Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Weihnachten ist eine späte Erfindung“
Marburg „Weihnachten ist eine späte Erfindung“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:55 23.12.2020
Der Marburger Philosoph Dr. Joachim Kahl.
Der Marburger Philosoph Dr. Joachim Kahl. Quelle: Tobias Hirsch
Anzeige
Marburg

Der Marburger Philosoph Dr. Joachim Kahl betrachtet das christliche Weihnachtsfest – stellvertretend für mindestens 15 Prozent der Deutschen – aus einer ganz anderen Perspektive, einer atheistischen. Ein (provokativer) OP-Gastbeitrag:

Das christliche Weihnachtsfest ist eine Erfindung des vierten Jahrhunderts, als die christliche Religion mit der Konstantinischen Wende zur Staatsreligion im Römischen Reich aufgestiegen war und eine liturgische Besiegelung brauchte.

Bis dahin, also mehr als 300 Jahre lang, war dem unbekannten Geburtsdatum des Gottessohnes kirchlicherseits kaum Beachtung geschenkt worden.

Weitreichende Entscheidung

Da traf der Bischof von Rom aus eigener Machtvollkommenheit die kluge und strategisch weitreichende Entscheidung, festzustellen: Der Erlöser der Welt ist am 25. Dezember geboren, dem Fest der „unbesiegten Sonne“. An diesem Datum wurde ohnehin gefeiert, das Fest der Saturnalien, ein fröhliches Volksfest mit Kerzen und Geschenken.

Keck behauptete der Bischof, indem er den Himmelskörper völlig spiritualisierte, die wahre Sonne sei endgültig in Bethlehem aufgegangen, die Sonne des Heils, die Sonne der Gerechtigkeit, die Sonne der Barmherzigkeit – und zwar in Gestalt des Mensch gewordenen Gottes Jesus Christus. Damit verschmolz er die damals junge christliche Religion mit dem uralten Fest der Wintersonnenwende, das viele Völker auf der Nordhalbkugel feierten und feiern.

In ihm dokumentiert sich die Unbesiegbarkeit der Sonne in der Tat am sinnfälligsten. Dunkelheit und Kälte sind nicht von Dauer, sondern werden, und zwar alle Jahre wieder, bald der Sonne weichen. Dank einer ehernen Naturgesetzlichkeit, wie man seit Isaac Newton weiß. Weihnachten hat eine lange vorchristliche Geschichte und ist auch nach- und nichtchristlichen Sinngebungen zugänglich. Kein Konsumrausch, aber auch keine flache Konsumkritik.

Geschenke sind möglich

Geschenke sind möglich, aber nicht zwingend notwendig. Die gängige Familienzentrierung ist hochambivalent, weil mit überspannten Harmoniewünschen aufgeladen. Gerade zu Weihnachten gibt es viel häuslichen Streit, wenn infolge erzwungener Nähe Menschen aufeinandertreffen, die sich länger nicht gesehen haben, oder wenn Geschenke an Wünschen vorbeigehen.

Das Hauptsymbol ist nicht die Krippe, sondern der lichtergeschmückte immergrüne Tannenbaum, dem das klassische Weihnachtslied ohne religiösen Bezug gewidmet ist. „O Tannenbaum, o Tannenbaum.“ Die Tanne behält im Winter ihre Nadeln und unterscheidet sich damit charakteristisch vom Laubbaum, der seine Blätter verliert. Damit verkörpert sie das hoffnungsspendende Durchhaltevermögen der Natur und kündigt einen neuen Frühling mit Sonnenlicht und Wärme an.

Der vorgelagerte Adventskranz, ursprünglich ein Jahreskranz mit Hinweis auf die vier Jahreszeiten, wurde erst im 19. Jahrhundert in Hamburg durch Johann Hinrich Wichern, den Begründer der Inneren Mission, christianisiert. Er vermittelt die selbe ökologische Botschaft wie der elegantere kegelförmige Weihnachtsbaum.

„Friede auf Erden“

Die neutestamentliche Weihnachtsgeschichte ist eine fromme Legende, wie in der historisch-kritischen Bibelexegese seit über hundert Jahren akribisch nachgewiesen. Jesus, der aus Nazareth stammte, musste in Bethlehem geboren werden, weil es einen Vers im Alten Testament gibt, der die Geburt des Messias im Provinznest Bethlehem zu weissagen schien.

Der Bezug auf Kaiser Augustus trifft zu, und dessen Reich relativen Friedens hallt wider im Gesang der Engel: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Diese Botschaft macht man sich als humanistischer Atheist gerne zu eigen. Und doch: Friede fällt nicht vom Himmel, sondern muss von uns Menschen klug erkämpft, organisiert sein. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Von Dr. Joachim Kahl

Marburg Marburger Corona-Impfzentrum: - Beginn wohl nicht vor Februar
22.12.2020
23.12.2020