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Marburg Wegen dubioser Immobiliengeschäfte in Haft
Marburg Wegen dubioser Immobiliengeschäfte in Haft
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00:18 12.05.2019
Zwei Marburger Geschäftsleute sitzen wegen dubioser Immobiliengeschäften in Untersuchungshaft. Foto: Thorsten Richter
Marburg

Die 29 und 35 Jahre alten Männer sollen Immobilien hin- und herverkauft haben – mit dem Ziel, den Verkaufspreis für die Gebäude nach oben zu treiben, um sich dadurch günstige Kredite zu sichern.

So hätten die tatverdächtigen Firmenverantwortlichen laut Staatsanwaltschaft Objekte innerhalb weniger Monate – zum Teil mehrmals – untereinander verkauft und dabei die Kaufpreise der Immobilien um bis zu 400 Prozent künstlich in die Höhe getrieben.

Dies diente dazu, tatsächlich nicht erzielbare Marktpreise für die Immobilien vorzutäuschen, um an immer höhere Kredite zu gelangen. Den Banken soll ein Schaden in Millionenhöhe entstanden sein.

OP-Recherchen legen nah, dass es sich bei einem der Verhafteten um einen 35 Jahre alten Investor aus Cappel handelt.
Einen Marburger Immobilien-Insider wundert das Vorgehen namens „Immobilien-Flipping“ nicht.

„Es sind in den vergangenen vier, fünf Jahren immer wieder verschiedene Objekte zu sehr seltsamen Preisen verkauft worden“, sagt er im OP-Gespräch.

Dabei seien immer wieder zwei Namen aufgetaucht – unter anderem der des Mannes aus Cappel. „Es wurden mehrere Objekte immer wieder hin- und hergehandelt.“ Eines dieser Gebäude sei wohl die ehemalige Telekom-Immobilie in der Marburger Gutenbergstraße gewesen, dieser Name sei „zumindest in einem Nebensatz“ gefallen.

Teil der Objekte dieses umstrittenen Geschäftsmodells könnte auch das Erlenring-Center sein: Dieses war vor etwa einem halben Jahr nach OP-Informationen für einen Preis von 13,6 Millionen Euro auf dem Markt zum Kauf angeboten worden. Eine Frankfurter Makler-Gesellschaft hat das Center kürzlich erneut zum Verkauf angeboten – und das für 25,5 Millionen Euro. Das geht aus Unterlagen hervor, die der OP vorliegen.

Diese Summe bezeichnet der Immobilien-Insider im OP-Gespräch als „geradezu utopisch.“ Er habe „keine Ahnung, wie das funktionieren soll“. Er wisse auch von „sanierungsbedürftigen Mehrfamilienhäusern“, die immer wieder zwischen verschiedenen Investoren gewechselt hätten, „es fängt immer klein an, dann schaukelt sich der Preis in die Höhe.“

Verkauf soll Wert künstlich in die Höhe treiben

Grundsätzlich wird „Immobilien-Flipping“ als das kurzfristige Kaufen und Verkaufen von Objekten innerhalb weniger Monate oder gar Wochen bezeichnet. „Der Sinn dieser Geschäfte ist es, den Wert künstlich hochzutreiben“, sagt Nicolai Wolf, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft auf OP-Anfrage.

Wohl auch, um Kreditsicherheiten und somit günstigere Finanzierungskonditionen zu bekommen. Banken, die offenbar der Auslöser für die Ermittlungen waren, fielen die dubiosen Deals der 14-köpfigen mittelhessischen Betrügerbande auf. Darüber hinaus wollten sich die Ermittler nicht äußern.

Manchmal werden beim „Flipping“ die oft reparaturbedürftigen Häuser mehr, mal gar nicht renoviert. Hauptsache es geht schnell, da durch die manchmal nur vorgetäuschte Aufwertung eines heruntergekommenen Objektes gezielt der Marktwert gesteigert, ein höherer Verkaufspreis erzielt werden kann.

Das Immobilien-Pingpong soll Investoren in der Regel ausschließlich schnelles Geld bringen. Die auch als „Fix and Flip“ bezeichnete Strategie zählt laut Immobilienverband IVD zu den „absoluten Profi-Methoden im Immobilien-Invest-Bereich“.
Doch das Vorgehen ist wegen der in Deutschland anfallenden Nebenkosten wie Grunderwerbssteuer und Notargebühren eher selten – der Marburger Fall erregt auch deshalb bundesweites Aufsehen, da diese Geschäftsmethode ein entscheidender Auslöser für das Platzen der Immobilienblase in den USA im Jahr 2007 war.

Finanzexperten zufolge trieb das „Flipping“ die Preise in die Höhe, Käufer nahmen immer mehr Kredite auf. Die Folge der Immobilienblase war eine weltweite Wirtschaftskrise. Bei einem sogenannten Flip, einer seit 2015 wieder stärker verfolgten Strategie, machen Investoren in den USA aktuell im Schnitt mehr als 50 000 Euro Gewinn – etwa doppelt so viel wie Mitte der 2000er-Jahre.

Markt in Marburg 
bietet hohe Renditen

Dass Marburg Schauplatz für illegale Immobilien-Deals, die bei Banken einen Schaden in Millionenhöhe verursacht haben soll, ist, wundert nicht: Wohneigentum in der Universitätsstadt wird seit Jahren teurer, vielen Immobilien werden auch in den nächsten Jahren Wertsteigerungen zugeschrieben.

Das geht aus einer Postbank-Prognose hervor. Auch dem Umland, dem Landkreis Marburg-Biedenkopf – in dem es auch Flipping-Objekte gegeben haben soll – stellen die Experten eine „zumindest stabile Wertentwicklung“ in Aussicht. Die Entwicklung werde besser verlaufen als in Nachbar-Regionen wie dem Schwalm-Eder- oder dem Vogelsbergkreis.

Stärkere Wertsteigerungen als in Mittelhessen werden nur im Rhein-Main-Gebiet prognostiziert. Spätestens seit die Kaufpreise in Großstädten explodieren, gelten Städte wie Marburg oder Gießen als Top-Standorte. These: Attraktive Universitätsstädte werfen langfristig mehr Rendite ab.

In Marburg seien für Investoren „überdurchschnittliche Renditen“ zu erwarten, hieß es in den vergangenen Jahren auch von Branchenkennern.Laut Verband der Immobilienberater Hessen sei Marburg in den vergangenen Jahren „ein guter Immobilienstandort. Die Voll-Infrastruktur, etwa mit Klinikum, Einkaufsmöglichkeiten und Zugverbindungen in alle Himmelsrichtungen, macht die Stadt als Wohnlage attraktiv“.

Zwischen 2016 und 2018 gab es in Marburgs Kernstadt nach Angaben der Stadtverwaltung Besitzerwechsel von 164 Eigentumswohnungen, 36 Mehrfamilienhäusern, 30 Wohn- und ­Geschäftshäusern sowie elf Ein- und Zweifamilienhäusern.

In der Universitätsstadt kostet ein gebrauchtes frei stehendes Einfamilienhaus laut jüngstem Immobilienmarktbericht 330 000 Euro – das sind 10 000 Euro mehr als im Durchschnitt in Hessen. Zum Vergleich: Im Landkreis Marburg-Biedenkopf sind sowohl Häuser als auch Eigentumswohnungen im Jahr 2017 im Durchschnitt halb so teuer wie in der Stadt.     

von Björn Wisker
 und Andreas Schmidt