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Marburg Wegen Corona: Absturz in die Existenzangst
Marburg Wegen Corona: Absturz in die Existenzangst
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09:57 18.05.2020
Familie in Zeiten von Corona: Erik Metzger und Eva Therre mit ihren Kinder Tom Therre (15 Jahre), Toni Therre (6 Jahre), Ben Therre (9 Jahre) und Nils Metzger (17 Jahre) plagen Existenzängste. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Existenzängste durch den corona-bedingten Wirtschaftseinbruch: Eva Therre und Erik Metzger schleppen sich mit ihren vier Kindern durch die Corona-Pandemie.

Es ist aber nicht nur die seit mehr als zwei Monaten anhaltende Dauerbetreuung des sechs- und die Beschulung der 9-, 15- und 17-jährigen Kinder, die dem Paar „jedes bisschen Kraftreserve raubt“, wie Therre sagt. Oben drauf und letztlich alles überlagernd sind die akuten Geldsorgen der Familie, die am Ortenberg wohnt und um ihre Zukunft bangt.

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Denn Eva Therre ist vor wenigen Monaten, nach Schließung der wohl auch auf Jahre nicht mehr öffnenden Jugendherberge in Weidenhausen arbeitslos geworden.

Erik Metzger steht als Selbstständiger mit seinem Cappeler Reisebüro – angesichts von Null-Einnahmen seit Mitte März – kurz vor der Insolvenz. „Die Sorgen erdrücken einen, es gibt nur noch Anspannung. Uns ist nur noch zum Heulen zumute“, sagt Therre.

Derzeit stellt niemand Personal ein

Das Paar fragt sich, wie es soweit kommen konnte. Sie haben doch alles gemacht, gearbeitet, Einkommen gehabt, Versicherungen gezahlt, das Geld zurückgelegt, was man zurücklegen konnte – alleine schon wegen der Kinder.

Therre hat sich nach dem Jobverlust auch sofort beworben, doch eben wegen der Corona-Wirtschaftslage stellt derzeit praktisch keine Firma Personal ein. Was finanziell bleibt: ein bisschen Arbeitslosengeld, dazu Kindergeld.

Und weil das Reisebüro von Erik Metzger wegen des faktischen Reiseverbots nichts mehr abwirft, Kunden in Scharen ihre Buchungen stornieren und das Geld zurückgefordert haben, ist der Betrieb sogar ins Minus gerutscht. Die Fixkosten übersteigen die Einnahmen.

Kein Wohngeld, kein Kinderzuschlag

„Jeden Cent, den wir irgendwo rausziehen konnten, haben wir rausgezogen. Wir stecken aber in einer ebenso unverschuldeten wie ausweglosen Situation.“ Denn: Staatliche Hilfe bekommen sie nicht, schon gar nicht schnell.

Kinderzuschlag? Geht nicht, weil mit unter 900 Euro ein zu geringes Haushaltseinkommen. Wohngeld? Abgelehnt. Hartz-IV? Seit Wochen ein Papierkrieg, ein Dokumente-Hin-und-Hergeschicke zwischen der Patchwork-Familie und Behörden.

„Wir haben immer geackert, sind Macher und ruhen uns nicht aus. Über die Runden kamen wir immer, nicht brüllend und krachend, aber es hat gereicht. Niemals hätten wir staatliche Hilfe in Anspruch genommen, in der Situation sahen wir uns nie. Jetzt stecken wir aber unverschuldet drin – und bekommen nichts“, sagt Therre.

„Und steht das Wasser schon über dem Hals“

Die Marburger fallen in die Lücken des Sozialsystems, rutschen durch den Spalt der jeweiligen Bemessungsgrenzen. „Dabei steht uns das Wasser schon über dem Hals“, sagt Eva Therre und fürchtet selbst im Fall von gewährter Sozialhilfen, dass der Familie ein Umzug in eine billigere Wohnung – aktuell 1.200 Euro Monatsmiete – aufgezwungen wird.

Ohne Spenden von engen Freunden ginge schon jetzt nichts mehr, nur dank deren Sammelaktion konnten die Ortenberger überhaupt die Mai-Miete zahlen.

Die Marburger fordern von der Bundesregierung, Landesregierung, Kommunalpolitik – eigentlich egal von wem – ein Notpaket für Familien, ein Krisengeld, wenigstens einen bedingungslosen Kinderzuschlag.

Denn das, was seit Wochen bundesweit als „Stay-at-home“-Solidarität gefeiert wird, empfinden sie als zunehmende Ungerechtigkeit. „Corona hat unsere Familie in eine Notlage gebracht, uns diese Situation angetan – und wir werden damit wohl nicht alleine bleiben“, sagt Therre und hofft, dass noch mehr Menschen offen über ihre corona-bedingten Probleme sprechen. „Auf jedem Kampf ist irgendwann der Deckel drauf, man kann nicht alles verdauen.“

Von Björn Wisker

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