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Marburg Wegen Klima und Corona: Kommt der Unterricht im Freien?
Marburg Wegen Klima und Corona: Kommt der Unterricht im Freien?
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16:00 16.07.2021
An der frischen Luft statt nur lüften: Das soll mit „Grünen Klassenzimmern“ gelingen, wie sie in Marburg gerade gefordert werden.
An der frischen Luft statt nur lüften: Das soll mit „Grünen Klassenzimmern“ gelingen, wie sie in Marburg gerade gefordert werden. Quelle: Gregor Fischer
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Marburg

Lernen auf Schulhöfen, Unterricht an der frischen Luft – und das nicht nur in Sportstunden: Was halten Schulen in Marburg von der jüngsten Forderung nach Einrichtung von „Draußen-Klassenzimmern“? Die OP hat sich umgehört.

„Das ist eine ganz geniale Idee, zumal für unsere so nah an der Lahn und unweit des Alten Botanischen Gartens gelegene Schule“, sagt Wyrola Biedebach, Leiterin der Martin-Luther Schule. Ob wie aktuell Corona-Infektionsschutz oder langfristig Klima, sprich Hitze: „So ein Schritt ist eine Arbeitserleichterung, und es bräuchte für die Umsetzung gar nicht viel – ein Leihsystem für Klappstühle und Klemmbretter, eventuell ein Schlecht-Wetter-Pavillon könnten schon reichen.“ Der Unterricht sei jedenfalls leicht so anzupassen, dass es weder im Grünen noch auf Schulhof mobile Tafeln oder Ähnliches bräuchte, mit wenigen mobilen WLAN-Hotspots wäre überall die Nutzung digitaler Lernmittel möglich. „Ich halte das für schnell umsetzbar und es entspricht letztlich genau den schon seit längerem bestehenden Wünschen der Schüler.“

„Begeistert“, so sagt Philippinum-Leiter Michael Breining, sei man von der Innovation „Outdoor-Klassenzimmer“. Und bei der Erneuerung des hinteren Schulhofes habe man das bereits konzeptionell mitgedacht, auch entsprechend bauen lassen – mit Bepflanzung startklar sein soll die mit Stein-Sitzgelegenheiten ausgestattete Fläche nach den Sommerferien. „Unterricht an der frischen Luft setzt neue Impulse, lässt Schüler wie Lehrer aus einem oft doch starren System ausbrechen – das regelmäßig zu nutzen, wird einfach gut tun“, sagt er. Biologie mit Lehre über Pflanzen und Tieren, ebenso gut aber Mathe oder Deutsch: „Fast jeden Unterricht kann man entsprechend anpassen.“

Große Berufsschulen skeptisch

Ähnliches Stimmungsbild auch an der Elisabethschule: „Herkömmliche Klassenzimmer genügen im Hinblick auf ihr Raumangebot schon lange nicht mehr den Anforderungen modernen, auf Kooperation basierenden Lernens“, sagt Gunnar Merle, Schulleiter. In den wärmeren Monaten des Jahres solle man das Schulgelände so nutzen können, dass es nicht nur Erholungsort in den Pausen, sondern auch „ein Ort des Lernens und der sozialen Interaktion ist“. Mit der Schulhof-Umgestaltung vor knapp zehn Jahren sei man an der E-Schule schon erste Schritte in die Richtung „Grünes Klassenzimmer“ gegangen.

Doch an den Kaufmännischen Schulen ist man zurückhaltender. „Alle Fächer, die technische Infrastruktur – Smartboard, Whiteboard, Beamer, Visualizer, Internetzugang, aber auch ganz klassisch eine Tafel – benötigen, hätten ein Problem“, sagt Klaus Denfeld, Schulleiter, mit Verweis auf den Transport. Eine Verlegung des Unterrichts ins Freie werde in einzelnen Fächern – von Sport wie Politik und Wirtschaft – sowie in unteren Jahrgangsstufen bereits praktiziert, als prinzipielles Modell auch für die Gewährleistung des Corona-Infektionsschutzes sei „Outdoor Unterricht“ aber laut Denfeld nicht geeignet. Er hofft vor allem auf den Einbau von Luftreinigern.

An der anderen großen Berufsschule, der Adolf-Reichwein-Schule, findet man die Idee zwar „sehr gut“ und bewege sich im Sportunterricht bereits in die Richtung, aber es gebe vor Ort – zwischen Weintrautstraße, Bahngleisen und Stadtautobahn – praktische Umsetzungs-Probleme. „Die Lärmbelästigung ist extrem hoch“, sagt Holger Leinweber, Schulleiter. Man sei daher schon froh, dass durch die Sanierung des E-Gebäudes mit Dreifachverglasung der Fenster eine Verbesserung für den Innenraum erzielt wurde.

Auch inhaltlich stellten „Grüne Klassenzimmer“ die ARS-Lehrer und -Schüler mitunter vor Probleme: „Der Berufsbezug ist von vielen fachpraktischen Bezügen gekennzeichnet, so dass den Laboren im Innenbereich in allen Fachbereichen eine hohe Bedeutung zukommt.“ Es gebe auch „technische Grenzen für den Unterricht im Freien“ – von WLAN-Verfügbarkeit und Signalstärke bis hin zu Projektionsmöglichkeiten.

An der Gesamtschule Ebsdorfergrund gibt es ein „Freiluft-Klassenzimmer“ schon seit längerem.

Von Björn Wisker

16.07.2021
16.07.2021