Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Vergleiche dich nur mit dir selbst“
Marburg „Vergleiche dich nur mit dir selbst“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 10.09.2019
Ali Mahlodji sprach vor Schülern im Marburger Cineplex. „Diese Welt ist nicht erschaffen von Menschen, die intelligenter sind als ihr“, rief er ihnen zu. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Ali Mahlodji ist heute ein internationaler Unternehmer, Vortragsreisender, Berater, Autor, EU-Jugendbotschafter und, und, und. Wie er das geschafft hat? Auf jeden Fall nicht, indem er darauf gehört hat, was ihm Eltern, Freunde oder Kollegen geraten haben: „Ich habe noch nie einen Erwachsenen getroffen, der in die Zukunft gereist ist, und uns, zurückgekommen, wirklich sagen kann, was der richtige Weg für uns ist.“ Und auch bei Folgendem ist sich Ali sicher: „Ich habe noch nie einen Jugendlichen getroffen, der nicht will. Ich habe nur Jugendliche getroffen, die gesagt bekommen haben, dass sie nicht gut genug sind.“

Was man über Ali übrigens auch sagen kann: Nachdem er mit seiner Familie aus dem Iran geflüchtet und in Österreich aufgewachsen war, brach er die Schule ab, stotterte und hat bis heute mehr als 40 Jobs ausgeübt. Im Marburger Cineplex erzählte er auf Einladung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg und des Regionalmanagements Mittelhessen von seinem Weg.

Eltern, die ihre Kinder über deren Zukunft beratschlagen wollen, meinen es gut. Daher reden sie etwa von soliden, sicheren Jobs, die eine gute Rente garantieren. Was laut Ali aber kaum einer weiß: 65 Prozent der Jobs, die in 10 Jahren ausgeschrieben werden, existieren noch nicht. Und sogar bei den jetzt über 100 000 ausgeschrieben Jobtiteln weiß häufig keiner, nicht mal (Groß-)Eltern, was das sein soll: „Key Account Manager“, „Proposal Manager“, „Engagement Manager“ sind alles Verkäufer. Und Ali war sogar „Global Engagement Manager“, verdiente gutes Geld. Doch dann kam ein Wendepunkt in seinem Leben – sein Vater verstarb.

Danach wurde ihm wirklich klar, „dass wir alle nur ein Leben haben“. Und spätestens dann wurde Ali Fragensteller, stellte nämlich solche an sich selbst: Was will ich von meinem Leben? Warum? Und wie will ich das machen? Ab da wurde Ali Gymnasiallehrer, „und das war der coolste Job meines Lebens. Aber auch der härteste.“

Schon als Schüler war Ali eines aufgefallen: „Es gibt in der Schule für alles Bücher, für Geografie, für Mathe – aber eben nicht für die wesentliche Frage: Was möchte ich später machen?“ Dieser Gedanke ließ ihn nicht los, bis er dann als Lehrer die bekannte Internetplattform „Watchado“ gründete.

Alis Rat: „Stellt Fragen und öffnet euer Herz“

Sie zeigt 7 000 Videos von Menschen aus mehr als 100 Ländern, die von ihrem Berufsweg erzählen. „Egal, was ihr macht, ihr braucht immer Menschen, die euch unterstützen.“ Und selbst wenn (Groß-)Eltern es häufig auch nur gut meinen – was ja bekanntlich das Gegenteil von gut machen ist –, sie lebten in einer anderen Zeit: „Ihr habt heute wirklich die Chance, euer eigenes Leben zu leben.“

Okay, Zeiten ändern sich, es gibt heute zahllose Möglichkeiten und gute Ausbildungschancen. Aber wie findet man denn jetzt seinen Weg? Ali: „Stellt Fragen. Öffnet euer Herz und eure Augen. Diese Welt ist nicht erschaffen von Menschen, die intelligenter sind als ihr. Aber: Sie haben es gemacht.“ Man sollte sich demnach nur nicht ständig mit anderen vergleichen: „Wenn du wissen willst, ob du es geschafft hast, dann vergleiche dich nur mit dir selbst.“

Der gut gefüllte Saal applaudierte nach Alis Vortrag belebt, stellte Fragen und vielleicht erfüllte sich ja tatsächlich, was Oskar Edelmann von der IHK anfangs gewünscht hatte: „Vielleicht kann der ein oder andere irgendwann zurückschauen und sagen: Mein Berufsweg hat heute im Marburger Cineplex begonnen.“

von Beatrix Achinger