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Marburg Zahl der Bus-Jahreskarten stagniert
Marburg Zahl der Bus-Jahreskarten stagniert
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00:18 28.05.2019
Ein positiver Effekt auf die Zahl der verkauften Bus-Jahreskarten lässt sich laut Stadtwerken nach der Einführung von „Eine Stadt, ein Tarif“ nicht feststellen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„Wenn in den westlichen Stadtteilen 1.000 Jahreskarten gekauft werden, kriegen sie einen 30-Minuten-Takt. Und wenn das noch nicht reicht, in Spitzenzeiten auch einen 15-Minuten-Takt“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) – vorbehaltlich des Busfahrermangels – bei der Verkehrs-Bürgerversammlung in der Marbach.

Zwar kritisierten mehrere Außenstadtteil-Bewohner diesen Ansatz, fordern vielmehr einen privaten Ticketkäufen vorhergehenden öffentlichen Attraktivitätsausbau. Jedoch sehen so einige einen Busverbindungs-Boom eher als Verkehrsproblem-Lösung als Westumfahrung namens „Allnatalweg“ oder Behringtunnel.

"Eine Stadt, ein Tarif"

Einen Ansturm auf Jahreskarten erhofften sich Magistrat und Stadtwerke indes im Nachgang der 100.000 Euro teuren Einführung von „Eine Stadt, ein Tarif“ – also dem Wegfall der Tarifzonen – zum Jahresbeginn. Seitdem kosten Zwölfmonatskarten laut Stadtwerke Consult im ganzen Stadtgebiet 457 Euro. Wie haben sich die Ticketverkäufe in den vergangenen Jahren entwickelt? Der OP liegen die Zahlen vor – und diese entwickeln sich nach unten.

Waren es im Jahr 2017 noch 34.000 verkaufte Jahreskarten, sank die Zahl binnen eines Jahres auf 32.881. Seit Beginn des Jahres – also der Tarifvereinheitlichung – ließe sich „keine signifikante Erhöhung bei den freiverkäuflichen Jahreskarten verzeichnen“, heißt es von den Stadtwerken auf OP-Anfrage.

Der Mittelwert der vergangenen Jahre liegt mit 33.000 Jahreskarten relativ stabil, ebenso wie die dadurch entstehenden Einnahmen, die zuletzt zwischen 5,3 und 5,7 Millionen Euro pendelten. Die Tageskarten-Erlöse befinden sich derweil im Sinkflug: von 755.000 Euro im Jahr 2015 auf 680.000 Euro in 2018. 

Seit Jahren gibt es vor allem aus dem linken Polit-Lager Kritik an der Entwicklung der gefahrenen Buskilometer, den stagnierenden Ticketverkaufszahlen und dem Fahrgastaufkommen. Bereinigt um den Faktor Studentenzahlen – und somit Gratis-Busnutzung ermöglichenden Semestertickets von mehr als 20.000 – lasse sich demnach kein Aufwärtstrend feststellen.

Stadtwerke: Dorf-Kartenzahl lässt sich "nicht ermitteln" 

Die Attraktivitätssteigerung gelinge nur über die Koppelung von Gratis-Nahverkehr und Linien-Ausbau – ein Vorhaben, das laut Magistratsberechnungen die Stadt zwischen zehn und 14 Millionen Euro pro Jahr kosten und den Fahrer-Engpass ignorieren würde.

Kurios: Die Verkaufszahlen für Elnhausen, Haddamshausen, Hermershausen, Dagobertshausen, Wehrshausen – also die Weststadtteile – lassen sich nach Stadtwerke-Angaben „nicht ermitteln“. Wie will der Magistrat dann also wissen, wann die 1.000er-Zielmarke für eine Taktverbesserung in den Weststadtteilen erreicht wäre?

Zur vom OB angestrebten Einführung einer West-Ringlinie, die sich vor allem an Behringwerke-Berufspendler richtet, äußern sich die städtischen Verkehrsbetriebe auf OP-Anfrage knapp: Man „prüft aktuell verschiedene Lösungsansätze“, wie Stadtwerke-Sprecherin Sarah Möller sagt.

Die Linksfraktion im Stadtparlament prescht hingegen vor, fordert eine Nahverkehrslinie vom Bahnhof in Niederwalgern über alle westlichen Stadtteile zum Görzhäuser Hof und – als Express-Bus – weiter zum Hauptbahnhof – co-finanziert von den Pharmafirmen, die auch ein Jobticket für ihre rund 6.000 Angestellten mittragen sollen.

Pendler-Parkhaus zwischen Sarnau und Goßfelden

Hintergrund der Forderung ist „die hohe Belastung der Innenstadt durch den Autoverkehr“, den vor allem die Behring-Nachfolgebetriebe verursachten. Eine Entlastung sei „dringend“ nötig und durch einen attraktiven Öffentlichen Personennahverkehr möglich.

Die Einführung eines Jobtickets, das dann pauschal für alle Angestellten zu kaufen wäre, egal ob es von diesen genutzt werde oder nicht, lehnen die Standort-Unternehmen seit Langem ab (OP berichtete). Der Blick der Kommunalpolitiker richtet sich angesichts der Marburger Verkehrsprobleme – der OB bezeichnete diese jüngst immer wieder und auch in Richtung Regierungspräsidium Gießen als „überörtliches Problem“, das durch überörtlichen Verkehr verursacht werde – jedenfalls immer mehr ins Umland.

Denn neben einer angedachten West-Ringlinie, die je nach Route auch die Gemeinde Weimar betreffen könnte, gibt es zudem Bestrebungen, nahe des geplanten CSL-Logistikzentrums ein Pendler-Parkhaus zwischen Sarnau und Goßfelden zu bauen und die Pharmastandorte Görzhausen und Marbach via Bus-Shuttle anzubinden (die OP berichtete).

Die Linie 14 bindet bereits seit Längerem Sterzhausen ans Stadtgebiet an. Im vergangenen Jahr gab es vom Magistrat darüber hinaus ein ähnliches, Berufspendler abfangendes Vorhaben mit dem Bahnhof in Goßfelden – daran entzündete sich jedoch ein Zuständigkeitskonflikt mit der Kreisverwaltung Marburg-Biedenkopf und dem RMV.

von Björn Wisker