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Marburg Wehrshäuser fordern Bebauungsplan-Ergänzung
Marburg Wehrshäuser fordern Bebauungsplan-Ergänzung
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09:58 21.07.2021
Der Streit in Wehrshausen über das Wohnungs-Bauvorhaben "Über der Kirch" geht weiter. Wie vor wenigen Wochen, tagt heute der Ortsbeirat erneut und hat das Thema auf der Tagesordnung
Der Streit in Wehrshausen über das Wohnungs-Bauvorhaben "Über der Kirch" geht weiter. Wie vor wenigen Wochen, tagt heute der Ortsbeirat erneut und hat das Thema auf der Tagesordnung Quelle: Foto: Björn Wisker
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Wehrshausen

Im Streit um das Bauprojekt „Über der Kirch“ in Wehrshausen, speziell die Geschosszahl- und Parkplatz-Fragen, hat der Rechtsanwalt Jörg Frank im Vorfeld der heutigen Ortsbeiratssitzung eine Einschätzung abgegeben.

Demnach müsse der gültige, 50 Jahre alte Bebauungsplan von der Stadtverwaltung in dem Geist ausgelegt werden, der der damals noch eigenständigen Gemeinde Wehrshausen vorschwebte.

Konkret: Eine Zufahrt zu dem Grundstück, auf dem nun zwei Wohnhäuser samt zwölf Apartments und laut städtischer Vorgabe somit 24 Stellflächen entstehen sollen, dürfe nicht über die Nachbarstraße „Zur Hege“ erfolgen. Heißt: Entlang „Zur Hege“ dürften nicht, wie momentan vorgesehen, 16 der 24 Stellplätze entstehen. Eine entsprechende Verlegung der Stellflächen und somit eine Versiegelung von Flächen entlang „Zur Hege“, was aktuell in der Prüfung ist, sei angesichts des Bebauungsplans, der Baugrenzen weder rechtlich möglich, noch auch aus ökologischen Gründen – Hanglage in für die Flora und Fauna besonders günstiger Südwest-Ausrichtung – sinnvoll.

„Keine Einpassung in vorhandenes Baugefüge“

Rund 40 Meter öffentlichen Straßenraum – auf dem eben wegen des schon akuten Flächenmangels faktisch schon von der Allgemeinheit geparkt werde – zur Verfügung zu stellen, sei abzulehnen. Wehrshäuser dürften es sich „nicht gefallen lassen, dass ein privater Investor zur Steigerung des Profits den im Gemeingebrauch stehenden Straßenraum privatnützig vereinnahmt.“

Mit Verweis auf Gerichtsurteile will Frank erwirken, dass die in beiden Häusern geplanten zwei „Untergeschosse“ und die Staffelgeschosse als Vollgeschosse gezählt werden.

Der „Eindruck der Viergeschossigkeit“ und die Größe der Baukörper würden sich – entgegen den Grundsätzen des Baurechts – nicht insgesamt in das vorhandene Baugefüge einpassen. Im Fall eines nahegelegenen Grundstücks habe die Stadt in einem Geschossstreit eben so und wegen der Höhe entschieden: Es gilt eine Zählweise des Unter- als Vollgeschoss.

Auch das Kanalnetz sei schon jetzt – zuletzt Anfang Juli bei starken Regenfällen – überlastet, eine weitere Flächenversiegelung drohe das Problem zu verschärfen. Das offenbar von den Stadtwerken bereits erstellte Gutachten müsse den Bürgern zugänglich gemacht werden.

Bauamtsleiter Walter Ruth, Stadtplanerin Manuela Klug und Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) stellten kürzlich – stellvertretend für die Bauherren-Gemeinschaft – in einer hitzigen Sitzung vor mehr als 100 Wehrshäusern Details des Privatprojekts und eine Architekten-Visualisierung vor.

Warnung vor Reformen

bei den Bebauungsplänen

Tenor: Das Projekt erfülle alle rechtlichen Voraussetzungen, die Geschosszahl und deren Höhe sei in Ordnung, das Gebäude wirke nur von der Hangseite auffällig groß, der Bauantrag müsse jedenfalls genehmigt werden (die OP berichtete).

Doch wegen offener Fragen und der grundsätzlich drohenden „Veränderung des Ortscharakters“ fordern Frank und Co-Autor Ludwig Michel, ein alteingesessener Wehrshäuser, jetzt eine Teilbürgerversammlung.

Mehr noch, Frank sagt: „Am besten wäre es, das Stadtparlament würde klare Verhältnisse schaffen und den aus dem Jahre 1970 stammenden Bebauungsplan durch eine Begrenzung der Trauf- und Firsthöhe, der Baumasse und der Anzahl der Wohnungen pro Bauvorhaben ergänzen.“ Ein Aufstellungsbeschluss für eine Ergänzung des Plans könnte den Bauantrag zumindest „zurückzustellen, damit keine Fakten geschaffen werden“.

Ruth, Klug und Stötzel warnen allerdings vor Reformen der alten Bebauungspläne – nicht nur in Wehrshausen – da diese mitunter auch für Bestandsbauen folgenreich sein könnten. Sie verweisen auch darauf, dass das „Über der Kirch“-Projekt von entsprechenden Änderungen nicht betroffen wäre.

Der Ortsbeirat Wehrshausen tagt am Mittwoch um 19.30 Uhr im Mehrzweckraum, Wehrshäuser Straße 2.

Von Björn Wisker