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Marburg Taxi-Branche in der Dauerkrise
Marburg Taxi-Branche in der Dauerkrise
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08:00 29.04.2022
Hans-Herbert Brunett steht an einem seiner Taxis.
Hans-Herbert Brunett steht an einem seiner Taxis. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Spritpreisexplosion hat nicht zuletzt aufgrund des Kriegs in der Ukraine die Lage in der Taxibranche verschärft. „Es gibt jeden Tag reihenweise Unternehmen, die aufgeben, die einfach nicht mehr können“, sagt jüngst Verbandsgeschäftsführer Michael Oppermann der Deutschen Presse-Agentur. „Gestern standen wir am Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter“, umschreibt er die Lage. „Das kennen wir noch nicht mal aus der Ölkrise in den 70er Jahren“, ergänzt Oppermann.

„Unsere Branche kommt schließlich bereits aus einer wirtschaftlichen Durststrecke aufgrund der Corona-Pandemie“, sagt Hans-Herbert Brunett, Taxi-Unternehmer aus Wehrda. „Geschlossene Gaststätten, Hotels und Discos ließen unser Geschäft einbrechen. Typische Taxifahrten durch Partygänger, Touristen, Geschäftsreisende oder Urlauber auf dem Weg zum Flughafen nach Frankfurt gab es wegen der Corona-Pandemie lange Zeit nur in geringem Umfang. Und dann kommen auch noch zusätzlich höhere Werkstattpreise und Spritkosten auf Rekordhoch hinzu“ erklärt Brunett, der zwischenzeitlich Kurzarbeit anmeldete und nur noch zwei seiner vier Fahrzeuge einsetzte. Damit nicht genug: „Die Mindestlohnerhöhung wird uns nochmals schwer belasten.“ Stellt sich die Frage, wie die Mehrkosten bezahlt werden sollen. Allein aus den Umsätzen sei das alles nicht finanzierbar. Für viele Taxiunternehmer rechne sich das Geschäft einfach nicht mehr. „Jeden Tag werden beispielsweise in Berlin ein bis zwei Taxen abgemeldet“, sagt Oppermann. Viele Taxi-Betriebe fürchteten um ihre Existenz. Die Entwicklung ist deutschlandweit ähnlich: Seit Beginn der Pandemie ist die Zahl der Taxi-Unternehmen nach Angaben des Bundesverbands bereits um ein Fünftel zurückgegangen.

Preissteigerungen schlagen mit 6000 Euro mehr pro Wagen durch

Ein Grund ist die Entwicklung an der Tanksäule: Zuletzt ist der Preis für Diesel zwar wieder leicht gesunken, lag aber weiter über zwei Euro pro Liter. Im Vergleich zum Niveau vor Beginn des Krieges in der Ukraine hat er sich nochmals um rund 50 Cent verteuert.

Auch für Hans-Herbert Brunett erhebliche Mehrkosten: „Die Kilometer-Leistung eines meiner Taxis beträgt im Jahr 80.000. Bei einem Verbrauch von rund 9,5 Litern und einem Dieselpreis von 2,10 Euro kostet mich das rund 16.000 Euro im Jahr. Als der Spritpreis noch bei 1,30 Euro lag, zahlte ich rund 10.000 Euro, also 6 000 Euro weniger. Bei vier Taxis muss ich also pro Jahr rund 24.000 Euro mehr bezahlen“, rechnet Brunett vor.

Ans Aufhören denkt Brunett aber (noch) nicht. „Es kommen hoffentlich auch wieder bessere Zeiten. Bis dahin benötigt unsere Branche allerdings Unterstützung.“

Dies sagt auch der Marburger Taxi-Unternehmer Hassan Sorany. Die Reduzierung der Energiesteuern um 14 Cent pro Liter Diesel werde sich zwar bemerkbar machen. „Es kompensiert aber immer noch nicht die Mehrkosten, die wir haben.“ Durch die weitreichenden Aufhebungen der Corona-Maßnahmen sei eine Verbesserung der Situation durchaus zu erwarten – etwa, weil wieder mehr Menschen mit dem Taxi fahren werden. Die Umsatzrückgänge seien dadurch jedoch nicht vollständig auszugleichen. Notwendig seien zusätzliche Maßnahmen, sonst funktioniere die ganze Kalkulation einfach nicht mehr.

Taxi-Unternehmer Hassan Sorany in der Marburger Bahnhofstrasse. Archivfoto Quelle: Thorsten Richter

Sorany plädiert für eine Anpassung der Tarife, die seit Jahren nicht erhöht wurden. Auch aus Sicht der Taxibranche sind höhere Tarife unverzichtbar. Michael Oppermann hält ein Plus von 20 Prozent für nötig. „Weniger wegen der Kraftstoffpreise, vor allem wegen des Mindestlohns.“ Beim Sprit gebe es die Hoffnung auf Besserung, beim gesetzlichen Mindestlohn sind bleibende Mehrkosten sicher, wie der Verbandsgeschäftsführer argumentiert. Wenn die Erhöhung von derzeit 9,82 Euro pro Stunde mit einer Zwischenstufe im Juli zum Oktober auf 12 Euro kommt, müssten bis dahin aus Branchensicht idealerweise auch die Taxitarife schon angehoben sein. Nur so richtig glauben will daran niemand: „Tarifanhebungen können gut mal ein Jahr dauern“, klagte Oppermann.

Brunett hingegen fordert Steuerentlastungen und einen Spritkostenzuschuss. Die Tarife anzuheben bringe letztlich nicht viel, weil das in der Regel den Kunden vergrault. Zu befürchten wäre dann, dass noch weniger Menschen das Taxi benutzen.

Verband fordert „Putin-Preisaufschlag“

Der Verband hat in den vergangenen Wochen eine Reihe von Forderungen nach schnelleren Lösungen an die Bundespolitik gestellt – nach einem „Putin-Preisaufschlag“ etwa. „Das wäre kurzfristig zu machen“, sagte Oppermann. „So etwas in der Art gab es schon mal in der Ölkrise.“ Gemeint ist ein Zuschlag von mindestens einem Euro pro Fahrt. Im Gegensatz zu Brunett glaubt Oppermann, dass das Verständnis der Kunden da wäre.

Auch eine fixe Summe – zum Beispiel 100 Euro – pauschal pro Auto und Woche an die Taxi-Unternehmen zu bezahlen, hält Oppermann für keine schlechte Idee und weist auf das Beispiel Irland hin, wo bei Betrieben der Transportbranche so verfahren werde. „Drin wär’s schon, wenn man wollte.“ Angesichts der steigenden Kosten bleibe den Taxi-Unternehmen einfach wenig Luft. „Die Unternehmen rufen nach Hilfe“, sagte Oppermann. „Und die fühlen sich im Moment alleine gelassen.“

Fakten und Zahlen

Vor zwei Jahren, zu Beginn der Corona-Krise, waren in Deutschland etwa 36.000 Taxi- und Mietwagenunternehmen registriert. Dafür wurden bundesweit rund 9. 000 Fahrzeuge eingesetzt (56.000 als Taxi, 36.000 als Mietwagen und 3.500 als gemischtgenehmigte Fahrzeuge).

Jährlich wurden rund 430 Millionen Fahrgäste befördert. Dabei wurden 2,8 Milliarden Personenkilometer zurückgelegt. Die Zahl Taxi- und Mietwagenunternehmen liegt nach Einschätzung des Bundesverbandes Taxi und Mietwagen heute bei nur noch rund 30.000.

Seit Beginn der Pandemie ist allein die Zahl der reinen Taxi-Unternehmen nach Angaben des Bundesverbands bereits um ein Fünftel auf aktuell rund 18 000 zurückgegangen.

Der Bundesverband erwartet, dass sich die Entwicklung noch beschleunigen werde und es Ende des Jahres ein Drittel weniger Taxi-Unternehmen sein könnten.

Von Michael E. Schmidt

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