit seiner Partei „Weiterdenken“ setzt er sich gegen den Lockdown ein. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Marburg.

Der Mann, der in Sakko und auf Socken die Wohnungstür öffnet, vermittelt nicht unbedingt den Eindruck eines promovierten Naturwissenschaftlers. Dr. Frank Michler – Kopf der Gruppe „Weiterdenken“ und Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl – wirkt eher wie ein ewiger Student.

Das mag dem Umstand geschuldet sein mag, dass er in einer WG wohnt – mit Leergut auf dem Flur, Geschirrstapeln auf der Spüle und Hinweisschildern an den Küchenschränken. „Ich ziehe demnächst mit meiner Frau zusammen“, wischt der 44-jährige Sachse das Vorurteil des ledigen Eigenbrötlers beiseite und zeigt seinen Ehering.

Die Verbindung ist noch ganz frisch. Die Eheschließung lief aber nicht unbedingt nach seinem Geschmack: „Die Gäste mussten eine Maske tragen. Brautpaar und Standesbeamtin waren durch eine Plexiglas-Scheibe voneinander getrennt“, beschreibt Michler die Zeremonie im Steinernen Haus in der Marburger Oberstadt.

Auf ihn habe das bedrohlich und unheimlich gewirkt – einfach grotesk. Während der Trauung haben sich Brautpaar und Gäste noch an die Vorgaben gehalten. „Nach dem offiziellen Teil haben wir vor dem Rathaus Bachata und Salsa getanzt – absolut illegal, gemäß der Hessischen Corona-Verordnung“.

Seine Leidenschaft, das Tanzen, ist mit ein Grund, wieso der promovierte Diplom-Biologe den Chefsessel im Marburger Rathaus besetzen will, im übertragenen Sinne: „Auf kommunaler Ebene werden derzeit von den Verantwortlichen die Einschränkungen von Demokratie und Freiheit lokal durchgesetzt. Das Tanzen zum Beispiel vermittelt Lebensfreude – jetzt ist es verboten. Ich bin mit diesen Einschränkungen der Grundrechte nicht einverstanden und kann mich nicht feige wegducken“, sagt Michler. Er ist sich sicher: „Wenn Corona nicht wäre, würde ich keine Politik machen.“

Dabei ist Michler politisch gesehen kein unbeschriebenes Blatt: Vor mehr als 20 Jahren stand er schon mal auf der Straße, organisierte Busfahrten in die Landeshauptstadt und demonstrierte mit anderen Studenten gegen die Studiengebühren. Auch war er zeitweise im Asta (Allgemeiner Studierendenausschuss) als Referent für Hochschulpolitik tätig. „Nach dieser Phase war ich politisch eher passiv“, sagt Michler.

Das hat sich erst mit der Corona-Pandemie wieder geändert. „Bei mir kann man ein Kreuz gegen den Lockdown machen“, wirbt der Oberbürgermeisterkandidat. Den Lockdown beenden ist sein oberstes Ziel. Weitere Forderungen sind eine freie Impfentscheidung, der Rückbau des Überwachungsstaates und der Erhalt des Bargeldes.

Auch die Dominanz der großen Internetplattformen wie Facebook, Google und Co. sind ihm ein Dorn im Auge. „Bei all diesen Themen gibt es auch konkrete Dinge, wo kommunalpolitischer Handlungsspielraum besteht. Den will ich voll ausschöpfen, um gesellschaftliches Leben und menschliches Miteinander wieder zu ermöglichen“, sagt Michler.

Beruflich ist Michler als Softwareentwickler tätig. Während seiner Dissertation beschäftigte er sich mit der Frage, wieso wir Menschen ähnliche Objekte unterscheiden können und andere trotz eines anderen Blickwinkels zweifelsfrei wiedererkennen – laienhaft ausgedrückt. Dafür entwickelte er eine Simulations-Bibliothek zur Simulation neuronaler Netze. Derzeit schreibt er PC-Anwendungs-Software für Messgeräte, zum Beispiel im medizinischen Bereich für die Augen-Diagnostik.

Neben seiner großen Leidenschaft, dem Salsa-Tanz, ist Michler begeisterter Tischtennis-Spieler. Er ist lizensierter Trainer und leitete mehrere Jahre lang gemeinsam mit anderen das Nachwuchs-Training beim VfL Marburg.

Bei einem Spaziergang durch Weidenhausen wird deutlich, wie stark der Weiterdenken-Kandidat polarisiert. Über den Socken trägt er jetzt Schuhe und über das Sakko hat er eine dunkle Winterjacke geworfen. Am Revers hängt ein Button mit der Aufschrift „Umarmbar“.

„Du hast aber lange Haare bekommen“, grüßt eine Frau und drückt den Oberbürgermeisterkandidaten an sich. Es ist Steffi Seide, Bewerberin für die Stadtverordnetenversammlung der Weiterdenken-Liste. Nach kurzem Smalltalk und der Versicherung, dass Frank Michler ein „ganz lieber“ ist, zieht sie mit ihrem Enkel weiter.

Dem Lob folgt Verachtung: „Na! Erzählst Du wieder Blödsinn“, ruft kurz darauf ein junger Mann von der anderen Straßenseite dem OB-Kandidaten im Vorbeigehen zu. Michler ruft ihm hinterher, will diskutieren. Doch der Mann ignoriert ihn. „Das hätte vermutlich auch keinen Sinn gehabt“, bedauert der OB-Kandidat. Mit Kritik kann er umgehen. Auch andere Meinungen akzeptieren. Das andere ihn wegen seinen Ansichten jedoch vorverurteilen, ohne sich mit ihm auseinander zu setzten zu wollen, das findet er befremdlich.

Von Tobias Hirsch