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Marburg Paddeln, schleppen, paddeln
Marburg Paddeln, schleppen, paddeln
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00:17 30.05.2019
Direkt nach dem Einstieg geht es die Kanurutsche am Afföller Wehr runter. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Fünf Meter lang, ­einen Meter breit, gut 30 Kilogramm schwer. Rot lackiert ist „Kookaburra“, das Kanu vom Marburger Kanuclub.

Sanft wird es von Ronald Wagner, dem Vorsitzenden des Vereins in Wehrda, gegenüber vom Bootshaus ins Wasser gelassen. „Setz den Fuß am besten mittig ins Boot“, sagte er noch zu mir, bevor ich mit einem etwas mulmigen Gefühl hineinkletterte.

In den letzten Nächten gab es noch Frost, also kann das Wasser nicht wirklich warm sein. Ich sitze vorne in der Spitze auf der kleinen Bank, die Hände halten ein wenig verkrampft die Reeling. Ich spüre, als der „Kapitän“ ins Boot steigt. „Willst du links oder rechts paddeln“, fragt er mich, als es losgehen sollte. Ich entscheide mich für links.

Premiere für Kanuten

Harriet Fay und Klaus Korn schauen sich das Schauspiel schon von der Wasserseite an. Sie sitzen in ihren kleinen 
Kajaks und amüsieren sich. Nach uns lassen Bernd Detsch und Martina Petri ihr Kanu zu Wasser. Die beiden sind begeisterte Wasserwanderer, starten normalerweise ab Roth, kurz vor Gießen.

Wir wollen heute von Wehrda nach Gisselberg zu den Ruderern paddeln. Das ist nicht nur für mich eine Premiere, auch für die Kanuten vom Club. Denn normalerweise paddeln sie nur bis zu ihrer Trainingsstrecke ­unterhalb des Marburger Pfaffenwehrs.

Nach dem Einstieg geht es erst einmal flussabwärts in Richtung Innenstadt. Am Afföller Wehr gibt es gleich mal Action für einen Paddel-Anfänger wie mich. Es geht die Kanurutsche runter. Die Kanuten Harriet Fay und Klaus Korn „rutschen“ als Erste. Mit viel Geschick bugsiert Ronald Wagner unser Boot in die Fahrrinne, die durch Alupfosten gekennzeichnet ist. Mit Schwung geht es über die Bürsten nach unten. Es folgen Bernd Detsch und Martina Petri.

Weiter geht es zum „Aroma-Beach“. Wir lassen uns treiben, denn die Lahn fließt nach dem Wehr ein Stück mit natürlicher Strömung. Je weiter wir stadteinwärts kommen, desto lauter wird es. Die Autos rauschen zweistöckig über uns. Einmal am Nadelöhr am Bahnhof und oberhalb über die B3-Brücke. Mit dem Paddel treffe ich einige Male auf Steine, das Wasser scheint nicht sehr tief.

Ganz schnell im Gespräch

Wir passieren die Elisabethbrücke, Gespräche von Boot zu Boot sind schwierig. Entweder wir sprechen lauter oder Bernd Detsch muss sein Boot dichter an unseres manövrieren. Martina Petri erzählt: „Normaler­weise setzen wir erst in Roth ein und paddeln schon mal bis in den Rhein.“ Dann ist auch ihr Hund, ein Belgischer Schäferhund, mit dabei.

„Der sitzt im Bug wie ­eine Galionsfigur und löst am Ufer immer viel Gelächter aus. So kommen wir ganz schnell ins Gespräch“, sagt die 56-Jährige lachend. Ihr Mann Bernd nickt, der Verkehr ist gerade zu laut.

Wir lassen den lauten Verkehrsknoten hinter uns, und als die Lahn den Knick am Cine­plex macht, wird es endlich ruhiger. Wir sehen mehr Spaziergänger, Jugendliche, die auf den Bäumen sitzen, Familien, die auf den ­Bänken am Wasser sitzen. Sie winken uns zu, lächeln. Wir lächeln zurück und paddeln ­unter der Weiden­häuser Brücke durch.

Das Wasser wird ruhiger, die ersten Anzeichen, dass gleich wieder ein Wehr kommt. Das Grüner Wehr zwingt uns, das Wasser zu verlassen. Am Steg der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft ziehen wir die Boote an Land und schleppen zwei Mal 30 Kilo hunderte Meter über den Trojedamm, die steile­ unbefestigte Uferbefestigung auf ­Höhe des Hirsefeldsteges wieder hinab und bugsieren die Boote irgendwie ins Wasser. Für Ungeübte, Familien oder ältere Wassersportler unzumutbar. Wir mussten aufpassen, nicht auszurutschen oder das Boot zu ­beschädigen.

„Wenn wir jetzt noch Gepäck dabeihätten, müssten wir mehrmals laufen. Und das im Sommer, wenn der Trojedamm voll ist“, sagt Ronald Wagner und fügt noch hinzu: „Wir müssen den Touristen immer raten, ihre­ Tour südlich von Marburg zu starten, weil die Lahn hier oben undurchlässig ist. Das ist eigentlich schade.“

Balsam für gestresste Seele

Durch die Erfahrung der Marburger Kanuten sitzen wir trockenen Fußes wieder im Boot und paddeln weiter Richtung Gisselberg. Kurz vor der Konrad-Adenauer-Brücke, die übrigens vom Wasser aus richtig toll aussieht, fängt es an zu regnen und es wird wieder lauter, die Südspange kündigt sich an. Eine Schwanenfamilie mit fünf Jungen findet unseren Besuch gar nicht toll. Ein Elterntier attackiert uns mit kräftigen Flügel­schlägen und Zischlauten, obwohl wir schon einen großen ­Bogen um sie machen. Die Wassersportler kennen das.

Die Südspange lassen wir links liegen, das Rauschen der Autos wird langsam weniger. Die wirklich idyllische Atmosphäre­ mit den dicken Bäumen, die ins Wasser ragen, sind Balsam für gestresste Seelen. Kurz vor Ende­ unserer Tour hört der Regen auf und es wird noch einmal anstrengend. Wieder wird das Lahnwasser gestaut, das Wehr an der Steinmühle liegt vor uns. Doch wir steigen vorher am Steg der Ruderer aus den Booten.

Hövel sieht Handlungsbedarf

Fazit: Eine Stadtrundfahrt auf der Lahn durch Marburg ist wirklich toll und könnte sicher ein ergänzendes Tourismusangebot sein. Zwei Stunden ­gemütliches Paddeln entlang naturbelassener Uferzonen, mit Blick auf die Elisabethkirche, die vom Wasser aus toll anzusehenden Brücken, durch das entzückende Weidenhausen. Das Schleppen der Boote, aufgrund der fehlenden Kanurutsche am Grüner Wehr, ist wirklich mehr als mühsam, das Einsetzen der Boote dahinter fast unmöglich. Gäbe es hier beispielsweise eine­ professionelle Umtragemöglichkeit, dann wäre der B 3-Verkehr ganz schnell vergessen.

Das sieht Klaus Hövel von Marburg Stadt und Land Tourismus genauso: „Ich finde es schade, dass die Kanutouren nicht in Marburg starten können, da es am Grüner Wehr weder eine Kanu­rutsche noch eine vernünftige Umtragemöglichkeit gibt. Die Wasserwanderer sind meistens keine reinen Sportler, sondern Menschen, die sich auch gerne die Stadt anschauen.“

von Katja Peters