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Marburg Weckruf an die Gesellschaft
Marburg Weckruf an die Gesellschaft
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10:02 08.03.2021
Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Demonstration des feministischen Streikbündnisses versammeln sich zu einer Demo in der Leipziger Innenstadt.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Demonstration des feministischen Streikbündnisses versammeln sich zu einer Demo in der Leipziger Innenstadt. Quelle: Foto: Sebastian Willnow
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Marburg

Seit mehr als 100 Jahren wird am 8. März überall in der Welt auf Frauenrechte, auf die Gleichstellung der Geschlechter und auf bestehende Diskriminierungen von Frauen aufmerksam gemacht.

Einen Feiertag wie in Berlin braucht es nicht, wenn es nach der Marburger Professorin Helga Krüger-Kirn geht. Vielmehr seien weitere Ankerpunkte notwendig – angelehnt an den „Equal pay day“, um auf die noch immer bestehenden Probleme, insbesondere das Recht auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung, aufmerksam zu machen.

Die Gleichstellungsdebatte – Frauen und Männer gleichermaßen – müsse stetig angefeuert werden. Dreh- und Angelpunkt des Ungleichgewichts sind die bis heute laut Krüger-Kirn mit Elternschaft verknüpften Vorstellungen von Mutterschaft, die Frauen ausbremst: Die Frage, ob eine Frau ein Kind bekommt oder ob sie trotz der Kinder berufstätig ist, ist ein frauenspezifisches Thema, das eng mit den gesellschaftlichen Vorstellungen von Weiblichkeit zusammenhängt.

Zum Weltfrauentag

Der Frauentag wurde auf Anregung der deutschen Sozialdemokratin Clara Zetkin erstmals am 19. März 1911 in Deutschland und in Nachbarländern organisiert. Seit 1921 wird er jährlich am 8. März gefeiert. 1977 erkannte die UN-Generalversammlung den 8. März als Internationalen Frauentag an.

Was sich bis heute als ungeschriebenes Gesetz manifestiert hat, ist die klare Vorstellung, dass es zu einer Frau dazugehört, Mutter zu sein. Zu Krüger-Kirn, – die Honorarprofessorin an der Philipps-Universität Marburg und niedergelassene Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Paar- und Familientherapeutin ist – kommen immer öfter junge Frauen in die Praxis, weil sie unter einem Begründungsdruck leiden, dass sie keine Kinder wollen. Der gesellschaftliche Druck, der auf ihnen lastet, sei so groß, dass sie Hilfe suchen. Doch auch wenn sich Frauen für Familie entscheiden, sei der gesellschaftliche Druck enorm und übe massiven Einfluss aus.“

Das heutige Bild einer emanzipierten Frau und Mutter geht davon aus, dass eine Frau eine gute Mutter und eine Karrierefrau sein muss. Dabei spielen eigenes Einkommen und Altersversorgung eine legitimierende Rolle. Im Vordergrund steht ein Vereinbarkeitsideal, in dem die mütterliche Verantwortung für Kinder und Familie bestimmend ist.

Hier spielt vor allem auch das Rabenmutter-Motiv eine zentrale Rolle. Frauen, die bald nach der Geburt wieder Vollzeit arbeiten wollen, fühlen sich daher oft schuldig und stehen unter einem enormen Rechtfertigungsdruck. Der Weltfrauentag macht deshalb darauf aufmerksam, dass es um die Selbstbestimmung der Frauen noch immer schlecht bestellt ist. „Der Weltfrauentag ist unglaublich wichtig, damit wir uns mit der Schieflage der Geschlechtergerechtigkeit auseinandersetzen“, sagt sie. Dies verdeutlicht auch die Corona-Pandemie und zeigt, dass die Gesellschaft von Ungleichheit durchströmt ist und den Fortschritt der Gleichberechtigung erschwert.

Die Fürsorgearbeit wird zu wenig wertgeschätzt

Dass großer Handlungsbedarf besteht, hat laut Krüger-Kirn auch viel mit dem Verständnis von Care-Work zu tun, die bis heute weiblich konnotiert ist. Krüger-Kirn führt als Gründe zum einen die Tatsache an, dass die Versorgung der Familie und Kinder vielfach auf den Müttern lastet. „Es hat sich gezeigt, dass sich eine gerechte Aufteilung der Familienarbeit nicht etabliert hat“, sagt sie. Die mangelnde Wertschätzung von Care-Arbeit, sprich Mütterlichkeit, spiegelt sich auch in der schlechten Bezahlung der Kindergarten- und Pflegekräfte wider. Es ist ein Weckruf an die Gesellschaft. Um eine Veränderung herbeizuführen, müsse gesellschaftlich anerkannt werden, dass Mütterlichkeit kein Geschlecht braucht.

Gründe für den Weltfrauentag

  • Frauenrechte sind Menschenrechte: 1993 wurde auf der UN-Menschenrechtskonferenz festgelegt, dass volle und gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am politischen, bürgerlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben auf allen Ebenen und die Beseitigung aller Formen der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts vorrangige Ziele der internationalen Gemeinschaft sind.
  • Frauenwahlrecht: Noch immer haben nicht alle Frauen auf der Welt Wahlrecht.
  • Gender Pay Gap: Frauen verdienen oft für dieselbe Arbeit weniger als Männer.
  • Veraltete Rollenbilder: Frauen arbeiten aufgrund ihrer Mutterrolle viel häufiger in Teilzeit als Männer.
  • Drohende Altersarmut: Davon sind Frauen viel öfter betroffen als Männer – weil sie Kinder erziehen und dafür aus dem Job aussteigen oder Stunden reduzieren.
  • Gleichstellung in Führungspositionen: Trotz Einführung der Frauenquote sank in der Corona-Zeit der Frauenanteil in Dax-Vorständen.

„Unzählige Studien widerlegen die seit Jahrhunderten entwickelte gesellschaftliche Zuordnung von mütterlicher Versorgung an Frauen und Mütter. Die Biologie – Frauen bekommen die Kinder – werde dazu genutzt, die Geschlechterrollen zu bestimmen. Demgegenüber zeigt die Forschung, dass Mütterlichkeit nicht geschlechtsspezifisch ist, sondern auf Beziehungserfahrungen und Fürsorgetätigkeiten basiert, um die kindlichen Bedürfnisse und Signale zu verstehen. Deshalb könnten Männer und Väter ebenso die Fürsorgearbeit übernehmen. Aber solange Mütterlichkeit als weiblich bestimmt ist, rückt die Gleichstellung der Geschlechter nicht in greifbare Nähe. Die Frauen blieben in ihrer Doppelrolle verhaftet und müssten weiterhin alles daran setzen, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Dass sie dabei an ihre Grenzen kommen, habe in der jüngsten Vergangenheit erneut die Homeschooling-Situation deutlich hervorgebracht. Die enorme Überforderung der Mütter hat gesellschaftlich kaum einen Raum bekommen, findet Krüger-Kirn. Im Krisenstab der Regierung fehle eine Lobby für Familien und Mütter.

Gerechte Aufteilung der Aufgaben ist möglich

„Eine geschlechtergerechte Aufteilung ist möglich und nötig“, sagt Krüger-Kirn, die sich dem Thema „Mutterschaft“ in ihrer Forschungsarbeit erschrieben hat. „Insbesondere sind wir dabei selbst gefragt. Neben den eigenen Elternschaftsvorstellungen, die wir alle tagtäglich kritisch hinterfragen müssen, brauchen wir staatliche Strukturen, die es Müttern und Vätern ermöglicht, finanzierbar in Teilzeit arbeiten zu können. Hier sehe ich in der Corona-Krise durchaus positive Potenziale, um über die Notwendigkeit einer familiären geschlechtlichen Arbeitsteilung innerfamiliär und öffentlich nachzudenken und die Aufgabenverteilung neu zu verhandeln.“

Zur Person

Professorin Dr. Helga Krüger-Kirn ist Honorarprofessorin an der Philipps-Universität Marburg und niedergelassene Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Paar- und Familientherapeutin. Der weibliche Körper, Mutterschaft und weibliche Identität sind ihre Haupt-Forschungsthemen. Aktuelle Forschung und Veröffentlichung zu Mutterschaft und Geschlechterverhältnissen im Rahmen des interdisziplinären Projekts „REVERSE - Krise der Geschlechterverhältnisse? Anti-Feminismus als Krisenphänomen mit gesellschaftsspaltendem Potenzial“ am Zentrum für Genderstudies und feministische Zukunftsforschung.

Dass der Gender Parents Gap hochgradig wirksam ist, belegt auch eine kürzlich am Zentrum für Geschlechterforschung und feministische Zukunftsforschung an der Philipps-Universität abgeschlossene Studie im Rahmen des „Reverse“-Forschungsprojekts zu Antifeminismus, in der Krüger-Kirn unter anderem Elternzeitschriften analysiert hat. Das eindrückliche Ergebnis: Es besteht eine moderne Rhetorik elterlicher Geschlechtergerechtigkeit, in der die traditionellen Geschlechterrollen implizit weiter wirksam sind. Der Weltfrauentag sei daher heute genauso aktuell und nötig wie vor 100 Jahren, so Krüger-Kirn.

Von Silke Pfeifer-Sternke

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