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Marburg Näh-Fans werkeln an eigener Kollektion
Marburg Näh-Fans werkeln an eigener Kollektion
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17:41 03.03.2020
Stephanie Kleindopf-Münz im Nähstübchen in Marburg. Seit 15 Jahren können Kunden dort ihre Kollektion selbst schneidern. Quelle: Foto: Martin Schäfer
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Marburg

Nähen im Nähstübchen geht rein retro: Kunden kramen ihre persönliche Stechkarte aus der Kommode und drücken sie in die Stechuhr. Mit einem tiefen Klack haut der Stempel die Uhrzeit auf die Karte. Dann tickt die innere Uhr. Acht Euro kostet die Nähstunde. Die prospektiven Näherinnen und Näher können sich dann beliebig der Nähmaschinen, Dampfbügeleisen, Schneidertisch und unzähligen Accessoires bedienen. Seit 15 Jahren hat sich an dem Konzept von Stephanie Kleindopf-Münz in Weidenhausen nichts geändert.

Stephanie Kleindopf-Münz erfüllt Kleidungswünsche zum Selbernähen

Stephanie sitzt auf dem Plüschsessel und wartet auf Kundschaft. Meist Stammkundschaft, die den Laden schon lange kennen. Wenn keiner kommt, auch gut. Dann raucht sie vor der Türe eine Zigarette. Im Hauptberuf, und das Teilzeit, arbeitet Stephanie in einer Marburger Sozialeinrichtung, wo sie Menschen auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. Die übrige Zeit ist das Weidenhäuser Nähstübchen geöffnet. Zwar steht auf dem orangenen Werbeflyer „Maßkleidung oder Selbstnähen, so können Kleidungswünsche in Erfüllung gehen“, der Fokus liegt aber klar auf dem Selbermachen. Kommt ein Kunde und fragt, ob Stephanie die Knöpfe annähen kann, dann sagt sie: „Ja klar, ich zeige ihnen auch, wie Sie das selbst hinkriegen.“

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Oft wird das schummrige, wohlige Nähstübchen mit einer Änderungsschneiderei verwechselt. Da muss Stephanie dann kurz Aufklärungsarbeit leisten. Die Kundinnen müssen sich dann schnell entscheiden: Selbermachen oder weiterziehen und einen anderen Laden suchen.

Nähen im Nähstübchen ist modern und ein Zeichen gegen den Wegwerftrend

Nähen im Nähstübchen ist modern, genauso wie das Selbermachen. Der Laden stellt die Ressourcen zur Verfügung, um Kleider zu designen und selbst zu schneidern, aber auch zu ändern, reparieren, flicken. Gegen die Wegwerfmentalität. „Ich selbst werfe nichts weg“, sagt Stephanie von sich. Bezogen auf den Laden bedeutet das, dass Kunden aus einem riesigen Fundus an Stoffresten, Accessoires, Knöpfen, Garnen wählen können. Das Nähgarn kauft sie allerdings ein.

„Ich arbeite gern mit Menschen“, erklärt Stephanie. Ein Grund, keine Schneiderei vor 15 Jahren eingerichtet zu haben, sondern gleich eine Lehr/Lernwerkstatt für jeden. Stephanie ist gelernte Herrenschneiderin, – „ich kann aber natürlich auch alles für Damen“, wirft sie ein –, die Kosten sind günstig und Rat und Tat durch die Meisterin gratis. Das mögen die Erfolgsfaktoren für das besondere Geschäftsmodell sein.

Kommt schon vor, dass Akademiker hier an der Jeans frickeln, Party- und Faschingskostüme neu entstehen oder Studis schlicht ein Second-Hand-Teil noch weiter bearbeiten wollen. Der Student Basti etwa bessert die abgewetzten Stellen seiner Jeans aus. „Die Jeans ist mir in den letzten Jahren doch ans Herz gewachsen. Und ich möchte, nur wenn es unbedingt nötig ist, eine neue Jeans kaufen“, sagt Basti. „Weil mir das Selbermachen so gut gefällt, ziehe ich es vor, das immer wieder neu zu reparieren. Und hier unter Anleitung klappt das doch besser.“ Basti näht nun schon das vierte Mal an seiner Lieblingsjeans.

Nähkurse bis Upcycycling-Worshops: Das Angebot ist vielfältig

Mit Umweltschutzorganisationen finden Repair- oder Upcycling-Workshops im Nähstübchen statt. Es gab Nähkurse für Jungs, und für die Volkshochschule gibt Stephanie Nähkurse. Da bringen die Teilnehmerinnen aber ihre eigenen Nähmaschinen mit.

Mit dem Nähstübchen hat die bald 60-Jährige ihr Ding, ihre Nische in Marburg gefunden. So soll es auch weitergehen. Wenn in fünf, sechs Jahren die Rente ansteht, soll der Laden ganztägig offen sein. Stephanie sitzt dann wie immer auf dem Plüschsessel oder am PC in der Raumecke und bietet jedem neu eintretenden Kunden erstmal einen Filterkaffee an.

Von Martin Schäfer

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